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Donnerstag, 30. April 2009

Über Wissenschaftssprache: Wie die Uni uns versaut

Von Serge Debrebant

„Studenten glauben, dass schlau wirkt, wer kompliziert schreibt. Wie konnte das passieren? Eine Erklärung Wer mit Fremdwörtern um sich wirft, will meist anderen imponieren

Neulich habe ich meine Abschlussarbeit weggeworfen. Romanistik, eine Abhandlung über einen Dichter des 16. Jahrhunderts. Ich zog um, brauchte Platz und war froh, als ich sie los war. Die Arbeit steht für fünf verschenkte Monate und liest sich so, wie ich mich beim Schreiben gefühlt habe. 68 Seiten Langeweile.

Vielen meiner Freunde ging es so. Statt klares Deutsch zu schreiben, erlagen wir der »Faszination des Unverständlichen«. Die Formulierung stammt von Wolf Wagner, Professor für Sozialwesen in Erfurt, der in seinem Ratgeber Uni-Angst und Uni-Bluff heute beschreibt, wie die Uni intellektuelle Hochstapler heranzieht. Sie bluffen, weil sie Angst haben, sich zu blamieren, und drücken sich so kompliziert wie möglich aus, weil sie hoffen, dass ihre Leser komplex mit kompliziert verwechseln.

Das klingt dann so: »Die Applikation der Dialektologie im Bereich der Kulturraumforschung wie Volks- und Landeskunde basiert auf einer Adaption der diatopischen Betrachtungsweise und der damit verbundenen kartographischen Darstellungsverfahren sowie auf der hilfsdisziplinären Funktion dialektaler Erscheinungen im Rahmen kulturgeographischer Untersuchungen und führt generell zu einer Stützung kulturanthropologisch-geographischer Aussagen.« Alles klar?" weiterlesen


Allen Schreibern nicht nur von wissenschaftlichen Werken sei das folgende aus dem Artikel mit auf den Weg gegeben:

Dann klingen die Haus- und Diplomarbeiten an deutschen Hochschulen, als hätten alle ein Lehrbuch für Rhetorik gelesen und sich darauf geeinigt, die Ratschläge in ihr Gegenteil zu verkehren. Fremdwörter sind elitär? Ein Grund mehr, sie zu benutzen! Verben machen einen Text lebendig? Dann nehmen wir doch lieber Hauptwörter – zum Beispiel »Dekonstruktion«! Dazu noch Schachtelsätze und Satzgirlanden.
Quelle: http://www.zeit.de/

Aber zum Glück bemühen sich inzwischen auch Sach-/Fachbuchautoren und auch viele Wissenschaftler, so verständlich zu schreiben, dass auch Nichteingeweihte ihre Texte verstehen. Mittlerweile werden Kurse für das Schreiben von Nonfiction angeboten und gibt es gute Bücher, die jeder, der verständlich schreiben will, auf seinem Schreibtisch stehen haben sollte: Lutz von Werders "Kreatives Schreiben in den Wissenschaften" und Umberto Ecos „Wie man eine wissenschaftliche Abschlussarbeit schreibt“. jmw

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