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Freitag, 24. Juni 2011

Gedicht der Woche: Hoffmann von Fallersleben über Schiller in Lauchstädt

Schiller in Lauchstädt 1804
Vorgetragen am Breslauer Schillerfeste 1837.

Daß man zu Lauchstädt sonst zur Sommerzeit
Komödie spielte, weiß man weit und breit;
Auch daß zuweilen dann zugegen war
Von Weimar aus das große Dichterpaar,
Und wie der Musensohn vom Saalathen
Nach Lauchstädt pflegte grade dann zu gehn.
Doch weiß man nicht, was eines Tags geschah.
Man spielt die Räuber; Schiller selbst ist da.
Vom Dichter ist das ganze Haus beglückt,
Der Dichter selber ist vom Spiel entzückt.
Doch ach! der Vorhang fällt, das Stück ist aus;
Zufrieden geht das Publicum nach Haus.
Nur Bruder Studio ist so erfreut,
Daß er gar manche Räuberscen’ erneut.
Frisch! in die böhmschen Wälder! schreit man hier,
Und dort: der Wald ist unser Nachtquartier.
Man lärmet, jubelt, schwärmet, trinkt und singt,
Der Dichter sitzt von froher Schaar umringt,
Er sitzt so heiter und so wohlgemuth,
Er trinkt als tränk’ er neue Jugendglut.
Doch als es endlich nun am Wein gebricht,
Da ruft er: „Nein! wir trennen uns noch nicht,
Noch nicht! dem Glücklichen schlägt keine Uhr.
Hinaus mit mir, hinaus in die Natur!“
Schön war die Nacht, kein Lüftchen regte sich,
Hell schien der Mond, das letzte Wölkchen wich.
Da rief der Dichter zu den Seinen: „Traun!
Hier ist gut sein, hier lasst uns Hütten baun!“
Und unter Bäumen in der Mondscheinnacht
Wird schnell ein Lauberhüttenfest gemacht.
Und wie man hat gebracht die Bänk’ herbei,
Und sitzt und singt, da kommt die Polizei.
„Was will der Sklav bei freien Männern hier?“
„Ich will, spricht der Soldat, ich will daß ihr
Nicht weiter singt und in so später Zeit
Die Badegäst’ aus ihrem Schlafe schreit.“
Da wird nur heftiger die Sangeslust
Und alles schreit vereint aus voller Brust:
Was will der Sklav bei freien Männern hier?
Und singt: ein freies Leben führen wir!
Doch jener rief: „heraus! Soldaten, raus!“
Und so gab’s einen tücht’gen Kampf und Strauß.
Der Sangesfürst mit seinem Hof entwich,
Er ließ sein großes schönes Reich im Stich,
Den heitern Himmel mit der Sternenpracht,
Die wonnigmilde lichte Mondscheinnacht:
In des Herzens heilig stille Räume
Musst du fliehen aus des Lebens Drang!
Freiheit ist nur in dem Reich der Träume,
Und das Schöne blüht nur im Gesang.“

Trug nun auch damals mancher Musensohn
Gar manchen Schlag und Puff und Knuff davon,
So denkt doch freudig unter uns daran
Noch Einer, der es nie vergessen kann,
Wie er mit Schiller trank und sang und stritt,
Wie er mit Schiller fliehen musst’ und litt.

        Das hat mir selber erzählt Einer,
        Damit Schillers werde gedacht;
        Wir gedenken Schillers und seiner
        Als hätten wir es mitgemacht.

(In Unpolitische Lieder von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Bd. 1. Hoffmann und Campe 2. Aufl. 1842, S. 185ff.)

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