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Donnerstag, 12. Januar 2012

Gedicht der Woche: Goethe über Feste, Gäste, Worte und Manieren

Hanswurst.
Soviel mir eigentlich bekannt
Ward das Stück Hanswursts Hochzeit genannt.
So laß mich denn auch schalten und walten,
Ich will nun hin und Hochzeit halten.

Kilian Brustfleck.
Ich bitt’ Euch, nur Geduld genommen;
Als wenn das so von Hand zu Munde ging!
Wie könnte da ein Stück draus kommen?
Und wär der Schade nicht gering.
Nein, was der Wohlstand will und lehrt,
Es ehre der Mensch, so wird er geehrt.
Die Welt nimmt an euch unendlich Theil,
Nun seyd nicht grob, wie die Genies sonst pflegen.
Und sagt nicht etwa: ah, meintwegen!
Es hat doch nicht so mächtig Eil.
Was sind nicht alles für Leute geladen!
Was ist nicht noch zu sieden und zu braten!
Es ist gar nichts an einem Feste
Ohne wohlgeputzte vornehme Gäste.

Hanswurst.
Mich däucht, das schönste bei einem Fest
Ist, wenn man sich’s wohl schmecken läßt.
Und ich hab’ keinen Appetit
Als ich nähm gern Ursel auf’n Boden mit,
Und auf’m Heu und auf’m Stroh
Jauchzten wir in dulci jubilo.

Kilian Brustfleck.
Ich sag’ euch, was die deutsche Welt
An großen Namen nur enthält,
Kommt alles heut in euer Haus,
Formiert den schönsten Hochzeitschmaus.

Hanswurst.
Ich möcht’ gleich meine Pritsche schmieren
Und sie zur Thür hinaus formieren.
Indeß, was hab’ ich mit den ......
Sie mögen fressen und ich will ......

Kilian Brustfleck.
Ach, an den Worten und Manieren
Muß man den ew’gen Wurstel spüren!
Ich hab’s – dem Himmel sey’s geklagt –
Euch doch so öfter schon gesagt:
Daß ihr euch sittlich stellen sollt,
Und thut dann alles, was Ihr wollt.
Kein leicht unfertig Wort wird von der Welt vertheidigt,
Doch thut das Niedrigste und sie wird nie beleidigt.
Der Weise sagt: – der Weise war nicht klein –
Nichts scheinen, aber alles seyn.
Doch ach, wie viel geht nicht an euch verloren!
Zu wieviel Großem wart ihr nicht geboren!
Was hofft man nicht, was ihr noch leisten sollt!

(Aus Hanswursts Hochzeit. In Goethe's poetische und prosaische Werke, 1836, S. 38)

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