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Donnerstag, 1. März 2012

Erasmus von Rotterdam über das Selbstlob und Stegreifreden

Und schließlich: ich halte es mit dem Sprichwort, das da sagt: „Lobe dich ruhig selbst, wenn es kein anderer für dich tun will.“ Freilich muß ich dabei sagen, daß die Undankbarkeit – oder ist es Faulheit? – der Menschen mich befremdet. Denn alle machen mir eifrig den Hof und sonnen sich gern in meiner Gnade; aber unter so vielen Generationen ist nicht einer gewesen, der mit dankbaren Worten der Torheit ein Kränzchen gewunden hätte. Dagegen ein Busiris, ein Phalaris, das Fieber, die Mücken, der Haarschwund und dergleichen Plagen fanden genug Leute, die sich das Öl und den Schlaf nicht reuen ließen, bis die Lobrede feingedrechselt neben der ausgebrannten Lampe lag.

Was ihr von mir zu hören bekommt, ist allerdings bloß eine richtige Stegreifrede, kunstlos, doch ehrlich. Und meint mir nicht, das sei nach Rednermanier gelogen, nur um mein Genie leuchten zu lassen. Ihr kennt das ja: Rückt einer auf mit einer Rede, über der er dreißig Jahre gebrütet hat – oft ist sie auch gestohlen –, so schwört er euch, er habe sie in drei Tagen wie spielend hingeschrieben oder gar diktiert. O nein – ich liebe es von jeher, alles das zu sagen, was mir Dummes just auf die Zunge kommt. Nur erwartet nicht, daß ich mich nach der Schablone der gewöhnlichen Redner definiere oder gar disponiere. Ein übler Anfang wäre beides, denn eine Kraft, die in der ganzen Welt wirkt, läßt sich in keine Formel bannen, und eine Gottheit zerstückelt man nicht, zu deren Verehrung sich alle Kreatur zusammenfinden.

Was sollte auch eine Definition? Sie würde euch nur einen Umriß, ein blutleeres Schattenbild zeigen, und habt mich doch  mich doch da in aller Leibhaftigkeit vor euern Augen und seht in eigener Person die wahre Geberin aller Gaben, das Wesen, das jedes Volk in seiner Sprache die Torheit heißt.

Postremo sequor tritum illud vulgi prouerbium, quo dicitur is recte laudare sese, cui nemo alius contigit laudator. Quamquam hic interim demiror mortalium, ingratitudinem dicam, an segnitiem, quorum cum omnes me studiose colant, meamque libenter sentiant beneficentiam, nemo tamen tot iam sæculis exstitit, qui grata oratione STVLTITIÆ laudes celebrarit, cum non defuerint, qui Busirides, Phalarides, febres quartanas, muscas, caluitia, atque id genus pestes, accuratis magnaque et olei et somni iactura elucubratis laudibus uexerint. A me extemporariam quidem illam et illaboratam, sed tanto ueriorem audietis orationem.
 

Id quod nolim existimetis ad ingenii ostentationem esse confictum, quemadmodum uulgus oratorum facit. Nam ii, sicuti nostis, cum orationem totis triginta annis elaboratam, nonnumquam et alienam proferunt, tamen triduo sibi quasi per lusum scriptam, aut etiam dictatam esse deierant. Mihi porro semper gratissmum fuit hoti an epi glôttan elthoi dicere. At ne quis iam a nobis expectet ut iuxta uulgarium istorum rhetorum consuetudinem, me ipsam finitione explicem porro ut diuidam, multo minus. Nam utrumque ominis est inauspicati, uel fine circumscribere eam cuius numen tam late pateat, uel secare, in cuius cultum omne rerum genus ita consentiat. Tametsi quorsum tandem attinet mei uelut umbram atque imaginem finitione repræsentare, cum ipsam me coram præsentes præsentem oculis intueamini? Sum etenim uti uidetis, uera illa largitrix eaôn, quam Latini STVLTITIAM, Græci MÔRIAN appellant.
(http://la.wikisource.org/wiki/Moriae_encomium)

Finally, I follow that well-worn popular proverb which says that a man does right to praise himself if he can’ find anyone else to praise him.
 

Here, by the way, I can’t help wondering at the ingratitude (if I may say so) or the dilatoriness of mankind. Everyone is only too anxious to cultivate me and freely acknowledges the benefits I bring, yet throughout all the ages nobody has ever come forward to deliver a speech of thanks in praise of Folly. Yet there has been no lack of persons ready to spend lamp-oil and lose their sleep working out elaborate speeches in honour of tyrants like Busiris [and Phalaris], quartan fever, flies, baldness, and plagues of that sort. From me you’re going to hear a speech which is extempore and quite unprepared, but all the more genuine for that. Still, I wouldn’t have you think I composed this to show off my talent, as the common run of orators do. As you know, they can spend thirty whole years elaborating a speech which even then may not be theirs at all, and then swear they wrote it for a joke in a mere three days or even dictated it extempore. For my part, I’ve always liked best to say ‘whatever comes [ill-timed] to the tip of the tongue’. None of you need expect me to follow the usual practice of ordinary rhetoricians and explain myself by definition, still less by division. It wouldn’t bode well for the future either to limit and confine one whose divinity extends so far, or to cut her up when the whole world is united in worshipping her. And what purpose would it serve for a definition to produce a sketch which would be a mere shadow of myself when I am here before you, for you to look at with your own eyes? For I am as you see me, the true bestower of 'good things,' called stultitia in Latin, ancient Môrian in Greek.
(http://www.ourcivilisation.com/smartboard/shop/erasmus/folly.htm)

(In Desiderius Erasmus: Das Lob der Torheit (Moriae encomium). Reclam jun., 1950 , S. 9 f.)

Weitere Übersetzungen siehe unter anderem http://www.irwish.de/PDF/Erasmus%20von%20Rotterdam%20-%20Das%20Lob%20der%20Torheit.pdf (mit Anmerkungen und 30 Zeichnungen von Hans Holbein d. J.) und  http://welcker-online.de/Texte/Erasmus/torheit.pdf

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