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Montag, 6. Dezember 2010

Statt eines Adventskalenders: Gedicht zum 6. 12. (mitsamt Richtigstellung)

Groß-Stadt-Weihnachten*

Nun senkt sich wieder auf die heim’schen Fluren
die Weihenacht! die Weihenacht!
Was die Mamas bepackt nach Hause fuhren,
wir kriegens jetzo freundlich dargebracht.

Der Asphalt glitscht. Kann Emil das gebrauchen?
Die Braut kramt schämig in dem Portemonnaie.
Sie schenkt ihm, teils zum Schmuck und teils zum Rauchen,
den Aschenbecher aus Emalch glasé.

Das Christkind kommt! Wir jungen Leute lauschen
auf einen stillen heiligen Grammophon.
Das Christkind kommt und ist bereit zu tauschen
den Schlips, die Puppe und das Lexikohn.

Und sitzt der wackre Bürger bei den Seinen,
voll Karpfen, still im Stuhl, um halber zehn,
dann ist er mit sich selbst zufrieden und im reinen:
“Ach ja, son Christfest is doch ooch janz scheen!”

Und frohgelaunt spricht er vom ‘Weihnachtswetter’,
mag es nun regnen oder mag es schnein.
Jovial und schmauchend liest er seine Morgenblätter,
die trächtig sind von süßen Plauderein.

So trifft denn nur auf eitel Gück hienieden
in dieser Residenz Christkindleins Flug?
Mein Gott, sie mimen eben Weihnachtsfrieden …
“Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug.”

Theobald Tiger**

(In Gesammelte Werke. Volk und Welt 1969, S. 254)


*auch Großstadt-Weihnachten

**Da Kurt Tucholsky dieses Gedicht unter seinem Pseudonym Theobald Tiger veröffentlicht hat, sollte auch es auch als Urheber angegeben werden

Und ach ja, es gibt wieder unterschiedliche Versionen. So wurde in der Version auf http://www.zeno.org/Literatur/M/Tucholsky,+Kurt/Werke/1913/Gro%C3%9Fstadt+-+Weihnachten und  http://de.wikisource.org/wiki/Gro%C3%9Fstadt-Weihnachten hinter “schnein” ein Komma eingefügt, obwohl die Zeile mit einem Punkt enden muss. Bei Wikisource heißt es in der ersten Zeile statt Fluren “Fluten”, was unsinnig ist, außerdem passt dann der Reim “fuhren” nicht.


Nachtrag 5. 9. 2012: Wikisource hat den Fehler inzwischen korrigiert.

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