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Donnerstag, 6. September 2012

Gedicht der Woche: Im Bade von Theobald Tiger

Im Bade

Die Welle bricht sich. Kann mans ihr verdenken?
Es taucht ins Meer ein feister Menschensack:
die Glieder badet dort, die ungelenken,
Frau Zademack.

Im Bademantel tritt mit hastigen, schnellen
Bewegungen Herr Baccer aus der Tür.
Neptun persönlich aus den tieffsten Wellen
sagt: „Ab dafür!“

Es rollt sich an das arme Seegestade
Lu Lora, mit ’nem ganzen kleinen Stich.
Und der Verehrer Chor spricht: „Schade, schade!
Heut filmt se nich!“

Es rudert wie beim Sprechen mit den Händen
Herr Moppelmann am deutschen Ostseekap.
Er denkt beim Wogenspiel an Dividenden:
Mal auf – mal ab!

Und der ist da und die. Von der Regierung
schwimmt dort ein Mann – pomadig, faul und schlapp …
Man bricht sich auch im Bade die Verzierung
nur ungern ab.

Und die ist da und der – in vollen Rudeln – –
O lieber Gott! willst du mal freundlich sein?
Dann laß mich schwimmen in den blauen Strudeln
allein, allein –!

Theobald Tiger (Kurt Tucholsky)

(In Ulk, Wochenbeilage zum Berliner Tageblatt, 48 (1919), S. 114 http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ulk1919/114)

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