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Montag, 8. November 2010

Warum die Verletzung des Urheber- und Zitatrechts kein Kavaliersdelikt ist. I


Wir alle blättern gern in Zitatensammlungen und stellen gern Zitate irgendwo ein. Denn, wie Ralph Waldo Emerson in Quotation and Originality so schön sagt: „Wir alle zitieren – aus Not, aus Neigung und aus Freude daran (By necessity, by proclivity, and by delight, we all quote).“ Nur: das kann viel Ärger mit sich bringen. (Mehr zu Emersons Zitat siehe hier) –

Achtung: Wenn Sie das Urheberrecht kennen, diese Fragen bei Spiegel Online also richtig beantwortet haben, können Sie die Seite schließen. Wenn nicht, dann lesen Sie bitte weiter – Sie können so unliebsame Briefe und Kosten vermeiden. –

In Deutschland unterliegen alle Werke automatisch dem Urheberrecht – der Autor entscheidet, wer sein Werk nutzen darf. Der Copyrightvermerk © by Max Mustermann ist daher überflüssig (siehe dazu auch hier, hier und hier). Ab dem 70. Todestag eines Urhebers sind Zitate, Gedichte, Liedtexte usw.* jedoch gemeinfrei, sie dürfen also ohne weiteres veröffentlicht werden – es sei denn, die Rechte liegen bei den Erben oder anderen Inhabern des Nutzungsrechtes wie Verlage (das gilt natürlich auch für Übersetzungen). Deshalb ist beim Veröffentlichen fremder Texte äußerste Vorsicht geboten.

Das Zitieren ohne Genehmigung ist nur erlaubt, wenn eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Zitat erfolgt und es so knapp wie möglich ausfällt (siehe unter anderem http://www.internetrecht-rostock.de/zitatrecht.htm). Will man irgendwo ein urheberrechtlich geschütztes Zitat einstellen, nur weil es einem gefällt, braucht man eine Abdruckerlaubnis.

Generell ist aber zu beachten, dass die Zitate, Gedichte und andere Texte nicht verändert werden dürfen und der Name des Urhebers genannt wird. Dazu gehört auch, dass nicht einfach die neue deutsche Rechtschreibung gewählt wird, das ß also in ss umgewandelt wird (vor allem, wenn der Einsteller des Textes die Regeln dafür nicht beherrscht); auch müssen bei Gedichten die Zeichensetzung und die Einhaltung der Strophen beachtet werden. Der Dichter hat sich nämlich etwas dabei gedacht und jedes einzelne Satzzeichen wie Doppelpunkt, Semikolon, Ausrufungszeichen oder Gedankenstrich bewusst gewählt. – Das mag für Laien unverständlich sein, aber gerade bei einem Gedicht, das mit wenigen Worten so viel aussagen muss, sind jedes einzelne Wort und jedes einzelne Zeichen von Bedeutung. – Ganz verpönt ist natürlich das Einfügen zum Beispiel von Kommata, wenn der Einsteller die Zeichensetzung nicht so recht beherrscht. Und wichtig ist natürlich, dass Gedichte die richtige Überschrift bekommen. Am besten, Sie orientieren sich an den Vorschriften von Wikiquote. (Siehe dazu auch „Urheberrechtlicher Schutz bei unberechtigten Verbreitung eines Gedichts im Internet“ (http://juttas-schreibblog.blogspot.com/2009/02/urheberrechtlicher-schutz-bei.html).

Leider sind das Urheber- und das Zitatrecht so gut wie unbekannt. Munter werden Zitate und Gedichte in Blogs, auf Websites, in Foren und wo auch immer eingestellt, mal richtig, mal falsch, mal mit Angabe des Urhebers, mal ohne, mal mit der Angabe „Autor unbekannt“ (ein Beispiel dafür finden Sie hier). Überhaupt gibt es so einige Zitate und Gedichte, die dem falschen Urheber zugeordnet werden (Beispiele dafür gibt es hier und hier ) Doch wer auf die Einhaltung dieser Gesetze pocht, erntet einen Aufschrei unter den Zitierenden, als wären die fremden Worte, die sie da weitergegeben haben, ihre eigenen. Dann heißt es, man hätte keine Lust, jedesmal nachzuschauen, ob der Autor noch lebt, oder man hätte doch im Frühfunk solch ein hübsches Zitat gehört, dass man es unbedingt der ganzen Welt weitergeben müsse, auch wenn man den Namen des Autors nicht mitbekommen hat. Besonders schlimm ist, wenn der Eindruck entsteht, als wären die Worte, die da zitiert werden, die eigenen, genialen Gedanken, wie zum Beispiel bei Statusmeldungen bei Xing. Ich war jedenfalls nicht amüsiert, als ich entdeckte, dass jemand in einem Forum mit meinen Worten erklärte, warum er so gut schreibt:

Und das ist das Original (siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/search?q=tipps):

Ein Autor schreibt nicht einfach das, was er denkt; sondern wählt sorgfältig jedes Wort – er benebelt seinen Leser nicht durch eine hochgestochene, schwülstige Wortwahl – und überlegt sich jeden Satz: Er gestaltet seinen Text.
 
Jeder Satz muss seine Bedeutung für den Text haben und zum Weiterlesen anregen. 

Nebenbei – bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein wurde kaum zitiert, da es als Schwäche galt, die Worte eines anderen zu verwenden. Und Wikiquote wird beschimpft, weil es einen Quellennachweis verlangt.

*Eine gute Zusammenfassung dessen, was alles geschützt ist, habe ich hier gefunden

Fortsetzung folgt http://juttas-schreibblog.blogspot.com/2010/11/warum-die-verletzung-des-urheber-und_09.html

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Kommentare:

  1. Ergänzend für die Recherche und die Argumentation empfehle ich das Manifest der Schatzwächter (und das dazugehörige Forum)

    http://www.schatzwaechter.com/?page_id=246

    Liebe Grüße
    Markus Walther

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  2. Das ist ja ein bestimmt sehr wichtiges Problem! Es gibt ja bestimmt sehr gute Gründe dafür, sich an das Gesetz zu halten.

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  3. Leider habe ich eben erst die Kommentare entdeckt.

    Vielen Dank für den Link! Leider kannte ich die Schatzgräber bisher nicht. Das Manifest müsste viel bekannter werden.

    Manchmal habe ich das Gefühl, es ist ein Kampf gegen Windmühlen, wenn man auf seinem Urheberrecht besteht. Meine Schreibtipps sind mittlerweile 3x vollständig und 4x mal gekürzt geklaut worden.

    Liebe Grüße
    Jutta

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  4. man darf nur 4096 Zeichen schreiben und der Login via wordpress funktioniert nicht (blogger is doch aetzend...). Daher anonym und zweigeteilt:

    Na gut, dann friemel ich das mal auseinander.
    Vorneweg der Hinweis: Dieser Reply entsteht aus einer Twitter-Kommunikation, die ich mal folgend abbilde, um die Uebersichtlichkeit zu wahren:

    sph1nxxx:
    Moechte eigentlich irgendjemand in einer Welt Leben, in der man pruefen muss, ob man das, was man grade zitieren wollte, zitieren darf? o_0

    Jutta:
    @sph1nxxx Ich. Warum, schau mal hier: http://tinyurl.com/38pjlva [Ergaenzung: Das ist dieser Beitrag hier]

    sph1nxxx:
    @Jutta nja 1. is das ja kein Zitat im eigentlichen Sinne - und dessen ungeachtet - 2. bleibe ich bei meinem Standpunkt: Waer's mein Geschriebenes, waere ich sogar froh drueber. Offensichtlich drueckt, was Du zu dem Thema zu sagen hast, genau das aus, was auch jemand anderer gesagt haette, dem dazu einfach nur die Worte fehlen. Das ist zunaechst einmal nur ein Kompliment und die Google-Suche wuerde das ja auch entlarven.
    Dass die Kopierende nicht die Courage besitzt, das auch so aussehen zu lassen ist ja in vielerlei Hinsicht ihr Problem - nicht Deines.
    Zitate schmerzen nicht. Sie druecken nur aus, was ich sagen moechte, ohne es BESSER sagen zu koennen. Es sind nur Worte.
    Wenn man's genau nimmt, muesste man jeden einzelnen Satz, den man schreibt, in "" setzen - er koennte schon von jemand anderes geschrieben worden sein. Ist das so unwahrscheinlich? 200.000.000 Menschen auf der Welt sprechen deutsch.
    Die gaengigsten Zitate sind ja deshalb so beliebt, weil sie kurz und klar sind. "Ich bin ein Berliner" kann ich nicht ruhigen Gewissens schreiben, weil jeder sofort an JFK denkt. Und doch ist es einfach mal so: Ich bin ein Berliner. Gesagt haben das auch schon diverse Menschen, ganz sicher.
    Das ganze pervertiert, wenn man die Sprache wechselt. "Hasta la vista, baby" - gaengig, kurz, einpraegsam - und doch mit klarer Verbindung zu...irgendwem. Muesste ich, weil der drauf besteht, jedes mal raussuchen, wer's war, kaeme ich aus dem Suchen nicht mehr raus.
    Und SO will ICH gewiss nicht leben. Schade, dass Du den vollkommen berechtigten Einwand "...erntet einen Aufschrei unter den Zitierenden, als wären die fremden Worte, die sie da weitergegeben haben, ihre eigenen. Dann heißt es, man hätte keine Lust, jedesmal nachzuschauen, ob der Autor noch lebt, oder man hätte doch im Frühfunk solch ein hübsches Zitat gehört, dass man es unbedingt der ganzen Welt weitergeben müsse, auch wenn man den Namen des Autors nicht mitbekommen hat" nicht beantwortest - denn ja, das IST Teil des Problems. und ich spreche ausdruecklich nicht ueber Plagiate oder die kommerzielle Nutzung. Selbst dort staende ich drueber, aber das is ne andere Debatte.

    Jutta:
    @sph1nxxx [...] Was hab ich nicht beantwortet? Poste das doch als Kommentar im Blog

    und

    Jutta:
    @sph1nxxx Was meinst Du mit "das ja kein Zitat im eigentlichen Sinne"

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  5. 3-geteilt sogar...


    ~~ Der Status quo ~~

    Ein Zitat ist, fuer mein Verstaendnis (bin ausdruecklich KEIN Lyriker!), eine Moeglichkeit, die eigene Meinung und bereits erledigte Formulierung zu unterstuetzen. Man muss das Rad nicht zweimal erfinden, und wenn schon vor mir jemand so tolle Sachen sagt wie "Sag etwas, das sich von selbst versteht, zum ersten Mal, und du bist unsterblich." (Marie von Ebner-Eschenbach) brauche ich, um genau das auszudruecken, nicht irgendwas neues erfinden. Haette ich den Esprit von Marie von Ebner-Eschenbach, haette ich's wohl auch genau so ausgedrueckt. Habe ich aber nicht, also verwende ich stattdessen ihre Aussage um meine Argumentation zu bekraeftigen (hier nur beispielhaft, das Zitat ist nicht Bestandteil meiner Argumentation!).
    Das bedeutet auch, dass ich ein Zitat nur unterstuetzend verwende (wenn ich um eine Leistung gebeten werde) oder kennzeichne (wenn ich's fuer sich wirken lasse - als Tweet bspw). "Kennzeichnen" bedeutet fuer mich, > "zitat" < - fertig. Wenn ich nichtmal sicher bin, dass ich's korrekt wiedergebe, lasse ich die "" sogar gaenzlich weg - wer will schon falsch zitiert werden.
    Ein weiteres Problem entsteht, wenn ich, ohne von Fr. von Ebner-Eschenbach's Zitat zu wissen, eine solche Anschauung tatsaechlich so (oder ganz aehnlich) teilen wuerde. Dann wuerde ich, nach gaengiger Rechtsprechung und Auffassung in diesem Posting oben, direkt ein "Zitat faelschen" - ohne das zu beabsichtigen und vor allem auch ohne es tatsaechlich zu tun. Nur weil zwei Menschen unabhaengig voneinander und ohne voneinander zu wissen auf der Welt das gleiche sagen (bspw "Ich bin ein Berliner"), bedeutet das noch lange nicht, dass der, der es "zuerst sagt" (oder, in Deutschland: der, der den Anspruch darauf geltend macht - ein schoenes Beispiel fuer solcherart Rechtsverstaendnis ist grade die Posse um Mario Barth und die Abmahnung fuer "Nichts reimt sich auf Uschi" (http://www.n-tv.de/leute/Mario-Barth-laesst-abmahnen-article2502796.html)), das ultimative Recht erhaelt, kuenftig immer namentlich genannt zu werden, wenn die Phrase faellt.
    Noch weiter geht der Irrsinn, wenn irgendwer sich hinstellt und fuer das Zitieren der Ahnen Kohle kassiert oder alternativ direkt abmahnt. Das schlaegt dem Fass echt den Boden aus. Dahin tendiert der deutsche Markt ja derzeit - dieses unsaegliche "leistungsschutzrecht" ist ja nur die Vorstufe fuer ein Bezahlsystem fuer Satzschnipsel.

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  6. Jede Form von "Kopieren" fliegt auf, das ist meine feste Ueberzeugung. Und wer sich derart disqualifiziert, der haelt in einer thematisch zugeordneten Debatte ohnehin nicht durch. Und wenn irgendein hohler Kopf daherkommt und meine Dinge als die seinen ausgibt, tangiert mich das nicht - da ich der Einzige bin, der zu meinen Thesen auch meinen Background hat. Nur ich kann meine Texte so interpretieren wie ich das vorgesehen hatte - und nur ich kann meine Argumentation vorne und hinten drumherum aufbauen, weil nur ich weiss, welchem Geistesblitz dieser Gedanke entsprang.



    Im krassen Unterschied dazu geht hier im Posting jemand hin, wird um eine Meinung gebeten, und nimmt etwas, was jemand anderes schreibt, als Antwort - nahezu unveraendert. Daran ist Null eigene Leistung, aber es ist auch kein fuer sich wirkendes Zitat. Es ist, wonach es aussieht: eine billige Kopie. Und eben kein Zitat.

    Womit ich zur Twitterfrage zurueckkomme: Du beantwortest nicht, was denn gegen den Einwand spricht, dass die 'belangten' hektisch reagieren, wenn sie unverschaemt angegangen werden, weil irgendein Sohn irgendeines Autors verbietet, dass in der Schule, die nach seinem Vater benannt ist, Zitate des Mannes aushaengen, nach dem die Schule benannt ist... Der Einwand ist berechtig, dass man, bei wasweissich wievielen trillionen Saetzen und Phrasen [im Internet] nicht jeden Satzschnipsel bei Google einkippen kann um zu schaun, ob nicht schon iwer iwo was aehnliches getippt hat, den man dann als Autor der eigenen Gedanken nennen muesste. "Ich bin ein Berliner" sind vier Worte und ist eine Tatsache. Galt seit JFK es gesagt hat fuer wasweissich, vllt 5.000.000 Menschen (nur die Maenner ^^). Jeder von denen hat das gewiss einmal in seinem Leben gesagt und alle muessten sich korrekterweise auf JFK beziehen, weil dem die Aussage zugeordnet wird. Das ist albern und vollkommen an der Realitaet vorbei.
    Das Thema Zitieren wird viel zu wichtig genommen - von den Zitierten. Ich persoenlich empfinde tiefe Genugtuung, wenn jemand meine Gedanken zu den eigenen macht. Das ist wie ein Lob auf das, was ich zur Tastatur trage. Schlussendlich kann aber der Geist eines Zitats nur durch den Autor getragen werden - und jede Folgedebatte gleichfalls. Ich kann Zitate uebernehmen, weil andere meine Gedanken besser auszudruecken vermochten - aber ich kann nie sagen, ob die Intention hinter dem Zitat mit meiner uebereinstimmt.

    So. 2 cent ^^

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