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Samstag, 19. Mai 2012

Zitat des Tages: Hans Schäufelein über Predigten und Bratwürste

Wann zu diser zeyt* sprechen die groben knollen / Wir hant nit gern lang predigen / vil lieber lang bratwürst.

Wenn zu dieser Zeit die Bauern** sprechen: Wir haben nicht gern lange Predigten, viel lieber lange Bratwürste.

Hans Schäufelein***

(In Das Plenarium oder Ewangely buoch: Summer vnd Winter teyl / durch das gantz iar in einem ieden Sontag / und von den Heiligen. Die ordenung der Meß / mitsampt irem Introit / oder anfang. Das LV Blad, 1514, S. 131)

*Fastenzeit
**siehe Wörterbuchnetz 
*** Die Verfasserangabe Geiler von Kaysersberg ist falsch. Dass das Werk von Schäufelein ist, obwohl sein Name nicht im Titel erscheint, ist sein Künstlerzeichen einer Schaufel auf S. 8

Samstag, 26. März 2011

Zitat des Tages

Wahrhaftigkeit und Politik wohnen selten unter einem Dach.

Stefan Zweig, Marie Antoinette: Bildnis eines mittleren Charakters

Das  Zitat stammt also nicht von der Königin von Frankreich selbst,  wie manchmal angegeben wird.

Nachtrag: Das Zitat ist so nicht ganz richtig. Lesen Sie bitte http://juttas-zitateblog.blogspot.de/2012/07/aus-der-rubrik-sie-haben-es-nie-gesagt.html

Montag, 7. Februar 2011

Über Mark Twains Glühwürmchen und Blitze


Wer kennt nicht Mark Twains Ausspruch

»Der Unterschied zwischen dem beinahe richtigen Wort und dem richtigen Wort ist wirklich eine große Sache – es ist der Unterschied zwischen dem Glühwürmchen und dem Blitz«**

(besser bekannt unter »Der Unterschied zwischen dem beinahe richtigen Wort und dem richtigen Wort ist so groß wie der zwischen dem Glühwürmchen und dem Blitz«)

»The difference between the almost right word and the right word is really a large matter—’tis the difference between the lightning bug and the lightning.«

(In George Bainton: The Art of Authorship: Literary Reminiscences, Methods of Work, and Advice to Young Beginners, Personally Contributed by Leading Authors of the Day. Appleton, 1891, S. 87 f.; siehe auch http://www.floridatechnet.org/inservice/fcat/readlg.pdf)

Als Quelle wird »Letter to George Bainton, 15 October 1888« genannt, die Angabe habe ich in dem Buch aber nicht gefunden. Tatsächlich zitiert Bainton nur aus dem Brief:
Well, also he will notice in the course of time, as his reading goes on, that the difference between the almost right word and the right word is really a large matter—'tis the difference between the lightning-bug and the lightning. After that, of course, that exceedingly important brick, the exact word—however, this is running into an essay, and I beg pardon. So I seemed to have arrived at this: doubtless I have methods, but they begot themselves, in which case I am only their proprietor, not their father.
Twain gefiel der Glühwürmchen-/Blitz-Vergleich so gut, dass er ihn in verschiedenen Zusammenhängen gebrauchte, so auch in diesen Zitaten:
»Ich verstehe. Nun begreife ich es. Es ist der Unterschied zwischen Effizienz und halber Effizienz. In diesem Beispiel ist der Unterschied zwischen der Post und dem Telegrafen, wenn ich das so sagen darf, wie der zwischen dem Glühwürmchen und dem Blitz.« (Übersetzung jmw.)

»I see. I understand, now. It’s the difference between efficiency and half-efficiency. In the present instance, if you will allow me to say it, it’s the difference between the mail and the telegraph, between the lightning-bug and the lightning.«

(Which Was It? In John S. Tuckey (Ed.), Mark Twain’s Which Was the Dream? and Other Symbolic Writings of the Later Years. University of Califonia Press 1966, S. 346)

»Es gibt hunderte Künstler, die meine Bücher illustrieren könnten, aber es gab nur einen, der dieses eine Buch illustrieren konnte. Ja, es war eine glückliche Stunde, als ich Glühwürmchen fangen wollte und einen Meteor erhaschte.« (Übersetzung jmw.)

»There are hundreds of artists who could illustrate any other book of mine, but there was only one who could illustrate this one. Yes, it was a fortunate hour that I went netting for lightning-bugs, and caught a meteor.«

(Über die Illustrationen von Daniel Carter (Dan) Beard für A Connecticut Yankee in King Arthur’s Court. In Albert Bigelow Paine: Mark Twain: A Biography, Chapter CLXXI »A Connecticut Yankee in King Arthur’s Court« http://ebooks.adelaide.edu.au/t/twain/mark/paine/chapter171.html; siehe auch http://www.twainquotes.com/UniformEds/UniformEdsCh29-j.html)
Und in Some Thoughts on the Science of Onanism schreibt Mark Twain:
»Brigham Young, ein Experte von unbestreitbarer Autorität, sagte: ›Verglichen mit der anderen Chose, ist es wie der Unterschied zwischen dem Glühwürmchen und dem Blitz.‹«
(Zitiert nach www.swr.de/-/id=1837708/property=download/z95oce/index.rtf)

»Brigham Young, an expert of incontestable authority, said, ›As compared with the other thing, it is the difference between the lightning bug and the lightning.‹« (http://www.textfiles.com/etext/AUTHORS/TWAIN/onanism.txt)

– Ob der zweite Präsident und Prophet der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) das wirklich gesagt hat oder ob ihm Mark Twain das nur in den Mund gelegt hat, konnte ich leider nicht feststellen. –
Aber alles was Recht ist: Diesen schönen Vergleich hat Mark Twain nicht selbst erdacht, sondern er verdankt ihn Josh Billings, was er in seiner Rede am 30. 11. 1901 anlässlich des 145. Dinners der St. Andrew’s Society of the State of New York mit den Worten betonte:
»Josh Billings definierte den Unterschied zwischen Humor und Witz als den zwischen dem Glühwürmchen und dem Blitz.«

»Josh Billings defined the difference between humor and wit as that between the lightning bug and the lightning. There is a conscious and unconscious humor. That whiskey offer of the Lord Rector’s was one of unconscious humor. A peculiarity of that sort is a man is apt to forget it.« [Laughter.]

(In The New York Times, December 1, 1901, http://www.twainquotes.com/19011201.html)
Tatsächlich schrieb Billings jedoch:
»Don’t mistake vivacity for wit, thare iz about az much difference az thare iz between lightning and a lightning bug.«

(In Josh Billings’ Old Farmer’s Allminax, January 1871, http://www.gutenberg.org/files/40191/40191-0.txt)
Womit ich einmal mehr festgestellt habe, wie spannend es sein kann, Wörtern Worten weiser Menschen nachzuspüren.

*Dass der Unterschied sei wie der zwischen Blitz und Streichholz, ist natürlich Unsinn.

**Zu dem Zitat »Der Unterschied zwischen Aufgewecktheit und Scharfsinn ist derselbe wie zwischen dem Glühwürmchen und dem Blitz« – von wem?« (Some folks mistake vivacity for wit; whereas the difference between vivacity and wit is the same as the difference between the lightning-bug and the lightning) siehe http://juttas-zitateblog.blogspot.de/2012/09/der-unterschied-zwischen-aufgewecktheit.html)

Donnerstag, 20. Januar 2011

Zitat des Tages (mit Richtigstellung)

Wenn keine Narren auf der Welt wären, was wäre dann die Welt?

Johann Wolfgang von Goethe

Das weiß ich leider auch nicht, ich weiß nur, dass das Zitat nicht von Goethe ist, sondern dass es Jakob Michael Reinhold Lenz dem Meister in den Mund gelegt hat und dass es auch sonst nicht ganz korrekt ist.

In seinem Werk Pandämonium Germanicum schreibt Lenz nämlich:
Lenz. Ich möchte fast hinunter und sie bedeuten.

Göthe. Laß sie doch. Wenn keine Narren auf der Welt wären, was wäre die Welt?
(Aus: Pandämonium Germanicum: Eine Skizze von JMR Lenz. Aus dem handschriftlichen Nachlaße des verstorbenen Dichters herausgegeben. Campe 1819, S. 32) 

Samstag, 1. Januar 2011

„Zu Neujahr“ von Wilhelm Busch (mitsamt Richtigstellung)

Zu Neujahr

Will das Glück nach seinem Sinn
Dir was Gutes schenken,
Sage Dank und nimm es hin
Ohne viel Bedenken.
Jede Gabe sei begrüßt,
Doch vor allen Dingen:
Das, worum du dich bemühst,
Möge dir gelingen.

Wilhelm Busch

(Aus Schein und Sein: Nachgelassene Gedichte. Lothar Joachim 1909, S. 80

Johann Wolfgang von Goethe ist nicht der Urheber. Falsch sind „Danke“ statt „Dank“, „geglückt“ statt „begrüßt“, „warum“ statt „worum“, das Setzen von „Danke“ in Anführungsstriche, Kursivschreibung von „bemühst“ und und und. Es ist auch kein Spruch, sondern ein Gedicht. Diese Fehler habe ich allein schon beim Googeln nach dem Gedicht unter „Büchersuche“ gefunden, sie sind also alle schon fehlerhaft gedruckt.

Donnerstag, 23. Dezember 2010

Ein Gedicht geistert durchs Internet (über das Gedicht „Ich wünsche dir fürs neue Jahr“)


Auf abertausenden Websites findet man dieses Gedicht von Christian Morgenstern:

Ich wünsche dir fürs neue Jahr
das große Glück in kleinen Dosen.
Das alte lässt sich ohnehin
nicht über Nacht verstoßen.

Was du in ihm begonnen hast
mit Mut und rechter Müh’,
das bleibt dir auch noch Glück und Last
in neuer Szenerie.

Unhemmbar rinnt und reißt der Strom der Zeit,
in dem wir gleich verstreuten Blumen schwimmen,
unhemmbar braust und fegt der Sturm der Zeit,
wir riefen kaum, verweht sind unsre Stimmen.

Ein kurzer Augenaufschlag ist der Mensch,
den ewige Kraft auf ihre Werke tut;
ein Blinzeln – der Geschlechter lange Reihn,
ein Blick – des Erdballs Werden und Verglut.

Sie haben sicher schon erkannt, dass die dritte und vierte Strophe nicht zu den ersten beiden Strophen passen. Richtig: Zwei Gedichte wurden auf wundersame Weise vermischt, wobei natürlich auch noch Änderungen vorgenommen wurden, von der Anordnung der Verse in Strophen ganz zu schweigen. Die beiden ersten Strophen sind Teil eines Gedichtes mit insgesamt vier Strophen von Elli Michler, die anderen beiden ein Gedicht von Christian Morgenstern mit dem Titel „Schicksals-Spruch“. Dort heißt es in der letzten Zeile  auch nicht „Werden“, sondern „Werdnis“, außerdem ist es nicht in Strophen unterteilt. Eine  Website gibt als Urheber Elli Michler & Christian Morgenstern an. Immerhin. Es wäre interessant zu wissen, wer das erste Mal die beiden Gedichte vermengt hat …

Die vollständige Version des Gedichts von Elli Michler lautet:

Ich wünsche dir fürs neue Jahr …

Ich wünsche dir fürs neue Jahr
das große Glück in kleinen Dosen.
Das alte lässt sich ohnehin
nicht über Nacht verstoßen.

Was du in ihm begonnen hast
mit Mut und rechter Müh’,
das bleibt dir auch noch Glück und Last
in neuer Szenerie.

Erwarte nicht vom ersten Tag
des neuen Jahres gleich zuviel!
Du weißt nicht, wie er’s treiben mag,
es bleibt beim alten Spiel.

Ob gute Zeit, ob schlechte Zeit,
wie sie von Gott gegeben,
so nimm sie an und steh bereit
und mach daraus dein Leben!

(Aus Elli Michler: Dir zugedacht. Don Bosco Verlag, München, 20. Auflage 2010
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages (vielen Dank an Barbara Michler)

www.ellimichler.de


Und hier ist die richtige Version des Gedichts von Christian Morgenstern:

Schicksals-Spruch

Unhemmbar rinnt und reißt der Strom der Zeit,
in dem wir gleich verstreuten Blumen schwimmen,
unhemmbar braust und fegt der Sturm der Zeit,
wir riefen kaum, verweht sind unsre Stimmen.
Ein kurzer Augenaufschlag ist der Mensch,
den ewige Kraft auf ihre Werke tut,
ein Blinzeln - der Geschlechter lange Reihn,
ein Blick - des Erdballs Werdnis und Verglut.

Dass viele Nutzer darauf reingefallen sind, nun  ja, das ist halt so, aber dass auch Zeitungen wie das Stadtblatt (Anzeiger der Stadt Heidelberg) die falsche Version übernommen haben, ist krass. Die Zeitung hat das aber später richtig gestellt und Elli Michler bei der Gelegenheit gleich interviewt. Das Interview können Sie hier lesen.

Und krass ist, dass das Deutschlandradio Kultur auch darauf reingefallen ist und das Gedicht in der Programmvorschau für den 1. Januar 2006 unter dem falschen Verfasser ankündigt hat:


















Traut denn niemand einer vielleicht nicht ganz so bekannten Dichterin zu, dass sie Gedichte schreibt, die tausende Menschen berühren?

Und nebenbei: Wenn man schon auf seiner Seite darauf hinweist, dass das Gedicht falsch ist, dann sollte man nicht schreiben, dass die gewünschte Klarstellung durch die Tochter von Elli Michler, Barbara Michler, ohne weitere Prüfung erfolgt ist, und die richtigen Fassungen mit dem Zusatz „lt. Barbara Michler“ versehen.

Sonntag, 19. Dezember 2010

Fälschlich in den Mund gelegt …

wird Rainer Maria Rilke dieses Gedicht

Vier Kerzen

Eine Kerze für den Frieden,
die wir brauchen,
weil der Streit nicht ruht.

Für den Tag voll Traurigkeiten
eine Kerze für den Mut.

Eine Kerze für die Hoffung
gegen Angst und Herzensnot,
wenn Verzagtsein unsren Glauben
heimlich zu erschüttern droht.

Eine Kerze, die noch bliebe
als die wichtigste der Welt:
eine Kerze für die Liebe,
voller Demut aufgestellt,

dass ihr Leuchten den Verirrten
für den Rückweg ja nicht fehlt,
weil am Ende nur die Liebe
für den Menschen wirklich zählt.

Richtig ist, dass die Dichterin Elli Michler die Urheberin ist. Erschienen ist das Gedicht in Ich wünsche dir Zeit. Die schönsten Gedichte von Elli Michler. Don Bosco Verlag, München, 5. Auflage 2010 www.ellimichler.de (Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags (vielen Dank an Barbara Michler)

Dieser Irrtum ist ein klassisches Beispiel, wie sich Gedichte mit falscher Urhebernennung im Internet verbreiten. Immer wieder muss die Tochter von Elli Michler, Barbara Michler, gegen diesen »digitalen Rilke-Tsunami«, wie sie es nennt, angehen. Und es ist ihr von ganzem Herzen zu danken, dass sie keine Droh-Mails verschickt, sondern freundlich auf diesen Irrtum hinweist.

Im Blog Maris augenblicke werden Blogger und Bloggerinnen gebeten, »auf diese Verwechslung in ihren Blogs hinweisen, um so eher (…) das Werk für ihre Mutter wieder zurück erobern« zu können.

Das mache ich gern, zumal ich mich über die falsche Wiedergabe von Zitaten und Gedichten, über die falsche oder gar nicht vorhandene Zuordnung zu den Urhebern zunehmend ärgere. Ich suche neuerdings beim Googeln der richtigen Fassung vor allem von Gedichten nach Druckversionen, weil ich annehme, dass diese Fassungen noch am ehesten richtig sind. Elli Michlers Gedicht gibt es natürlich auch in verschiedenen Versionen … Und deshalb werde ich in Zukunft in diesem Blog verstärkt auf solche Fehler hinweisen entweder unter dem Label  Falsche Urheberangaben oder Falsche Zitierweisen oder – oft genug – beides.

Und ganz ehrlich: Dass dieses Gedicht nicht von Rilke sein kann, wird jeder, der seine Gedichte kennt, sofort feststellen.

Montag, 6. Dezember 2010

Statt eines Adventskalenders: Gedicht zum 6. 12. (mitsamt Richtigstellung)

Groß-Stadt-Weihnachten*

Nun senkt sich wieder auf die heim’schen Fluren
die Weihenacht! die Weihenacht!
Was die Mamas bepackt nach Hause fuhren,
wir kriegens jetzo freundlich dargebracht.

Der Asphalt glitscht. Kann Emil das gebrauchen?
Die Braut kramt schämig in dem Portemonnaie.
Sie schenkt ihm, teils zum Schmuck und teils zum Rauchen,
den Aschenbecher aus Emalch glasé.

Das Christkind kommt! Wir jungen Leute lauschen
auf einen stillen heiligen Grammophon.
Das Christkind kommt und ist bereit zu tauschen
den Schlips, die Puppe und das Lexikohn.

Und sitzt der wackre Bürger bei den Seinen,
voll Karpfen, still im Stuhl, um halber zehn,
dann ist er mit sich selbst zufrieden und im reinen:
“Ach ja, son Christfest is doch ooch janz scheen!”

Und frohgelaunt spricht er vom ‘Weihnachtswetter’,
mag es nun regnen oder mag es schnein.
Jovial und schmauchend liest er seine Morgenblätter,
die trächtig sind von süßen Plauderein.

So trifft denn nur auf eitel Gück hienieden
in dieser Residenz Christkindleins Flug?
Mein Gott, sie mimen eben Weihnachtsfrieden …
“Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug.”

Theobald Tiger**

(In Gesammelte Werke. Volk und Welt 1969, S. 254)


*auch Großstadt-Weihnachten

**Da Kurt Tucholsky dieses Gedicht unter seinem Pseudonym Theobald Tiger veröffentlicht hat, sollte auch es auch als Urheber angegeben werden

Und ach ja, es gibt wieder unterschiedliche Versionen. So wurde in der Version auf http://www.zeno.org/Literatur/M/Tucholsky,+Kurt/Werke/1913/Gro%C3%9Fstadt+-+Weihnachten und  http://de.wikisource.org/wiki/Gro%C3%9Fstadt-Weihnachten hinter “schnein” ein Komma eingefügt, obwohl die Zeile mit einem Punkt enden muss. Bei Wikisource heißt es in der ersten Zeile statt Fluren “Fluten”, was unsinnig ist, außerdem passt dann der Reim “fuhren” nicht.


Nachtrag 5. 9. 2012: Wikisource hat den Fehler inzwischen korrigiert.

Sonntag, 31. Oktober 2010

Kästner und die Steine – oder sind sie doch von Goethe oder von wem?

Wir lieben Zitate. Wir sammeln sie, erfreuen uns daran, finden Trost. Und manchmal benutzen wir Zitate, weil sie so praktisch sind. Für alle Lebenslagen sozusagen. Ungewohnt ist allerdings noch, dass Politiker ihre Reden oder Statements mit Zitaten würzen. Wenn sie das aber tun, sollten sie oder besser ihre Redenschreiber genau recherchieren, ob das Zitat richtig ist und ob es dem richtigen Urheber zugeordnet ist (und wenn ja, ob er überhaupt zitiert werden darf).

Ursula von der Leyen gebrauchte im Zusammenhang mit der Reform von Hartz IV und deren Kritikern das Zitat von Goethe, wie sie sagte: „Aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“ Ob es in dem Zusammenhang das richtige Zitat ist, sei dahingestellt. Fragt sich nur: Ist es wirklich von Goethe?

*** Dieser Post ist umgezogen. Lesen Sie bitte hier weiter: http://juttas-zitateblog.blogspot.de/2012/06/goethe-und-die-steine-die-einem-in-den.html ***

Dienstag, 7. April 2009

Zitat des Tages

Wer seinen Gegenstand nicht beherrscht, der macht von Komparativen und Superlativen reichlich Gebrauch.

Ernst Jünger

Das Zitat ist nicht von Ernst Jünger, sondern von dessen Bruder Friedrich Georg.

(Quelle: Gedanken und Merkzeichen. Klostermann 1949, S. 22)

Donnerstag, 26. Februar 2009

Na sowas … (Über ein fälschlich Tucholsky zugeschriebenes Gedicht)


… da hatte ich im Oktober das Gedicht "Wenn die Börsenkurse fallen" mit der Verfasserangabe Kurt Tucholsky eingestellt, weil es mir so gut gefiel (siehe juttas-schreibblog.blogspot.com/2008/10/gedicht-der-woche_30.html). Nur leider hatte ich nicht genug recherchiert (damals wusste ich noch nicht, dass mindestens jedes zweite Gedicht oder Zitat, das man im Internet findet, fehlerhaft ist) und musste nun feststellen, dass es gar nicht von ihm ist (siehe dazu auch den Rundbrief der Tucholsky-Gesellschaft vom März 2009 und Sudelblog, das Weblog zu Kurt Tucholsky).

Denn das Gedicht ist von einem Pannonicus (richtiger Name Richard G. Kerschhofer), hat den Titel Höhere Finanzmathematik und ist nachzulesen auf der Website von GENIUS: Gesellschaft für freiheitliches Denken. Erstmals erschien es in der Preußischen Allgemeinen Zeitung, Nr. 39, 27. 9. 2008, S. VI. Seinen Kommentar dazu konnte man hier lesen (nur leider ist inzwischen das Lesen des Artikels kostenpflichtig):
»Ich bin sicher kein Linker. Und ich fand es zuerst unglaublich, dass diese es sofort für sich reklamiert haben«, sagt Kerschhofer im Gespräch mit der »Presse«. Für ihn sei es nun aber eine »Genugtuung«, dass sein Gedicht wenn auch unter falscher Urheberschaft – so große Berühmtheit erlangt hat.
»Oft werden meine Gedichte ja nicht gedruckt, weil ich mich nicht an die Political Correctness halte«, meint der 69-jährige pensionierte Betriebswirt, der unter anderem für die eher rechtsgerichtete »Zeitbühne« oder die »Wiener Zeitung« Gastkommentare schreibt. Dass man sein Gedicht für ein Werk Tucholskys gehalten hatte, wundert ihn: »So wurde das Wort Derivat – das ich in meinem Gedicht verwende – damals ja noch nicht in diesem Zusammenhang verwendet. Man sieht, dass man nicht alles aus dem Internet glauben darf.«
– Auweia. In der Financial Times sprach er sogar davon, dass »Kurt Tucholsky (…) nicht annähernd so saubere Reime geschrieben« habe wie er. –

Wo er Recht hat, hat er recht, ich meine damit, dass man nicht alles aus dem Internet glauben darf. Mich wurmt das besonders, weil ich normalerweise sehr aufpasse. Es ist eben nicht Tucholsky drin, wenn Tucholsky darüber steht. Allerdings hatte ich mich über den Stil des Gedichtes auch gewundert, er passt wirklich nicht zu ihm, aber auf die Idee, deshalb bei der Tucholsky-Gesellschaft nachzufragen, war ich nicht gekommen.

Woher ich das Gedicht hatte, weiß ich nicht mehr, ich glaube, ich hatte ein paar Zeilen irgendwo gelesen und dann gegoogelt und dann Copy und Paste – voilà. Ein Glück, dass die Tucholsky-Gesellschaft keine Abmahnungen verschickt hat … Einige andere, die ich hier lieber nicht nennen will, hätten das sofort getan. Danke, liebe Gesellschaft.

In der Berliner Morgenpost gibt es gleich eine Gedichtanalyse dazu:
Als erdrückendes Indiz, das von Anfang an gegen eine Urheberschaft Tucholskys hätte sprechen müssen, kommt noch hinzu, dass seine Lyrik zeitlebens sehr viel sperriger war als das ihm jetzt angehängte Gedicht. So hingegen klingt ein echter Tucholsky: »Ihr, in Kellern und in Mansarden, / merkt ihr nicht, was mit euch gespielt wird? / mit wessen Schweiß der Gewinn erzielt wird? / Komme, was da kommen mag. / Es kommt der Tag, / da ruft der Arbeitspionier: / Ihr nicht. / Aber Wir. Wir.« Dies ist die Schlussstrophe eines Gedichts namens »Die freie Wirtschaft«, das unter dem Pseudonym Theobald Tiger am 4. März 1930 in der »Weltbühne« veröffentlich wurde. Auch diese Verse sind kämpferisch und kritisch. Aber sie sind, anders als der Fake »Höhere Finanzwirtschaft«, nicht von dieser monotonen Betulichkeit, die bei einem formal konventionelleren Dichter wie Erich Kästner weit eher anzutreffen ist. Nichts gegen behäbige Paarreim-Strophen; Tucholsky indes war in ästhetischen Dingen um einiges avancierter.
– Ein Fake ist das Gedicht natürlich nicht, weil der Urheber es ja unter seinem Namen veröffentlich hat. –

Auf www.genius.co.at/index.php?id=186 findet sich Das Lied von der Ente, Pannonicus’ Antwortgedicht auf die vielen falschen Zuschreibungen, in dem er sich besonders aufregt, dass das Gedicht erst so gerühmt wurde, aber:
(…)
Das Gerücht samt Metastasen
platzt jedoch wie Börsenblasen:
Mist! Die Verse schrieb ein Rechter –
und da sind sie gleich viel schlechter.

Viel zu billig und zu simpel
ist’s auf einmal für die Gimpel –
»Schreiberling« bin ich indessen
und drum schleunigst zu vergessen.

Meine Schuld laut ihrer Meinung
ist’s, dass Kurt, die Lichterscheinung,
sich im Grabe drehen müsse
ob der »plumpen Wortergüsse«.
(…)
Und als »Post scriptum in Prosa« darunter: »Zwar auch nicht von Tucholsky, dafür aber wirklich von Karl Kraus stammt der Satz ›Ein Gedicht ist so lange gut, bis man weiß, von wem es ist.‹« (Der Satz findet sich übrigens in der Fackel, H. 406, 1915, S. 131)

Hier zum Vergleich Theobald Tigers Gedicht (denn unter dem Pseudonym hatte es Kurt Tucholsky veröffentlicht):
Die freie Wirtschaft

Ihr sollt die verfluchten Tarife abbauen.
Ihr sollt auf euern Direktor vertrauen.
Ihr sollt die Schlichtungsausschüsse verlassen.
Ihr sollt alles Weitere dem Chef überlassen.
Kein Betriebsrat quatsche uns mehr herein,
wir wollen freie Wirtschaftler sein!
      Fort die Gruppen – sei unser Panier!
      Na, ihr nicht.
                          Aber wir.

Ihr braucht keine Heime für eure Lungen,
keine Renten und keine Versicherungen.
Ihr solltet euch allesamt was schämen,
von dem armen Staat noch Geld zu nehmen!
Ihr sollt nicht mehr zusammenstehn –
wollt ihr wohl auseinandergehn!
     Keine Kartelle in unserm Revier!
     Ihr nicht.
                          Aber wir.

Wir bilden bis in die weiteste Ferne
Trusts, Kartelle, Verbände, Konzerne.
Wir stehen neben den Hochofenflammen
in Interessengemeinschaften fest zusammen.
Wir diktieren die Preise und die Verträge –
kein Schutzgesetz sei uns im Wege.
    Gut organisiert sitzen wir hier ...
    Ihr nicht.
                          Aber wir.

Was ihr macht, ist Marxismus.
                                          Nieder damit!
Wir erobern die Macht, Schritt für Schritt.
Niemand stört uns. In guter Ruh
sehn Regierungssozialisten zu.
Wir wollen euch einzeln. An die Gewehre!
Das ist die neuste Wirtschaftslehre.
Die Forderung ist noch nicht verkündet,
die ein deutscher Professor uns nicht begründet.
In Betrieben wirken für unsere Idee
die Offiziere der alten Armee,
die Stahlhelmleute, Hitlergarden ...

Ihr, in Kellern und in Mansarden,
merkt ihr nicht, was mit euch gespielt wird?
mit wessen Schweiß der Gewinn erzielt wird?
    Komme, was da kommen mag.
    Es kommt der Tag,
da ruft der Arbeitspionier:
    »Ihr nicht.
           Aber Wir. Wir. Wir.«

(In Die Weltbühne, 4. 3. 1930, Nr. 10, S. 351, www.textlog.de/tucholsky-freie-wirtschaft.html. Schade, dass im Projekt Gutenberg die letzten beiden Strophen fehlen und dass als Autor Kurt Tucholsky genannt wird. Man kann sich wirklich nicht nur auf eine Quelle verlassen, da kann das Projekt einen noch so guten Ruf haben; siehe http://gutenberg. spiegel.de/buch/1192/3)
Angeblich soll dieser Irrtum durch einen missverständlichen Blogeintrag entstanden sein. Der Blogger hat sich inzwischen auch zu Wort gemeldet. – Tja, die Wege im Spinnennetz sind manchmal unergründlich. – Er schreibt u. a.:
Mit der Bloggerei verhält es sich offensichtlich wie mit der Wissenschaft:
Herr A. liest etwas und zitiert es aus irgendwelchen Gründen falsch.
Frau B. beruft sich in ihrer Veröffentlichung auf A., baut womöglich ihre Argumentation auf A.’s Zitat auf, ohne das Original gelesen zu haben.
Frau B. gilt als Koryphäe auf ihrem Gebiet – deswegen avanciert ihre Veröffentlichung zum Standardwerk, das von vielen StudentInnen gelesen, aber nicht hinterfragt wird.
Irgendwann, nach vielen, vielen Jahren schlägt ein besonders begabter Mensch den Originaltext nach und bemerkt, daß dort gar nicht steht, was in den vielen Publikationen behauptet wird …
Auf einer der Wer-weiß-was-Seiten wurde neulich gefragt, was eine »Nahre« ist. Es stellte sich heraus, dass damit Bahre gemeint war. Nur hatte der Betreiber einer Gedichte-Seite sich vertippt und Nahre statt Bahre getippt. Und andere Seiten haben das Gedicht mit dem Fehler fröhlich übernommen. Bis jemand sich gewundert hat und mal nachgefragt hat.

Und was sagt uns das? Man soll lieber einmal zu viel fragen als zu wenig. Wie heißt es schön in der Sesamstraße: »Wer nicht fragt, bleibt dumm.«

Aber nun habe ich auch mal eine Frage: Warum distanzieren sich plötzlich so viele von dem Gedicht, nur weil es nicht von Tucholsky ist und plötzlich viel zu polemisch. Tucholsky hätte man das ja noch verziehen, aber so … Es hat doch einen Grund, warum so viele Menschen das Gedicht anderen mailen und/oder auf ihrer Seite einstellen. Es trifft doch offensichtlich einen Nerv bei den Menschen, und nicht nur bei "linksgerichteten Kapitalismuskritikern", ob der Verfasser nun ein Rechter oder ein Linker ist.

Nachtrag: Na super, dass ich das erst jetzt mitbekommen habe, die ganze Diskussion über die "Legende im Internet" war nämlich schon im Oktober 2008 …

Noch ein Nachtrag (1. 9. 2012): Und immer noch wird das Gedicht Kurt Tucholsky zugeschrieben …

Dienstag, 28. Oktober 2008

Neues aus dem Zitatekästchen übers Schreiben

Wer aber nicht eine Million Leser erwartet, sollte keine Zeile schreiben. (Johann Wolfgang von GOETHE am 12. Mai 1825. In Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Brockhaus 1868, S. 220; http://www.wissen-im-netz.info/literatur/goethe/biografie/eckermann/1825/18250512.htm); mehr dazu siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.de/2012/11/goethe-uber-eine-million-leser-und.html

Duclos bemerkt, es gebe wenig ausgezeichnete Werke, die nicht von Schriftstellern von Profession herrühren. In Frankreich wird dieser Stand seit langer Zeit mit Achtung anerkannt. Bei uns galt man ehedem weniger als nichts wenn man bloß Schriftsteller war. Noch jetzt regt sich dies Vorurteil hier und da, aber die Gewalt verehrter Beispiele muß es immer mehr lähmen. Die Schriftstellerei ist, je nachdem man sie treibt, eine Infamie, eine Ausschweifung, eine Tagelöhnerei, ein Handwerk, eine Kunst, eine Wissenschaft und eine Tugend. (August Wilhelm von SCHLEGEL*, Über Litteratur und Kunst. In Vermischte und kritische Schriften. Weidmann’sche 1846, S. 13http://www.zeno.org/Literatur/M/Schlegel,+Friedrich/Fragmentensammlungen/Fragmente)
* Nicht Karl Wilhelm Friedrich von Schlegel.

Wir schreiben … um unser Bewußtsein vom Leben zu vertiefen … wir schreiben, um das Leben zweimal zu kosten: im Augenblick und in der Rückschau … Wir schreiben, um andere zu locken, zu bezaubern und zu trösten … … um uns selbst zu lehren, mit anderen zu sprechen, um die Reise in das Labyrinth aufzuzeichnen … um unsere Welt zu erweitern, wenn wir uns stranguliert fühlen, eingeengt und einsam … Wir schreiben, um die Grenzen unseres Lebens zu überschreiten, um darüber hinaus reichen zu können. Wenn ich nicht schreibe, fühle ich, wie meine Welt schrumpft, ich fühle mich in einem Gefängnis. Ich empfinde, wie ich mein Feuer und meine Farben verliere . (Anaïs NIN; mehr dazu siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.de/2011/11/anais-nin-uber-das-schreiben.html)

Es schreibt keiner wie ein Gott, der nicht gelitten hat wie ein Hund. (Marie von EBNER-ESCHENBACH. In Aphorismen. Aus einem zeitlosen Tagebuch. Altweibersommer. Parabeln und Märchen. Nymphenburger Verlagshandlung 1961, S. 74)

Was eigentlich den Schriftsteller für den Menschen ausmacht, ist: beständig zu sagen, was der größte Theil der Menschen denkt oder fühlt ohne es zu wissen. Der mittelmäßige Schriftsteller sagt nur, was jeder würde gesagt haben. (Georg Christoph LICHTENBERG. In Georg Christoph Lichtenberg’s Gedanken und Maximen: Lichtstrahlen aus seinen Werken. Brockhaus 1871, S. 124)

Es sind zuverlässig in Deutschland mehr Schriftsteller, als alle vier Welttheile überhaupt zu ihrer Wohlfahrt nötihg haben. (Georg Christoph LICHTENBERG. In Vermischte Schriften. Dietrichsche 1853, S. 313)

Seine Bücher waren alle sehr nett; sie hatten auch sonst wenig zu thun. (Georg Christoph LICHTENBERG. In Georg Christoph Lichtenberg’s Gedanken und Maximen: Lichtstrahlen aus seinen Werken. Brockhaus 1871, S. 177)

Ich glaube, dass ich ein Arbeiter, ein Handwerker bin. Schreiben ist für mich nicht so sehr eine Sache der Stimmung. (Friedrich DÜRRENMATT. In Der Klassiker auf der Bühne: Gespräche 1961–1990. Diogenes 1996, S. 126)

Ich staune immer, wenn ich irgend etwas zu Ende bringe. Ich staune und bin deprimiert. Mein Sinn für Vollkommenheit müßte mich daran hindern, irgend etwas zu Ende zu bringen; er müßte mich sogar daran hindern, irgend etwas in Angriff zu nehmen. (Fernando PESSOA, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares. Fischer 1988, S. 115)

Isolation ist das erste Prinzip künstlerischer Ökonomie (Isolation is the first principle of artistic economy). (James JOYCE, Stephen Hero, Chapter XVI, S. 34,  http://www.ricorso.net/rx/az-data/authors/j/Joyce_JA/apx/texts/Extracts/St-Hero.htm)

Ich finde nicht, daß ein Künstler sich mit Gedanken an sein Publikum belasten sollte. Sein bestes Publikum ist der Mensch, dessen Gesicht er allmorgendlich im Rasierspiegel erblickt. (Vladimir NABOKOW; zitiert nach http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14937268.html)

Geschichte* schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen. (Johann Wolfgang von GOETHE, Ueber Kunst und Alterthum. Cotta 1821, S. 33)
*Nicht Geschichten(!).