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Samstag, 17. November 2012

Gedicht der Woche: Sonntagnachmittag

Sonntagnachmittag

Auf faulen Straßen lagern Häuserrudel,
Um deren Buckel graue Sonne hellt.
Ein parfümierter, halbverrückter kleiner Pudel
Wirft wüste Augen in die große Welt.

In einem Fenster fängt ein Junge Fliegen.
Ein arg beschmiertes Baby ärgert sich.
Am Himmel fährt ein Zug, wo windge Wiesen liegen;
Malt langsam einen langen dicken Strich.

Wie Schreibmaschinen klappen* Droschkenhufe.
Und lärmend kommt ein staubger Turnverein.
Aus Kutscherkneipen stürzen sich brutale Rufe.
Doch feine Glocken dringen auf sie ein.

In Rummelplätzen, wo Athleten ringen,
Wird alles dunkler schon und ungenau.
Ein Leierkasten heult und Küchenmädchen singen.
Ein Mann zertrümmert eine morsche Frau.

Alfred Lichtenstein
(In Gedichte und Geschichten. Georg Müller, 1919, S. 53)

* Ob Liechtenstein klappen statt klappern geschrieben hat, konnte ich nicht herausfinden. Klappen könnte ein Druckfehler sein, der später übernommen wurde.

Freitag, 7. Januar 2011

„Hartnäckig weiter fließt die Zeit“ von Wilhelm Busch (mit Anmerkung)

Hartnäckig weiter fließt die Zeit;
Die Zukunft wird Vergangenheit.
Von einem großen Reservoir
In’s andre rieselt Jahr um Jahr;
Und aus den Fluthen taucht empor
Der Menschen bunt gemischtes Corps.
Sie plätschern, traurig oder munter,
’n bissel ’rum, dann gehen’s unter
Und werden, ziemlich abgekühlt,
Für längre Zeit hinweggespült. –

Wie sorglich blickt das Aug' umher!
Wie freut man sich, wenn der und der,
Noch nicht versunken oder matt,
Den Kopf vergnügt heroben hat.

Wilhelm Busch, Maler Klecksel. Bassermann 1907, S. 64)


Falsch ist „Aus einem großen Reservoir“ statt „Von einem …“ und „andere“ beziehungsweise „and’re“ statt andre. Und der Spruch „Hartnäckig weiter fließt die Zeit, die Zukunft wird Vergangenheit. Doch jedes so verronnene Jahr, bringt Weisheit für die Zukunft dar" ist allerdings sehr frei nach Wilhelm Busch …

Mittwoch, 5. Januar 2011

„Neujahrslied“ von Johann Peter Hebel (mitsamt Richtigstellung)

Neujahrslied*

Mit der Freude zieht der Schmerz
Traulich durch die Zeiten.
Schwere Stürme, milde Weste,
Bange Sorgen, frohe Feste.
Wandeln sich zur Seiten

Und wo eine Thräne fällt,
Blüht auch eine Rose.
Schön gemischt, noch eh' wir's bitten,
Ist für Thronen und für Hütten
Schmerz und Lust im Loose.

War's nicht so im alten Jahr?
Wird's im neuen enden?
Sonnen wallen auf und nieder,
Wolken gehn und kommen wieder,
Und kein Wunsch wird’s wenden.

Gebe denn, der über uns
Wägt mit rechter Wage,
Jedem Sinn für seine Freuden,
Jedem Muth für seine Leiden,
In die neuen Tage.

Jedem auf des Lebens Pfad
Einen Freund zur Seite,
Ein zufriedenes Gemüthe,
Und zu stiller Herzensgüte
Hoffnung in’s Geleite.

Johann Peter Hebel

(In Hebels sämmtliche Werke: Allemannische und hochdeutsche Gedichte. Müller’sche 1834, S. 136)

*Der Titel „Geburtstagslied“ ist falsch.

Falsch sind  auch „Wandeln sich zu Zeiten“ statt „… zur Seiten“, „Schon“ statt „Schön“ „… auf dem Lebenspfad“ statt „… des Lebens Pfad“, „e" statt „eh'“ und einige Zeichensetzungen.

Dienstag, 4. Januar 2011

„Zum neuen Jahr“ von Johann Wolfgang von Goethe (mitsamt Richtigstellung)

Zum neuen Jahr

Zwischen dem Alten,
Zwischen dem Neuen,
Hier uns zu freuen
Schenkt uns das Glück,
Und das Vergangne
Heißt mit Vertrauen
Vorwärts zu schauen,
Schauen zurück.

Stunden der Plage,
Leider, sie scheiden
Treue von Leiden,
Liebe von Lust;
Bessere Tage
Sammlen uns wieder,
Heitere Lieder
Stärken die Brust.

Leiden und Freuden,
Jener verschwundnen,
Sind die Verbundnen
Fröhlich gedenk.
O des Geschickes
Seltsamer Windung!
Alte Verbindung,
Neues Geschenk.

Dankt es dem regen
Wogenden Glücke,
Dankt dem Geschicke
Männiglich Gut.
Freut euch des Wechsels
Heiterer Triebe,
Offener Liebe,
Heimlicher Gluth!

Andere schauen
Deckende Falten
Über dem Alten
Traurig und scheu;
Aber uns leuchtet
Freundliche Treue;
Sehet das Neue
Seht, das Neue
Findet uns neu.

So wie im Tanze
Bald sich verschwindet,
Wieder sich findet
Liebendes Paar;
So durch des Lebens
Wirrende Beugung
Führe die Neigung
Uns in das Jahr.

Johann Wolfgang von Goethe

(Gesellige Lieder. Motto „Was wir in Gesellschaft singen / Wird von Herz zu Herzen dringen.“ In Goethe’s poetische und prosaische Werke. Cotta’sche 1836, S. 22)

Falsch sind „schieden“ statt „scheiden“, „Seht“ statt „Sehet“ und diverse Zeichensetzungen.

Samstag, 1. Januar 2011

„Zu Neujahr“ von Wilhelm Busch (mitsamt Richtigstellung)

Zu Neujahr

Will das Glück nach seinem Sinn
Dir was Gutes schenken,
Sage Dank und nimm es hin
Ohne viel Bedenken.
Jede Gabe sei begrüßt,
Doch vor allen Dingen:
Das, worum du dich bemühst,
Möge dir gelingen.

Wilhelm Busch

(Aus Schein und Sein: Nachgelassene Gedichte. Lothar Joachim 1909, S. 80

Johann Wolfgang von Goethe ist nicht der Urheber. Falsch sind „Danke“ statt „Dank“, „geglückt“ statt „begrüßt“, „warum“ statt „worum“, das Setzen von „Danke“ in Anführungsstriche, Kursivschreibung von „bemühst“ und und und. Es ist auch kein Spruch, sondern ein Gedicht. Diese Fehler habe ich allein schon beim Googeln nach dem Gedicht unter „Büchersuche“ gefunden, sie sind also alle schon fehlerhaft gedruckt.

Donnerstag, 30. Dezember 2010

Neujahrsgedicht von Wilhelm Busch (mitsamt Richtigstellung)

Prosit Neujahr! 

Das alte Jahr gar schnell entwich.
Es konnt sich kaum gedulden
Und ließ mit Freuden hinter sich
Den dicken Sack voll Schulden.

Wilhelm Busch

(In Hernach. Insel 1922, S. 34)

Die Versionen mit „Vielleicht auch Schmerz und Schulden“ statt „Den dicken Sack voll Schulden“, „Lebensjahr“ statt „Jahr“, „konnte statt „konnt“, mit Komma hinter „entwich“, mit Apostroph beziehungsweise Accent aigu hinter „konnt“, mit Punkt hinter „gedulden“, mit 3 Pünktchen oder Gedankenstrich“ hinter „sich“ sind falsch.

Mittwoch, 29. Dezember 2010

„Wünsche zum neuen Jahr“ von Peter Rosegger (mit einer Richtigstellung und einer Frage)


Wünsche zum neuen Jahr

Ein bißchen mehr Friede und weniger Streit
Ein bißchen mehr Güte und weniger Neid
Ein bißchen mehr Liebe und weniger Haß
Ein bißchen mehr Wahrheit – das wäre was

Statt so viel Unrast ein bißchen mehr Ruh
Statt immer nur Ich ein bißchen mehr Du
Statt Angst und Hemmung ein bißchen mehr Mut
Und Kraft zum Handeln – das wäre gut

In Trübsal und Dunkel ein bißchen mehr Licht
Kein quälend Verlangen, ein bißchen Verzicht
Und viel mehr Blumen, solange es geht
Nicht erst an Gräbern – da blühn sie zu spät

Ziel sei der Friede des Herzens
Besseres weiß ich nicht

Poem for the New Year

A bit more of peace and a bit less debate,
a bit more of kindness and a bit less of hate,
a bit more of love and forget jealousy,
and more of the truth - now that sets us free!

Not so much of strife but of peace to pursue,
not so much of I but a bit more of You,
not fear nor despondence but more enterprise
and strength to take action - now that would be wise!

No sadness and darkness but light let us show,
no burning desire but a joyful let-go,
with many more flowers to brighten the fate,
and not just on graveyards - for then it's too late!

(http://myweb.dal.ca/waue/Trans/Rosegger-Neujahr.html)

Peter Rosegger

(aus Peter Rosegger: Mein Lied. Staackmann 1911)

Je mehr ich nach diesem überaus populären Gedicht forsche, um so mysteriöser wird es, denn in »Mein Lied« habe ich es nicht gefunden. Auch wenn es keine vollständige Ansicht davon gibt, hätte ich es über die Stichworteingabe finden müssen. Als einzige seriöse Quelle fand ich den Abdruck des Gedichtes auf der Homepage der Rosegger-Gesellschaft, dort allerdings ohne Überschrift. Ich glaube auch nicht, dass »Wünsche zum neuen Jahr« die Originalüberschrift ist. Merkwürdig ist auch der Schlussvers »Ziel sei der Friede des Herzens / Besseres weiß ich nicht«, da er so gar nicht zum Gedicht passt. Bei manchen Abdrucken im Internet fällt er auch weg. Erstaunlicherweise beschäftigt sich aber nur Nadia Minic auf den englischsprachigen Seiten http://www.flickr.com/photos/35475855@N05/5294429571/ und http://myweb.dal.ca/waue/Trans/Rosegger-Neujahr.html, die das Gedicht dort in englischer Übersetzung eingestellt hat, mit den Ungereimtheiten. Auf ihre Frage nach der Quelle hat sie leider auch keine Antwort erhalten. Deshalb versuche ich es hier: Kennt jemand die genaue Quelle des Gedichts?

(Lesenswert ist übrigens diese Diskussion zur Rechtschreibung (»Beschissene Rechtschreibung/Grammatik, null Interpunktion. Keine vernünftige Message & komplett langweilig geschrieben«)

Bei der Recherche nach diesem Gedicht bin ich auf ein ähnliches Gedicht gestoßen (das es ebenso wie das obige wieder einmal in verschiedenen, darunter recht abenteuerlichen Versionen und Schreibweisen gibt, siehe zum Beispiel hier). Es ist aber nach Rosegger und nicht von Rosegger. Wer diese Version geschaffen hat, konnte ich leider nicht feststellen.

Ein bißchen mehr Friede
Und weniger Streit;
Ein bißchen mehr Güte
Und weniger Neid;
Ein bißchen mehr Wahrheit
Immerdar
Und viel mehr Hilfe
Bei jeder Gefahr.

Ein bißchen mehr Wir
Und weniger Ich;
Ein bißchen mehr Kraft,
Nicht so zimperlich.
Ein bißchen mehr Liebe
Und weniger Haß;
Ein bißchen mehr Wahrheit –
Das wäre doch was!

Statt immer nur Unrast
Ein bißchen mehr Ruh';
Statt immer nur Ich
Ein bißchen mehr Du.
Statt Angst und Hemmung,
Ein bißchen mehr Mut
Und Kraft zum Handeln,
Das wäre gut!

Kein Trübsal und Dunkel,
Ein bißchen mehr Licht;
Kein quälend Verlangen,
Ein froher Verzicht –
Und viel, viel mehr Blumen
Während des Lebens
Denn auf dem Grabe
Blüh'n sie vergebens.

Und der angebliche Spruch »Ein bißchen mehr Friede und weniger Streit, ein bißchen mehr Güte und weniger Neid, ein bißchen mehr Liebe und weniger Haß, ein bichen mehr Wahrheit – das wäre was!« ist natürlich kein Spruch, sondern die erste Strophe von Roseggers Gedicht …

Nachtrag: Besonders peinlich ist, wenn eine Gedichtinterpretation in Form eines Referats zu dem falschen Gedicht geschrieben wird. Und nein, ich verlinke lieber nicht.

Donnerstag, 23. Dezember 2010

Statt eines Adventskalenders: Gedicht zum 8. 12. (Richtigstellung)

Weihnachten

Bäume leuchtend, Bäume blendend,
Überall das Süße spendend,
In dem Glanze sich bewegend,
Alt und junges Herz erregend –

Solch ein Fest ist uns bescheret,
Mancher Gaben Schmuck verehret;
Staunend schauen wir auf und nieder
Hin und her und immer wieder.

Aber, Fürst, wenn Dir's begegnet
Und ein Abend so Dich segnet,
Daß als Lichter, daß als Flammen
Vor Dir glänzten all zusammen

Alles was Du ausgerichtet,
Alle die sich Dir verpflichtet:*
Mit erhöhten Geistesblicken
Fühltest herrliches Entzücken.

Johann Wolfgang von Goethe

(Aus: Goethe's Werke: Vollständige Ausgabe letzter Hand. Bd. 3, Cotta'sche Buchhandlung 1828, S. 88)

*Auch dieses Gedicht wird im Internet falsch wiedergegeben, vor allem im Hinblick auf die Zeichensetzung. Der größte Fehler aber ist diese Zeile. Manchmal muss man nämlich statt "Alle die sich Dir verpflichtet" "alle, die du dir verpflichtet" lesen. Und das entstellt das ganze Gedicht.

Nachtrag: Ich muss meinen Unmut über den angeblich falschen Vers zerknirscht zurücknehmen, denn heute, fast zwei Jahre später und um viele Rechercheerfahrungen reicher, muss ich feststellen, dass Goethe offensichtlich selbst den Vers ebenso wie die Überschrift geändert hat. Denn in Goethe's sämmtliche Werke in dreißig Bänden (mit der neuen Version des Verses) aus dem Jahr 1850 steht als Überschrift: „Dem Großherzog Carl August am Weihnachts-Abend 1822, mit einer Sammlung Gedichte auf die Gründung der neuen Bürgerschule“. (S. 472)

Hm. Offensichtlich bin ich die erste, der die beiden unterschiedlichen Versionen aufgefallen ist.

Ein Gedicht geistert durchs Internet (über das Gedicht „Ich wünsche dir fürs neue Jahr“)


Auf abertausenden Websites findet man dieses Gedicht von Christian Morgenstern:

Ich wünsche dir fürs neue Jahr
das große Glück in kleinen Dosen.
Das alte lässt sich ohnehin
nicht über Nacht verstoßen.

Was du in ihm begonnen hast
mit Mut und rechter Müh’,
das bleibt dir auch noch Glück und Last
in neuer Szenerie.

Unhemmbar rinnt und reißt der Strom der Zeit,
in dem wir gleich verstreuten Blumen schwimmen,
unhemmbar braust und fegt der Sturm der Zeit,
wir riefen kaum, verweht sind unsre Stimmen.

Ein kurzer Augenaufschlag ist der Mensch,
den ewige Kraft auf ihre Werke tut;
ein Blinzeln – der Geschlechter lange Reihn,
ein Blick – des Erdballs Werden und Verglut.

Sie haben sicher schon erkannt, dass die dritte und vierte Strophe nicht zu den ersten beiden Strophen passen. Richtig: Zwei Gedichte wurden auf wundersame Weise vermischt, wobei natürlich auch noch Änderungen vorgenommen wurden, von der Anordnung der Verse in Strophen ganz zu schweigen. Die beiden ersten Strophen sind Teil eines Gedichtes mit insgesamt vier Strophen von Elli Michler, die anderen beiden ein Gedicht von Christian Morgenstern mit dem Titel „Schicksals-Spruch“. Dort heißt es in der letzten Zeile  auch nicht „Werden“, sondern „Werdnis“, außerdem ist es nicht in Strophen unterteilt. Eine  Website gibt als Urheber Elli Michler & Christian Morgenstern an. Immerhin. Es wäre interessant zu wissen, wer das erste Mal die beiden Gedichte vermengt hat …

Die vollständige Version des Gedichts von Elli Michler lautet:

Ich wünsche dir fürs neue Jahr …

Ich wünsche dir fürs neue Jahr
das große Glück in kleinen Dosen.
Das alte lässt sich ohnehin
nicht über Nacht verstoßen.

Was du in ihm begonnen hast
mit Mut und rechter Müh’,
das bleibt dir auch noch Glück und Last
in neuer Szenerie.

Erwarte nicht vom ersten Tag
des neuen Jahres gleich zuviel!
Du weißt nicht, wie er’s treiben mag,
es bleibt beim alten Spiel.

Ob gute Zeit, ob schlechte Zeit,
wie sie von Gott gegeben,
so nimm sie an und steh bereit
und mach daraus dein Leben!

(Aus Elli Michler: Dir zugedacht. Don Bosco Verlag, München, 20. Auflage 2010
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages (vielen Dank an Barbara Michler)

www.ellimichler.de


Und hier ist die richtige Version des Gedichts von Christian Morgenstern:

Schicksals-Spruch

Unhemmbar rinnt und reißt der Strom der Zeit,
in dem wir gleich verstreuten Blumen schwimmen,
unhemmbar braust und fegt der Sturm der Zeit,
wir riefen kaum, verweht sind unsre Stimmen.
Ein kurzer Augenaufschlag ist der Mensch,
den ewige Kraft auf ihre Werke tut,
ein Blinzeln - der Geschlechter lange Reihn,
ein Blick - des Erdballs Werdnis und Verglut.

Dass viele Nutzer darauf reingefallen sind, nun  ja, das ist halt so, aber dass auch Zeitungen wie das Stadtblatt (Anzeiger der Stadt Heidelberg) die falsche Version übernommen haben, ist krass. Die Zeitung hat das aber später richtig gestellt und Elli Michler bei der Gelegenheit gleich interviewt. Das Interview können Sie hier lesen.

Und krass ist, dass das Deutschlandradio Kultur auch darauf reingefallen ist und das Gedicht in der Programmvorschau für den 1. Januar 2006 unter dem falschen Verfasser ankündigt hat:


















Traut denn niemand einer vielleicht nicht ganz so bekannten Dichterin zu, dass sie Gedichte schreibt, die tausende Menschen berühren?

Und nebenbei: Wenn man schon auf seiner Seite darauf hinweist, dass das Gedicht falsch ist, dann sollte man nicht schreiben, dass die gewünschte Klarstellung durch die Tochter von Elli Michler, Barbara Michler, ohne weitere Prüfung erfolgt ist, und die richtigen Fassungen mit dem Zusatz „lt. Barbara Michler“ versehen.

Dienstag, 21. Dezember 2010

Statt eines Adventskalenders: Gedicht zum 21. 12. (mitsamt Richtigstellung)


Weihnachtslied

Vom Himmel in die tiefsten Klüfte
Ein milder Stern hernieder lacht;
Vom Tannenwalde* steigen Düfte
Und hauchen durch die Winterlüfte,
Und kerzenhelle wird die Nacht.

Mir ist das Herz so froh erschrocken,
Das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre fernher Kirchenglocken
Mich lieblich heimatlich verlocken
In märchenstille Herrlichkeit.

Ein frommer Zauber hält mich wieder,
Anbetend, staunend muß ich stehn;
Es sinkt auf meine Augenlider*
Ein goldner Kindertraum hernieder,
Ich fühl’s, ein Wunder ist geschehn.

Theodor Storm

(Aus: Werke in einem Band, 1988, S. 11)

*nicht Tannenwalde

Diese Version der letzten Strophe ist falsch:

Ein frommer Zauber hält mich wieder,
anbetend, staunend muß ich steh’n:
Es sinkt auf meine Augenlieder*
ein goldner Kindertraum hernieder,
ich fühl’s, ein Wunder ist gescheh’n.

*Autsch. Die Augenlieder findet man immerhin über 4300 Mal

Nachtrag: Offensichtlich ist das ein Fehler, der dem Drucker bei der Herausgabe des Gedichts in Sommer-Geschichten und Lieder auf S. 23 unterlief. Denn dort steht tatsächlich Augenlieder … Und da Wikisource, die als kompetente Quelle für alle Art von Texten gilt, das Gedicht so übernommen hat, geistert nun der Fehler im Netz umher.

Allerdings ist auch die erste Strophe anders, denn dort und in Gedichte (1856) heißt es im 3. und 4. Vers:
Ein weihrauchsüßes Harzgedüfte / Durchschwimmet träumerisch die Lüfte,
In Sämtliche Schriften (1868) und in Gesammelte Schriften (1889) sind die Verse wieder anders:
Es brennt der Baum, ein süß Gedüfte / Durchschwimmet träumerisch die Lüfte. 
Die erste Fassung wurde seit 1919 in die Gedichtausgaben übernommen.

Auweia, da wusste Storm wohl nicht so recht, wie er dichten soll, und vor allem konnte er sich nicht entscheiden, welche Version die beste ist. Also, wenn man mich fragt, ich finde die beiden Versionen überaus kitschig. Ich hätte das Gedicht mit diesen Versen sicher nicht freiwillig auswendig gelernt, weil es mein Lieblings-Weihnachtsgedicht ist. Vor allem frage ich mich, ob das süß Gedüfte, das träumerisch durchschwimmt die Lüfte, wirklich von einem brennenden Weihnachtsbaum herrühren.

Statt eines Adventskalenders: “Markt und Straßen stehn verlassen“ (mitsamt Richtigstellung + Recherchetipp)


Weihnachten

Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus ins freie Feld,
Hehres Glänzen, heilges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schnees Einsamkeit
Steigts wie wunderbares Singen –
O du gnadenreiche Zeit!

Joseph von Eichendorff

(Aus: Joseph Freiherrn von Eichdorff’s sämmtliche Werke. Voigt & Günther 1864, S. 60)

Diese Version, die man tausendfach im Internet findet, ist falsch:

Markt und Straße steh’n verlassen,
still erleuchtet jedes Haus;
sinnend geh ich durch die Gassen,
alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
buntes Spielzeug fromm geschmückt,
tausend Kindlein steh’n und schauen,
sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
bis hinaus ins freie Feld.
Hehres Glänzen, heil’ges Schauern,
wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen;
aus des Schnees Einsamkeit
steigt’s wie wunderbares Singen. -
O, du gnadenreiche Zeit!

Woran ich das gemerkt habe? An den Apostrophs … Nebenbei bemerkt findet Google für die falsche Version 7.340 Treffer, für die richtige 18(!). Ich habe deshalb unter Google Buchsuche nach Eichendorff, Markt, Straßen, gesucht. Im Zweifelsfall sollte man also immer nach einer Werkausgabe suchen.

Nachtrag nach vielen Erfahrungen mit der Recherche: Die Suche mit Stichworten ist nicht sehr ergiebig, weil es zu viele Treffer gibt. Besser ist, man sucht unter Google-Buchsuche (und nur dort)  mit einer Zeile, zum Beispiel mit "Markt und Straße steh’n verlassen" (Achtung: Suche nach einem bestimmten Wortlaut immer mit Anführungsstrichen!) und wenn man damit keinen Treffer erzielt wie in diesem Fall, weil sie vielleicht falsch ist, mit Stichwörtern aus dem Gedicht plus Angabe des Autors mit vollem Namen. Die Quellenangabe „Unser schönes Buch“ reicht nicht als Beleg für die richtige Version eines Textes. Es gilt einzig und allein eine Werksausgabe.

Montag, 6. Dezember 2010

Statt eines Adventskalenders: Gedicht zum 6. 12. (mitsamt Richtigstellung)

Groß-Stadt-Weihnachten*

Nun senkt sich wieder auf die heim’schen Fluren
die Weihenacht! die Weihenacht!
Was die Mamas bepackt nach Hause fuhren,
wir kriegens jetzo freundlich dargebracht.

Der Asphalt glitscht. Kann Emil das gebrauchen?
Die Braut kramt schämig in dem Portemonnaie.
Sie schenkt ihm, teils zum Schmuck und teils zum Rauchen,
den Aschenbecher aus Emalch glasé.

Das Christkind kommt! Wir jungen Leute lauschen
auf einen stillen heiligen Grammophon.
Das Christkind kommt und ist bereit zu tauschen
den Schlips, die Puppe und das Lexikohn.

Und sitzt der wackre Bürger bei den Seinen,
voll Karpfen, still im Stuhl, um halber zehn,
dann ist er mit sich selbst zufrieden und im reinen:
“Ach ja, son Christfest is doch ooch janz scheen!”

Und frohgelaunt spricht er vom ‘Weihnachtswetter’,
mag es nun regnen oder mag es schnein.
Jovial und schmauchend liest er seine Morgenblätter,
die trächtig sind von süßen Plauderein.

So trifft denn nur auf eitel Gück hienieden
in dieser Residenz Christkindleins Flug?
Mein Gott, sie mimen eben Weihnachtsfrieden …
“Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug.”

Theobald Tiger**

(In Gesammelte Werke. Volk und Welt 1969, S. 254)


*auch Großstadt-Weihnachten

**Da Kurt Tucholsky dieses Gedicht unter seinem Pseudonym Theobald Tiger veröffentlicht hat, sollte auch es auch als Urheber angegeben werden

Und ach ja, es gibt wieder unterschiedliche Versionen. So wurde in der Version auf http://www.zeno.org/Literatur/M/Tucholsky,+Kurt/Werke/1913/Gro%C3%9Fstadt+-+Weihnachten und  http://de.wikisource.org/wiki/Gro%C3%9Fstadt-Weihnachten hinter “schnein” ein Komma eingefügt, obwohl die Zeile mit einem Punkt enden muss. Bei Wikisource heißt es in der ersten Zeile statt Fluren “Fluten”, was unsinnig ist, außerdem passt dann der Reim “fuhren” nicht.


Nachtrag 5. 9. 2012: Wikisource hat den Fehler inzwischen korrigiert.