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Freitag, 18. Januar 2013

Robert Burton und die Augen der Liebe


Sind alle so blind, als sie närrisch sind, und geht eines mit dem andern. Quisquis amat ranam, ranam putatesse Dianam; er liebte eine Kröte, so muß die Kröte Diana sein, eine Göttin. Denn es ist kein Liebender, der die Geliebte nicht vergöttert, sie sei so schief, wie sie will, so krumm, wie sie kann; runzlig, ranzig, blaß, sommersprossig, rotes Haar und gelbe Haut, ein talgiges Galgengesicht oder eine runde, platte Schießscheibe, oder dumm, dürr, dürftig, schief und schäbig wie eine Vogelscheuche, kahl, glotzäugig, triefäugig, hohläugig, hühneräugig, schielt wie ein Huhn in der Sonne und blinzelt wie eine Katze vorm Ofen, hat Ränder und Ringe um die Augen wie eine Eule, einen Spatzenmund und darüber einen Nasenhaken wie ein persischer Teppichhändler, oder eine spitze Fuchsnase, eine rote Rübe, eine plattgedrückte Nase wie ein Chinese, gelbe Biberzähne, oder schwarz und schief und durcheinander wie ein alter Judenfriedhof, zusammengewachsene Brauen über wimpernlosen Lidern, Hexenbart und Warzen, ihr Atem stinkt durch das ganze Zimmer, die Nase tropft Sommer und Winter, hat einen Kropf unterm Kopf und einen bayrischen Beutel unterm Kinn, Fledermausohren oder Hängeohren wie ein Wachtelhund, einen Hals wie ein Kranich, pendulis mammis [Hängebrüste], Titten wie Quitten oder gar keine, ein Plättbrett als Busen, Hitzpocken oder Frostbeulen, lange schwarze Nägel, Schorf an den Händen und Räude an den Füßen, krumm, klapprig, rippendürr, lahm, Plattfüße, Schweißfüße, geht einwärts und schurrt mit den Schuhen, ein wahrer Wechselbalg, ein Alpdruck, ein halbgebackenes Gespenst, schilt wie eine Rohrammer und schrillt wie der Griffel auf dem Schiefer, eine wüste Schlampe, eine schleichende Pest, eine läufige Hündin und ranzige Otter, in summa und um's kurz zu machen: ein Kuhfladen im Backofen. Du kannst sie nicht sehen, dich ekelt's vor ihr, würdest ihr am liebsten ins Gesicht spucken oder ihr, mit Verlaub, auf den Busen rotzen.

Robert Burton (Pseudonym Democritus junior)

(Mit den Augen der Liebe. In Anatomie der Melancholie. Ihr Wesen und Wirken, ihre Herkunft und Heilung philosophisch, medizinisch, historisch offengelegt und seziiert. Teil III: Schwermut der Liebe, übersetzt von Peter Gan, 1952, zitiert nach http://www.physiologus.de/frau_haes.htm)

Their blindness is all out as great, as manifest as their weakness and dotage; or rather an inseparable companion, an ordinary sign of it. Love is blind, as the saying is, Cupids blind, and so are all his followers. Quisquis amat ranam, ranam putat esse Dianam. Every lover admires his mistress, though she be very deformed of herself, ill-favored, wrinkled, pimpled, pale, red, yellow, tan’d, tallow-faced, have a swoln juglers platter face, or a thin, lean, chitty face, have clouds in her face, be crooked, dry, bald, goggle-ey’d, blear-ey’d or with staring eyes, she looks like a squis’d cat, hold her head still awry, heavy, dull, hollow-ey’d, black or yellow about the eyes, or squint-ey’d, sparrow-mouthed, Persean hook-nosed, have a sharp fox nose, a red nose, China flat, great nose, nare simo patuloque, a nose like a promontory, gubber-tushed, rotten teeth, black, uneven, brown teeth, beetle browed, a witches beard, her breath stink all over the room, her nose drop winter and summer, with a Bavarian poke under her chin, a sharp chin, lave eared, with a long cranes neck, which stands awry too, pendulis mammis, her dugs like two double jugs, or else no dugs in that other extream, bloody-faln-fingers, she have filthy long unpaired nails, scabbed hands or wrists, a tan’d skin, a rotten carcass, crooked back, she stoops, is lame, splea-footed, as slender in the middle as a cow in the wast, gowty legs, her ankles hang over her shooes, her feet stink, she breed lice, a meer changeling, a very monster, an aufe imperfect, her whole complexion savours, a harsh voyce, incondite gesture, vile gate, a vast virago, or an ugly tit, a slug, a fat fustilugs, a trusse, a long lean rawbone, a skeleton, a sneaker (si qua latent meliora puta), and to thy judgment looks like a mard in a lanthorn, whom thou couldst not fancy for a world, but hatest, loathest, and wouldst have spit in her face, or blow thy nose in her bosom, remedium amoris to another man, a dowdy, a slut, a scold, a nasty, rank, rammy, filthy, beastly quean, dishonest peradventure, obscene, base, beggerly, rude, foolish, untaught, peevish, Irus daughter, Thersites sister, Grobians scholler; if he love her once, he admires her for all this, he takes no notice of any such errors, or imperfections of body or mind.
(In The Anatomy of Melancholy: What it Is, with All the Kinds, Causes, Symptomes, Prognostics, and Several Cures of It, Part. 3. Sec. 2: Love-Melancholoy. Mem. 4. Subs. 1: Symptomes or Sings of Love-Melancholoy; in Body, Minde: good, bad, &c., 1838, S. 564f.; http://www.gutenberg.org/files/10800/10800-h/ampart3.html)

Sonntag, 9. Dezember 2012

Plinius der Ältere über die Ausbeutung der Erde, den Teilnehmern am Klimagipfel in Doha ins Stammbuch geschrieben


Der Satz

„Was für ein Ende soll die Ausbeutung der Erde in all den künftigen Jahrhunderten noch finden? Bis wohin soll unsere Habgier noch vordringen?“

stammt nicht etwa von heute, sondern das fragte sich bereits Plinius der Ältere vor zweitausend Jahren angesichts des Raubbaus vor allem durch den römischen Bergbau in Spanien auf der Jagd nach Reichtum (siehe dazu auch „Kannte die Antike ein Umweltbewusstsein?“ und „Umweltverhalten in der Antike").

Aber das Zitat ist etwas aus dem Zusammenhang gerissen, und es ist wichtig, ihn zu kennen. Denn Plinius schreibt:
Von den Metallen, den Schätzen selbst und von den Werten der Gegenstände wird nun gesprochen werden, da unsere einzige Sorge das Innere der Erde auf vielfache Weise durchsucht; hier nämlich durchgräbt man sie auf der Jagd nach Reichtum, weil die Welt nach Gold, Silber, Elektron und Kupfer verlangt, dort der Prunksucht zuliebe nach Edelsteinen und Färbemitteln für Wände und Holz, anderswo um verwegenen Treibens willen nach Eisen, das bei Krieg und Mord sogar noch mehr geschätzt wird als das Gold. Wir durchforschen alle ihre Adern und leben auf ihr dort, wo sie ausgehöhlt ist, wobei wir uns noch wundern, dass sie zuweilen birst oder zittert, wie wenn dies nicht in Wahrheit aus dem Unwillen der heiligen Mutter Erde gedeutet werden könnte. Wir dringen in ihre Eingeweide und suchen am Sitz der Schatten nach Schätzen, gleichsam als wäre sie dort, wo sie betreten wird, nicht genügend gütig und fruchtbar; und am wenigsten durchwühlen wir sie dabei der Heilmittel wegen, denn wie vielen ist schon die Heilkunde ein Grund zum Graben? Und doch bietet sie auch diese Gabe an ihrer Oberfläche wie Früchte, freigebig und bereitwillig in allem, was überhaupt Nutzen bringt. Nur das vernichtet uns, nur das treibt uns zur Unterwelt, was sie verborgen und versenkt hat, nur das, was allmählich entsteht, so dass der ins Leere emporstebende Geist bedenken mag, was für ein Ende ihre Ausbeutung in all den Jahrhunderten finden und bis wohin die Habgier noch vordringen soll.* (kursiv jmw) Wie unschuldig, wie glücklich, ja sogar wie köstlich wäre das Leben, wenn die Menschheit nichts anderwoher als über der Erde zur Erfüllung ihrer Wünsche suchte, kurz, nur das, was sie umgibt."
(http://www.zeit.de/2008/41/N-Erdwaerme/seite-3)
*Nach einer anderen Übersetzungen auch:
Was die Erde verborgen und und in sich eingeschlossen hat, was nicht plötzlich entsteht – wie ein zur Dummheit neigender Geist meinen könnte – das verdirbt uns und treibt uns in die Vernichtung. Wo soll das mit ihrer Ausbeutung noch enden, bis wohin soll die Habgier noch vordringen? (http://www.pageorama.com/?p=igel)
Metalla nunc ipsaeque opes et rerum pretia dicentur, tellurem intus exquirente cura multiplici modo, quippe alibi divitiis foditur quaerente vita aurum, argentum, electrum, aes, alibi deliciis gemmas et parietum lignorumque pigmenta, alibi temeritati ferrum, auro etiam gratius inter bella caedesque. Persequimur omnes eius fibras vivimusque super excavatam, mirantes dehiscere aliquando aut intremescere illam, ceu vero non hoc indignatione sacrae parentis exprimi possit.
Imus in viscera et in sede manium opes quaerimus, tamquam parum benigna fertilique qua calcatur. Et inter haec minimum remediorum gratia scrutamur, quoto enim cuique fodiendi causa medicina est? Quamquam et hoc summa sui parte tribuit ut fruges, larga facilisque in omnibus, quaecumque prosunt.
Illa nos peremunt, illa nos ad inferos agunt, quae occultavit atque demersit, illa, quae non nascuntur repente, ut mens ad inane evolans reputet, quae deinde futura sit finis omnibus saeculis exhauriendi eam, quo usque penetratura avaritia. Quam innocens, quam beata, immo vero etiam delicata esset vita, si nihil aliunde quam supra terras concupisceret, breviterque, nisi quod secum est!

Our topic now will be metals, and the actual resources employed to pay for commodities—  resources diligently sought for in the bowels of the earth in a variety of ways. For in some places the earth is dug into for riches, when life demands gold, silver, silver-gold, and copper, and in other places for luxury, when gems and colours for tinting walls and beams are demanded, and in other places for rash valour, when the demand is for iron, which amid warfare and slaughter is even more prized than gold. We trace out all the fibres of the earth, and live above the hollows we have made in her, marvelling that occasionally she gapes open or begins to tremble—as if it were not possible that this may be an expression of the indignation of our holy parent! We penetrate her inner parts and seek for riches in the abode of the spirits of the departed, as though the part where we tread upon her were not sufficiently bounteous and fertile. And amid all this the smallest object of our searching is for the sake of remedies for illness, for with what fraction of mankind is medicine the object of this delving? Although medicines also earth bestows upon us on her surface, as she bestows corn, bountiful and generous as she is in all things for our benefit! The things that she has concealed and hidden underground, those that do not quickly come to birth, are the things that destroy us and drive us to the depths below; so that suddenly the mind soars aloft into the void and ponders what finally will be the end of draining her dry in all the ages, what will be the point to which greed will penetrate. How innocent, how blissful, nay even how luxurious life might be, if it craved nothing from any source but the surface of the earth, and, to speak briefly, nothing but what lies ready to her hand.
(http://archive.org/stream/naturalhistory09plinuoft/naturalhistory09plinuoft_djvu.txt)

(In Naturalis historia (Die Naturgeschichte des Gaius Plinius Secundum; Natural History), Liber XXXIII, i, 1–3, http://penelope.uchicago.edu/Thayer/L/Roman/Texts/Pliny_the_Elder/33*.html

Und resigniert stellt er fest:

„Sie [die Bergleute] schauen als Sieger auf die Zerstörung der Natur.“

Spectant victores ruinam naturae.

The miners gaze as conquerors upon the collapse of Nature.“
(http://archive.org/stream/naturalhistory09plinuoft/naturalhistory09plinuoft_djvu.txt)

山師たちは征服者のように自然の崩壊を凝視する.“
(http://blog.goo.ne.jp/irienohotori/e/144cf2d3429a1bd99cdfdca3538bd4c3)

(Naturalis historia, 33, xxi, 73, http://penelope.uchicago.edu/Thayer/L/Roman/Texts/Pliny_the_Elder/33*.html)

Und man hat es bis heute nicht begriffen …

Freitag, 9. November 2012

Martin Luther über das Schreiberamt

Es meinen wol etliche / Das Schreiber ampt sey ein leicht geringe ampt. / Aber jm Harnisch reiten / Hitz / Frost / Staub / Durst vnd ander vngemach leiden / Das sey eine erbeit. Ja das ist das alte gemeine teglich Liedlin / das keiner sihet / wo den andern der Schuch drückt / Jderman fület allein sein vngemach / vnd gaffet auff des andern gut gemach. War ists / Mir were es schweer im Harnisch zu reiten / Aber ich wolt auch gern widderumb den Reuter sehen / der mir künde einen gantzen tag still sitzen / vnnd in ein Buch sehen / wenn er schon nichts sorgen / tichten / dencken noch lesen solt. Frage einen Cantzelschreiber / Prediger vnd Redener / was schreiben vnd reden für ein erbeit sey / Frage einen Schulmeister / was leren vnd Knaben zihen für erbeit sey. Leicht ist die Schreibfedder / das ist war / Ist auch kein Handzeug unter allen Handwercken bas zu erzeugen / denn der Schreiberey / Denn sie bedarff allein der Gense fittich / der man vmb sonst allent halben gnug findet / Aber es mus gleichwol das beste Stücke (als der Kopff) vnd das edleste Glied (als die Zunge) vnnd das höhest Werck (als die rede) so am Menschen leibe sind / hie herhalten vnd am meisten erbeiten / da sonst bey andern / entweder die Faust / Füss / Rucken / oder dergleichen Glied allein erbeiten / Vnd können da neben frölich singen vnnd frey schertzen / das ein Schreiber wol lassen mus. Drey Finger thuns (sagt man von Schreibern) Aber gantz Leib vnd Seel erbeiten dran.

Es meinen wohl etliche, das Schreiberamt sei ein leicht geringes Amt, aber im Harnisch reiten, Hitze, Frost, Staub, Durst und anderes Ungemach leiden, das sei Arbeit. Ja, das ist das alte gemeine tägliche Liedlein, das keiner sieht, wo den andern der Schuh drückt. Jedermann fühlt allein sein Ungemach und gafft auf des anderen gut Gemach. Wahr ists, mir wäre es schwer, im Harnisch zu reiten; aber ich wollte auch gern wiederum den Reiter sehen, der mir könnte einen ganzen Tag still sitzen und in ein Buch sehen, wenn er schon nichts sorgen, dichten, denken noch lesen sollte. Frage einen Kanzleischreiber, Prediger, Redner, was Schreiben und Reden für Arbeit sei; frage einen Schulmeister, was Lehren und Knaben Ziehen für Arbeit sei. Leicht ist die Schreibfeder, das ist wahr, ist auch kein Handzeug unter allen Handwerkern baß zu erzeugen, denn der Schreiberei, denn sie bedarf allein der Gänse Fittich, der man umsonst allenthalben genug findet. Aber es muß gleichwohl das beste Stück (als der Kopf) und das edelste Glied (als die Zunge), und das höchste Werk (als die Rede), so am Menschenleibe sind, hier herhalten und am meisten arbeiten, da sonst bei andern entweder die Faust, Füße, Rücken oder dergleichen Glieder allein arbeiten, und können daneben fröhlich singen und frei scherzen, das ein Schreiber wohl lassen muß. Drei Finger tuns (sagt man von Schreibern). Aber der ganze Leib und Seele arbeiten dran.

Martin Luther

(Predigt D.M.L. Das man Kinder zur Schulen halten solle. Anno XXX. In Der Fünffte Teil / aller Bücher und Schrifften des thewren seligen Mans Gottes / Doct. Marth. Lutheri. Steinmann 1588, S. 183)

Mittwoch, 29. August 2012

Kurt Tucholsky über das, was er liebt und hasst

Kurt Tucholsky
(Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel, Kaspar Hauser)

haßt:                                                                            liebt:
das Militär                                                                     Knut Hamsun
die Vereinsmeierei                                                          jeden tapfern Friedenssoldaten
Rosenkohl                                                                      schön gespitzte Bleistifte
den Mann, der immer in der Bahn die Zeitung mitliest           Kampf
Lärm und Geräusch                                                         die Haarfarbe der Frau, die er gerade liebt
»Deutschland«                                                                Deutschland

Kurt Tucholsky, Vossische Zeitung; Sonntags-Ausgabe: Zeitbilder Nr. 1, 1. 1. 1928, S. 2 (zitiert nach http://gutenberg.spiegel.de/buch/1193/79).

Leider ist gerade diese Beilage der Vossischen Zeitung nicht digitalisiert. Es lohnt sich aber trotzdem, mal in der Zeitung zu blättern: http://tinyurl.com/cqkmrb3

Dienstag, 28. August 2012

Heinrich von Kleist über Entdecker von Naturgesetzen

Man erzählt von Newton, es sei ihm, als er einst unter einer Allee von Fruchtbäumen spazieren ging, ein Apfel von einem Zweige vor die Füße gefallen. Wir beide würden bei dieser gleichgültigen und unbedeutenden Erscheinung nicht viel Interessantes gedacht haben. Er aber knüpfte an die Vorstellung der Kraft, welche den Apfel zur Erde trieb, eine Menge von folgenden Vorstellungen, bis er durch eine Reihe von Schlüssen zu dem Gesetze kam, nach welchem die Weltkörper sich schwebend in dem unendlichen Raume erhalten.

Galilei mußte zuweilen in die Kirche gehen. Da mochte ihm wohl das Geschwätz des Pfaffen auf der Kanzel ein wenig langweilig sein, und sein Auge fiel auf den Kronleuchter, der von der Berührung des Ansteckens noch in schwebender Bewegung war. Tausende von Menschen würden, wie das Kind, das die schwebende Bewegung der Wiege selbst fühlt, dabei vollends eingeschlafen sein. Ihm aber, dessen Geist immer schwanger war mit großen Gedanken, ging plötzlich ein Licht auf, und er erfand das Gesetz des Pendels, das in der Naturwissenschaft von der äußersten Wichtigkeit ist.

Es war, dünkt mich, Pilâtre, der einst aus seinem Zimmer den Rauch betrachtete, der aus einer Feueresse wirbelnd in die Höhe stieg. Das mochten wohl viele Menschen vor ihm auch gesehen haben. Sie ließen es aber dabei bewenden. Ihm aber fiel der Gedanke ein, ob der Rauch, der doch mit einer gewissen Kraft in die Höhe stieg, nicht auch fähig wäre, mit sich eine gewisse Last in die Höhe zu nehmen. Es versuchte es und ward der Erfinder der Luftschiffahrtskunst.

Colomb stand grade an der Küste von Portugal, als der Wind ein Stück Holz ans Ufer trieb. Ein andrer, an seiner Stelle, würde dies vielleicht nicht wahrgenommen haben und wir wüßten vielleicht noch nichts von Amerika. Er aber, der immer aufmerksam war auf die Natur, dachte, in der Gegend, von welcher das Holz herschwamm, müsse wohl ein Land liegen, weil das Meer keine Bäume trägt, und er ward der Entdecker des 4. Weltteiles.

In einer holländischen Grenzfestung saß seit langen Jahren ein Gefangener*. In dem Gefängnisse, glaubt man, lassen sich nicht viele interessante Betrachtungen anstellen. Ihm aber war jede Erscheinung merkwürdig. Er bemerkte eine gewisse Übereinstimmung in dem verschiedenen Bau der Spinngewebe mit der bevorstehenden Witterung, so daß er untrüglich das Wetter vorhersagen konnte. Dadurch ward er der Urheber einer höchst wichtigen Begebenheit. Denn als in dem französischen Kriege Holland unter Wasser gesetzt worden war, und Pichegru im Winter mit einem Heere über das Eis bis an diese Festung vordrang, und nun plötzlich Tauwetter einfiel und der französische Feldherr, seine Armee vor dem Wassertode zu retten, mit der größten Eilfertigkeit zurückzukehren befahl, da trat dieser Gefangene auf und ließ dem General sagen, er könne ruhig stehen bleiben, in 2 Tagen falle wieder Frost ein, er stehe mit seinem Kopfe für die Erfüllung seiner Prophezeiung - - und Holland ward erobert. -

Diese Beispiele mögen hinreichend sein, Dir, mein liebes Mädchen, zu zeigen, daß nichts in der ganzen Natur unbedeutend und gleichgültig und jede Erscheinung der Aufmerksamkeit eines denkenden Menschen würdig ist.

Heinrich von Kleist an seine Braut Wilhelmine von Zenge am 16. (und 18.) 11. (und Zusatz vom 30. 12.) 1800 http://www.kleist.org/briefe/028.htm


*Denis Bernard Quatremère-Disjonval (auch Quatremere-d'Isjonval). Er verfasste daraufhin die Schrift Neueste Entdeckungen über die Natur der Spinnen und vorzüglich über deren Verhältniß mit den Veränderungen in der Atmosphäre, in wie fern sie nämlich die Beschaffenheit der Witterung voraus anzeigen (De l'aranéologie. Ou sur la découverte du rapport constant entre l'apparition ou la disparition, le travail ou le repos)

Samstag, 18. August 2012

Jean Paul über seinen Ärger mit Vorreden

Es hat mich oft verdrüßlich gemacht, daß ich jeder Vorrede, die ich schreibe, ein Buch anhängen muß als Allonge eines Wechselbriefes, als Beilage sub litt. A–Z. Andern privatisierenden Gelehrten werden schon ganze Bücher fertig und lebendig aus der Wiege zugeschickt, und sie brauchen nichts daran zu hängen, als das goldene Stirnblatt der Vorrede, und nichts mehr an der Sonne zu machen, als die Aurora. Aber mich hat noch kein einziger Autor um eine Vorerinnerung ersucht, ob ich gleich schon seit einigen Jahren mehre Vorreden im Voraus verfasse und auf den Kauf ausarbeite, worin ich künftige Werke nach Vermögen erhebe. Ja, ein ganzes Münzkabinet von solchen Preismedaillen und Huldigungmünzen, die ich für fremde Verdienste mit den besten Rändelmaschinen ausprägte, steht mir immer vor Augen und läuft täglich höher an; daher schlag’ ich das Kabinet am Ende – es ist kaum anders zu machen – im Ganzen los, und gebe ein Buch voll bloßer präexistierender Vorreden – zu gedenklichen Werken – heraus.

Jean Paul

(Blumen-, Frucht-, und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs. In Jean Paul’s sämmtliche Werke. Reimer 1826, S. V f.)

Montag, 13. August 2012

Friedrich der Große über sein Verhältnis zu den Religionen

Ich bin gewissermaßen der Papst der Lutheraner und das kirchliche Haupt der Reformierten. Ich ernenne Prediger und fordere von ihnen nichts als Sittenreinheit und Versöhnlichkeit. Ich erteile Ehedispense und bin in diesem Punkte sehr nachsichtig, da die Ehe im Grunde nur ein bürgerlicher Vertrag ist, der gelöst werden kann, sobald beide Parteien damit einverstanden sind. Außer wenn es sich um Bruder und Schwester, Mutter und Sohn, Tochter und Vater handelt, erlaube ich nachsichtig, daß man sich nach Herzenslust heirate; denn diese Verbindungen stiften keinerlei Schaden.

Alle anderen christlichen Sekten werden in Preußen geduldet. Dem ersten, der einen Bürgerkrieg entzünden will, schließt man den Mund, und die Lehren der Neuerer werden der verdienten Lächerlichkeit preisgegeben. Ich bin neutral zwischen Rom und Genf. Will Rom sich an Genf vergreifen, so zieht es den kürzeren. Will Genf Rom unterdrücken, so wird Genf verdammt. Auf diese Weise kann ich dem religiösen Haß steuern, indem ich allen Parteien Mäßigung predige. Ich suche aber auch Einigkeit unter ihnen zu stiften, indem ich ihnen vorhalte, daß sie Mitbürger eines Staates sind und daß man einen Mann im roten Kleide ganz ebenso lieben kann wie einen, der ein graues Gewand trägt.

Ich suche gute Freundschaft mit dem Papst zu halten, um dadurch die Katholiken zu gewinnen und ihnen begreiflich zu machen, daß die Politik der Fürsten die gleiche bleibt, auch wenn die Religion, zu der sie sich bekennen, verschieden ist. Indessen rate ich der Nachwelt, dem römischen Klerus nicht zu trauen, ohne zuverlässige Beweise seiner Treue zu besitzen.

Friedrich II. König von Preußen

(Einnahmen. In Das politische Testament von 1752, S. 143)

Freitag, 10. August 2012

Carpe Diem 카르페 디엠 (오늘을 즐기라!

(»Genieße den Tag«, »Nutze den Tag«, »Plücke den Tag«)

An die Leukonoe

Frag nicht (denn Wissen ist ein Frevel), welches Ende die Götter mir, welches sie dir, Leukonoe, zugedacht haben, und lass die Finger von babylonischer Astrologie! Wie viel besser doch, was immer sein mag, zu ertragen! Ob Jupiter noch viele Winter uns zugeteilt hat oder den letzten, der jetzt an entgegenstehenden Klippen das Tyrrhenische Meer bricht – lebe mit Verstand, kläre den Wein und beschränke ferne Hoffnung auf kurze Dauer! Noch während wir reden, ist die missgünstige Zeit schon entflohen: Nutze den Tag, und glaube so wenig wie möglich an den nächsten!*

Horaz, Ode 11

(Zitiert nach http://cafe.daum.net/germanistik/Dmjd/69?docid=Mj7dDmjd6920090519140203; weitere Links zu Übersetzungen siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Carpe_diem)

*auch »Genieße den Augenblick und verlaß dich so wenig wie möglich auf den folgenden« (http://members.aon.at/latein/Horaz1.htm)

Eine Übersetzung, die mir noch besser gefällt, aber mit den eher unüblichen Worten endet »Fröhlich pflücke das ›Heut‹, trau’ nicht auf das, was Dir ein ›Morgen‹ bringt« siehe Die Oden des Quintus Horatius Flaccus: Deutsch in Versmaße des Originals, 1866, S. 20)

Ad Leuconoen

Tu ne quaesieris – scire nefas – quem mihi, quem tibi
Finem di dederint, Leuconoe, nec Babylonios
Tentaris numeros. Ut melius, quidquid erit, pati:
Seu pluris hiemes seu tribuit Iuppiter ultimam,
Quae nunc oppositis debilitat pumicibus mare
Tyrrhenum! Sapias, vina liques, et spatio brevi
Spem longam reseces. Dum loquimur, fugerit invida
Aetas: carpe diem quam minimum credula postero.


(Carminum. Liber Primus XI. Aus: Des Q. Horatius Flaccus Sämmtliche Werke: für den Schulgebrauch erklärt, 1868,  S. 36f., mit einer ausführlichen Erläuterung des Textes und vielen handschriftlichen Notizen, die ein unbekannter Schüler in dem Buch gemacht hat)

Hübsch ist die Anmerkung des Herausgebers C. W. Nauck dazu::
Lebensregel. Einer thöricht-gesinnten Schönen, die sich das Leben durch Zukunftssorgen verbittet, ruft der Dichter in freundlicher und gemüthlicher Weise sein Sapias zu: »Sei kein Närrchen, geniesse die Gegenwart«.
Leuconoë, don’t ask, we never know, what fate the gods grant us,
whether your fate or mine, don’t waste your time on Babylonian,
futile, calculations. How much better to suffer what happens,
whether Jupiter gives us more winters or this is the last one,
one debilitating the Tyrrhenian Sea on opposing cliffs.
Be wise, and mix the wine, since time is short: limit that far-reaching hope.
The envious moment is flying now, now, while we’re speaking:
Seize the day, place in the hours that come as little faith as you can.

(http://www.poetryintranslation.com/PITBR/Latin/HoraceOdesBkI.htm#_Toc39402017)

(Mehr zu Carpe diem siehe http://juttas-zitateblog.blogspot.de/2011/09/carpe-diem.html und zu Martin Opitz' Gedicht Carpe diem http://juttas-zitateblog.blogspot.de/2011/09/uber-martin-opitz-gedicht-carpe-diem.html . Zu Bewahre die Zeit! von Lucius Annaeus Seneca siehe http://juttas-schreibblog.blogspot.de/2010/10/seneca-uber-die-zeit.html)

Montag, 23. Juli 2012

Liebesbriefe bedeutender Schriftsteller: Heinrich von Kleist an Henriette Vogel

Mein Jettchen, mein Herzchen, m Liebes, mein Täubchen, m Leben, m liebes süßes  Leben, m Lebenslicht, m Alles, m Hab u Gut, meine Schlösser, Aecker, Wiesen u Weinberge, o Sonne meines Lebens, Sonne, Mond u Sterne, Himmel u Erde, m  Vergangenheit u Zukunft, meine Braut, m Medgen, meine liebe Freundin, m  Innerstes, m Hertzblut, meine Eingeweide, m Augenstern, o, liebste wie nen ich  Dich? Mein Goldkind, m Perle, m Edelstein, m Krone, m Königin und Kaiserin. Du  lieber Liebling meines Herzens, m Höchstes u Theuerstes, m Alles u Jedes, m Weib, m Hochzeit, die Taufe meiner Kinder, m Trauerspiel, m Nachruhm. Ach du bist meines zweites bessers Ich, meine Tugenden, m Verdienste, m Hoffnung, die  Vergebung m Sünden, m Zukunft und Seeligkeit, o, Himmelstöchterchen, m Gotteskind, m Fürsprecherin u Fürbitterin, m Schutzengel, m Cherubim u Seraph, wie lieb ich Dich! -- 

Heinrich von Kleist an Henriette Vogel, wahrscheinlich am 9. November 1811 (zwölf Tage vor ihrem gemeinsamen Freitod)

(Zitiert nach World wide reading am 21. November 2011: Heinrich von Kleist – Textauswahl http://deutsch.planet.ee/Kleist/110919_Kleist_wwrd_TEXTKONVOLUT_dt.pdf; siehe auch http://files.luspio.it/docs/NEWS/PROGRAMMA_LETTURA_KLEIST.pdf)

Donnerstag, 24. Mai 2012

Aphorismus des Tages

Manche Menschen fallen anderen gern in den Rücken. Wohl weil sie ihnen nicht in die Augen schauen können.

Jutta Miller-Waldner

(In Prinzipienreiter satteln nicht um: Anthologie zum Aphorismenwettbewerb 2012, Vom Stellenwert der Werte. Universitätsverlag Brockmeyer Bochum, S. 21 http://tinyurl.com/dxrjqv2)

Freitag, 27. April 2012

Zitat des Tages

Es gibt auf dem Erdenrund alte Formen, unverwesliche und ewige Formen; irgendeine unter ihnen mochte das gesuchte Sinnbild sein. Ein Berg konnte das Wort des Gottes sein, oder ein Fluß oder das Reich oder die Konfiguration der Gestirne. Jedoch im Laufe der Jahrhunderte flachen sich die Berge ab, der Lauf eines Flusses geht häufig einen anderen Weg, und die Reiche erleiden Veränderungen und Verheerungen, und die Figur der Sterne wandelt sich. Am Firmament herrscht Wechsel; Berg und Stern sind Einzelwesen, und die Einzelwesen gehen dahin. Ich suchte nach etwas Bleibenderem, etwas Unverwundbarem. Ich dachte an die Geschlechter der Kornfrüchte, der Weidetiere, der Vögel, der Menschen. Vielleicht stand in meinem Antlitz der Zauberspruch geschrieben; vielleicht war ich selber das Ziel meiner Suche.

Jorge Luis Borges

(In Sämtliche Erzählungen: Das Aleph, Fiktionen, Universalgeschichte der Niedertracht. Hanser 1970, S. 87)

Montag, 26. März 2012

Wie Eulenspiegel deß Königs von Polen Schalcksnarren mit grober schalckheit vbermande

Das Sprichwort reimpt sich vberauß
Daß zwen Narren in einem hauß
Gar selten sich vertragen mögen
Wie ich jetzt solches auß wil legen.
Der Eulenspiegel kam in Polen
Als vielleicht hett der König bfohlen
Das weiß ich nicht, doch kam er hin,
Dann welchs land wolt on Narren sin.
Im selben land, wie er hin kam,
Regirt König Cazmir mit nam,
Der hett ein seltzam Abenthewrer
Der war ein Fidler vnd ein Leyrer,
Welchs dann gar wol bey Narren steht,
Vnd heut noch mancher mit vmbgeht.
Wie nun der König hett vernommen
Daß Eulenspiegel an wer kommen,
Der bkant war vom Närrischen wandel,
Dann Denmarck viel mit Polen handelt:
Derhalb war er ein lieber Gast
Hett jn gern gsehen längest fast:
Dann nirgendt nirgendt find meh Narheit platz
Als zu Hof, in dem Narrenhatz
Vnd wo kein Narren sie verschaffen
Da suchens Meerkatzen vnd Affen,
Oder suchen vieleicht ein gscheiden
Der muß sich für ein Narren leiden.
Nun wie an Hof Eulenspiegel kam
Vnd jn deß Konigs Narr vernam,
Da wolt er jnen gar nit leiden,
Er sah wo er jn kundte meiden,
Dann solches ist der Narren art
Daß es keiner dem andern spart
Doch wolt er nit dem frembden weichen,
Es wolt auch kommen schier zu streichen,
Der König merckt darauff vberal,
Ließ sie beid fordern in sein Saal,
Vnd sprach zu jnen, nun wolan,
Jetzt fangt euch recht zu brauchen an
Welcher die gröste narrerey
Vnder euch beyden bringet bey
Die jm nit thut der ander noch,
Den wil ich bgnaden also hoch,
Vnd von fuß auff bekleiden new,
Vnd geben bar noch auch darbey
Demselben der es wird verschulden
Ein zwentzig guter alter gülden,
Doch daß mans gleich jetzunder thu:
Die zween die schickten sich darzu
Vnd trieben narrenthäding viel,
Von gaucklen, springen, affenspiel,
Mit krummen Mäulern vnd zanplecken
Mit lachen, schreyen, zung außstrecken,
Mit Narrenreden, seltzam schwencken
Vnd was nur einer mocht erdencken.
Alls was der Eulenspiegel thet
Das that jm nach der ander stät.
Der König, vnd wer zu jn sah
Die hetten wol zu lachen da.
Dem Eulenspiegel lag im sinn,
Daß er das kleidt vnd gelt gewinn:
Er dacht es kompt nicht allezeit
Daß aß man verdient ein newes kleidt
Du mußt dich brauchen in all weg,
Daß ich das gelt verdienen mög,
Ich wil darumb thun,  was ich sunst
Nit wolte thun vmb grosse gunst,
Dann wer wolt gern doch fressen dreck?
Noch muß ichs essen, wie es schmeck,
Sol ich anders die gaab gewinnen,
Was gelts? wo ers wird essen können!
Secht, wo das gelt vnd der gewin
Nur einen tringt vnd bringet hin!
Also gieng Eulenspiegel drauff
Mitten in Saal, vnd hub sich auff
Dahinden sein kolschwartzes loch
Vnd schiß ein dreck der vbel roch,
Also, daß das gantz Hofgesind
Die Nasen hielten zu geschwindt,
Noch wolten sie nit gehn hinwegk,
Wartten was er mach mit dem dreck
Es was schad Eulenspiegel jmmer
Daß nicht da war das Frawenzimmer:
Noch ließ ers bleiben nit beym scheissen
Er wolt den vnflat baß beweisen,
Er nam ein löffel theilt den dreck
Vnd rufft: Komm her du ander geck
Vnd thu mir nach die leckerey
Wie ich dir jetzt wil zeigen frey,
Vnd nam den löffel fein allein
Vnd faßt den halben dreck darein,
Vnd frißt jn auff, schewt nit darab,
O wie gieng er so glat hinab
Aber er ist gar räß gewesen
Dann er hett Polnisch speiß schon gessen,
Darauff sie machen viel gewürtz,
Das gibt starck Koppen vnd faul fürtz.
Wies Eulenspiegel hett verschluckt,
Den Vogel vngeropfft vertruckt,
So spricht er seinen kämpffer an
Daß er auch solches wöll bestahn,
Gab den Löffel dem andern Narren,
Jetzt magstu dein theil auch auffscharren,
Oder wann dir nit schmackt mein dreck
So scheiß ein eignen, den ich leck,
Den wil ich dir dann helffen essen,
Doch solst auch nit meins drecks vergessen.
Da sprach deß Königs Narr: O nein
Dein nachfolger wil ich nit sein
Der Teuffel thu dir dises noch,
Den lad zu einem solchen gloch,
Vnd solt ich auch gehn nackendt hie
Mein lebenlang, so thu ichs nie
Vnd wann ich auch schon gar erfrür
Eß ich weder von dir noch mir,
Ich acht mich nit der leckerey
Du magst behalten alles frey:
Also mein Eulenspiegel hie
Gewan den kampff nit on klein müh,
Es war jm wie dem hörnen Seyfriedt
Da er mit Diethrich von Bern stritt,
Oder, so ich es sagen darff,
Wie Turno der Aeneam warff,
Oder wie dem Vlysse dort,
Der mit Aiace trieb viel wort.
Man muß das klein mit groß vergleichen
Wann man es wil herfürher streichen.
Der König gab jms gelt vnd Kleid,
Darmit er dann von dannen reitt,
Vnd ward darnach viel mehr beschreitt.

(In Eulenspiegel Reimensweiß. Ein newe Beschreibung vnnd Legendt deß kurtzweiligen Lebens, und seltzamen Thaten Thyll Eulenspiegels, mit schönen neuwen Figuren bezieret, vn nun zum ersten in artige Reimen durch J[ohann] F[ischart] gebracht und lustig zu lesen. Getruckt zu Franckfurt, 1572, S. 65 ff.)

(Die Originalversion eines unbekannten Verfassers mit dem Titel Die .XXIIII. history sagt wie vlenspiegel des künigs von Poln schalcknarren / mitt grober schalckheit vberwand aus dem Jahr 1515 siehe http://de.wikisource.org/wiki/Ein_kurtzweilig_lesen_von_Dyl_Vlenspiegel (zum möglichen Verfasser siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Till_Eulenspiegel) . Eine moderne Version siehe http://gutenberg.spiegel.de/buch/1936/25)

In dieser englischen Version von Till Eugenspiegels 24.* Abenteuer wurde aus der „gröste narrerey“ allerdings „the greatest wish“:

How that Owlglass did have a great contention before the King of Poland with two other fools

While that the noble Prince Casimir, King of Poland, yet lived, there came unto him at his court, good Master Owlglass. And Casimir (blessed be his memory!) did have two fools there, who, in knavery, could not be overcome. And the king of Poland had heard much said of Owlglass, that, in truth, he was not in any way to be quipped or deceived. Nor did Owlglass agree with the fools of the king, and that beheld the king right soon. Then spake the king unto Owlglass and the two fools, saying: „Behold! unto that one of ye the which can wish the greatest wish will I give a coat and twenty gold pieces thereto, and this shall be within my presence.“ Then said the first fool: „I would have that heaven were nothing but paper, and the sea nothing but ink, that therewith might I in figures write down how much money I would have, and that it came unto me.“ The second spake, saying: „I would have as many towers and castles as there be stars in heaven, so that therein might I hold all the money that my fellow here would have.“ Then was it time that Owlglass should speak, and the king thought that in truth he could not wish anything greater. But Owlglass opened his mouth and wake, saying: „I, in truth, would desire that after ye two have made me your heir, that the king would yet on this day hang ye both.“ Thereat laughed the king right merrily, and Owiglass won the coat and the twenty gold pieces, with the which he departed in joy.

(In The marvellous adventures and rare conceits of master Tyll Owlglass, 1860, S. 38 f.)

Eine Version mit dem Titel The 24th story tells of how Eulenspiegel overcame the jester of the King of Poland with an amazing act of foolishness, die dem Original näher kommt, die ich aber aus Urheberrechtsgründen nicht aufnehmen kann, finden Sie hier, und Näheres zu Eulenspiegels 24. Kapitel in B. K. Otto: Fools Are Everywhere: The Court Jester Around the World,  S. 37 ff.

*Das Kapitel wird manchmal auch als 23. Kapitel bezeichnet, was daran liegt, dass es ein 22. nicht gibt.

Samstag, 10. März 2012

Zitat des Tages: Kant über Geld, Sparsamkeit und Geiz

Wir haben allgemeine Neigungen, die alle andern befriedigen, und das ist Neigung 1. zur Freyheit, welche ist die negative conditio sine qua non, und 2. zum Vermögen. Die Glücks Güter können unmittelbare Gegenstände oder allgemeine Mittel des Genußes seyn. Diese Mittel sind eigentlich dasjenige, was das Vermögen ausmacht. Das allgemeinste Mittel ist izt das Geld, das da alles verschafft, was des Menschen Fleiß hervorbringt. Wir sehen das Geld als ein solches allgemeines Vermögen an, und deswegen ist die Begierde nach Vermögen sehr groß. Wir haben eine Neigung zu Mitteln um zu genießen, an und vor sich hat das Geld den Werth eines Mittels. Wenn unsere Neigungen zu Vermögen darauf nicht als Mittel, sondern als auf den Zweck gehen, so ist dieses der Geiz. Der Geiz ist eine gewiße Gattung von Begierden, wo wir die Mittel zu Zwekken machen. Wenn die Tugend der Sparsamkeit vergrößert wird, so wird daraus ein Laster, ein Geiz.

Immanuel Kant

(Vorlesungen über Moralphilosophie. In Kant’s gesammelte Schriften, 1974, S. 220)

Donnerstag, 1. März 2012

Erasmus von Rotterdam über das Selbstlob und Stegreifreden

Und schließlich: ich halte es mit dem Sprichwort, das da sagt: „Lobe dich ruhig selbst, wenn es kein anderer für dich tun will.“ Freilich muß ich dabei sagen, daß die Undankbarkeit – oder ist es Faulheit? – der Menschen mich befremdet. Denn alle machen mir eifrig den Hof und sonnen sich gern in meiner Gnade; aber unter so vielen Generationen ist nicht einer gewesen, der mit dankbaren Worten der Torheit ein Kränzchen gewunden hätte. Dagegen ein Busiris, ein Phalaris, das Fieber, die Mücken, der Haarschwund und dergleichen Plagen fanden genug Leute, die sich das Öl und den Schlaf nicht reuen ließen, bis die Lobrede feingedrechselt neben der ausgebrannten Lampe lag.

Was ihr von mir zu hören bekommt, ist allerdings bloß eine richtige Stegreifrede, kunstlos, doch ehrlich. Und meint mir nicht, das sei nach Rednermanier gelogen, nur um mein Genie leuchten zu lassen. Ihr kennt das ja: Rückt einer auf mit einer Rede, über der er dreißig Jahre gebrütet hat – oft ist sie auch gestohlen –, so schwört er euch, er habe sie in drei Tagen wie spielend hingeschrieben oder gar diktiert. O nein – ich liebe es von jeher, alles das zu sagen, was mir Dummes just auf die Zunge kommt. Nur erwartet nicht, daß ich mich nach der Schablone der gewöhnlichen Redner definiere oder gar disponiere. Ein übler Anfang wäre beides, denn eine Kraft, die in der ganzen Welt wirkt, läßt sich in keine Formel bannen, und eine Gottheit zerstückelt man nicht, zu deren Verehrung sich alle Kreatur zusammenfinden.

Was sollte auch eine Definition? Sie würde euch nur einen Umriß, ein blutleeres Schattenbild zeigen, und habt mich doch  mich doch da in aller Leibhaftigkeit vor euern Augen und seht in eigener Person die wahre Geberin aller Gaben, das Wesen, das jedes Volk in seiner Sprache die Torheit heißt.

Postremo sequor tritum illud vulgi prouerbium, quo dicitur is recte laudare sese, cui nemo alius contigit laudator. Quamquam hic interim demiror mortalium, ingratitudinem dicam, an segnitiem, quorum cum omnes me studiose colant, meamque libenter sentiant beneficentiam, nemo tamen tot iam sæculis exstitit, qui grata oratione STVLTITIÆ laudes celebrarit, cum non defuerint, qui Busirides, Phalarides, febres quartanas, muscas, caluitia, atque id genus pestes, accuratis magnaque et olei et somni iactura elucubratis laudibus uexerint. A me extemporariam quidem illam et illaboratam, sed tanto ueriorem audietis orationem.
 

Id quod nolim existimetis ad ingenii ostentationem esse confictum, quemadmodum uulgus oratorum facit. Nam ii, sicuti nostis, cum orationem totis triginta annis elaboratam, nonnumquam et alienam proferunt, tamen triduo sibi quasi per lusum scriptam, aut etiam dictatam esse deierant. Mihi porro semper gratissmum fuit hoti an epi glôttan elthoi dicere. At ne quis iam a nobis expectet ut iuxta uulgarium istorum rhetorum consuetudinem, me ipsam finitione explicem porro ut diuidam, multo minus. Nam utrumque ominis est inauspicati, uel fine circumscribere eam cuius numen tam late pateat, uel secare, in cuius cultum omne rerum genus ita consentiat. Tametsi quorsum tandem attinet mei uelut umbram atque imaginem finitione repræsentare, cum ipsam me coram præsentes præsentem oculis intueamini? Sum etenim uti uidetis, uera illa largitrix eaôn, quam Latini STVLTITIAM, Græci MÔRIAN appellant.
(http://la.wikisource.org/wiki/Moriae_encomium)

Finally, I follow that well-worn popular proverb which says that a man does right to praise himself if he can’ find anyone else to praise him.
 

Here, by the way, I can’t help wondering at the ingratitude (if I may say so) or the dilatoriness of mankind. Everyone is only too anxious to cultivate me and freely acknowledges the benefits I bring, yet throughout all the ages nobody has ever come forward to deliver a speech of thanks in praise of Folly. Yet there has been no lack of persons ready to spend lamp-oil and lose their sleep working out elaborate speeches in honour of tyrants like Busiris [and Phalaris], quartan fever, flies, baldness, and plagues of that sort. From me you’re going to hear a speech which is extempore and quite unprepared, but all the more genuine for that. Still, I wouldn’t have you think I composed this to show off my talent, as the common run of orators do. As you know, they can spend thirty whole years elaborating a speech which even then may not be theirs at all, and then swear they wrote it for a joke in a mere three days or even dictated it extempore. For my part, I’ve always liked best to say ‘whatever comes [ill-timed] to the tip of the tongue’. None of you need expect me to follow the usual practice of ordinary rhetoricians and explain myself by definition, still less by division. It wouldn’t bode well for the future either to limit and confine one whose divinity extends so far, or to cut her up when the whole world is united in worshipping her. And what purpose would it serve for a definition to produce a sketch which would be a mere shadow of myself when I am here before you, for you to look at with your own eyes? For I am as you see me, the true bestower of 'good things,' called stultitia in Latin, ancient Môrian in Greek.
(http://www.ourcivilisation.com/smartboard/shop/erasmus/folly.htm)

(In Desiderius Erasmus: Das Lob der Torheit (Moriae encomium). Reclam jun., 1950 , S. 9 f.)

Weitere Übersetzungen siehe unter anderem http://www.irwish.de/PDF/Erasmus%20von%20Rotterdam%20-%20Das%20Lob%20der%20Torheit.pdf (mit Anmerkungen und 30 Zeichnungen von Hans Holbein d. J.) und  http://welcker-online.de/Texte/Erasmus/torheit.pdf

Montag, 2. Januar 2012

Einen guten Rutsch …


… wünscht man sich allenthalben zu Silvester.

Aber … woher kommt eigentlich dieser Wunsch? Sicher nicht vom Rutschen auf Glatteis ins neue Jahr oder wo immer man (aus)rutschen kann.

Die erste These ist, dass er seinen Ursprung in den Wünschen zum jüdischen Neujahrsfest Rosch haSchana (hebr: Kopf des Jahres, Anfang des Jahres) hat, zu dem sich jiddisch sprechende Juden einen „Gut Rosch“ wünschen.

Die zweite These besagt, dass er eine rotwelsche Umbildung des Neujahrswunsches „Rosch haSchana Tov“ (wörtlich „einen guten Kopf [Anfang] des Jahres“) ist.

Nach einer dritten These soll der Ausdruck auf das No’ruz-Fest (auch Newruz, Nouruz, Nowruz; von No = neu, Ruz = Tag) – das persische Frühlings- und Neujahrsfest am 21. März – zurückgehen, zu dem viele Iraner verreisen, um ihre Lieben zu besuchen.

Dazu passt die vierte These. Danach kommt der Wunsch „Guten Rutsch“ von dem früher scherzhaft und umgangssprachlich gemeinten Wort Rutschen für Reise, Fahrt. Wenn jemand verreiste, wünschten ihm die Daheimbleibenden einen „glücklichen Rutsch“ oder auch „Glöckliche Rutsch ön e Paar Parêsken (Bastschuhe) op e Weg“, „Glöckliche Rutsch ön den erschte Grawe, möt den Kopp unde, möt de Fêt bawe“, und, nun ja, auch dieses: „Glücklichen Rutsch und einen Schiefer in den Arsch“ und „Ich wünsche glückliche Rutsche, nur keinen Splitter in'n Arsch“, Redewendungen, die Karl Friedrich Wilhelm Wander Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in sein Deutsches Sprichwörter-Lexikon aufnahm (siehe http://www.zeno.org/Wander-1867/A/Rutsch)

Auch Goethe gebraucht das Wort Rutschen für Reisen oder Fahren. In seiner dramatische Grille in sechs Akten Triumph der Empfindsamkeit, deren erste Fassung 1777 erschien, lässt Goethe das Hoffräulein Sora sagen: „Hernach entstand ein Geräusche; da rutscht’ ich fort“ (http://gutenberg.spiegel.de/buch/5647/6; hier wohl im Sinne von „da machte ich mich unbemerkt davon“), und in seinem 1813 geschriebenen Gedicht Die Lustigen von Weimar schreibt er:
Donnerstag nach Belvedere,
Freitag geht's nach Jena fort;
Denn das ist, bei meiner Ehre,
Doch ein allerliebster Ort!
Samstag ists, worauf wir zielen,
Sonntag rutscht man auf das Land;
Zwätzen, Burgau, Schneidemühlen
Sind uns alle wohlbekannt.
(http://gutenberg.spiegel.de/buch/3670/258)
Aber auch woanders finden sich dafür Belege. So schrieb am 25. Mai 1808 Bettina von Arnim an Goethes Mutter: „Adieu leb Sie recht wohl. Ich werd nächstens bei Ihr angerutscht kommen.“ J. Andreas Schmeller nennt in seinem Bayerischen Wörterbuch von 1836 als Beispiel für „rutschen, im Scherz: fahren“: „An Feyertagen rutscht das lebsüchtige München gerne auf Vering oder ins Heselloh“ (S. 172). Und die Gräfin Ida Hahn-Hahn schrieb im Jahre 1841 in ihren Reisebriefen:
Eine wirkliche Reise so zu machen, find’ ich ganz unanständig für einen Menschen. (…) Die Dampfwagenerfindung, sie nivelliert und centralisiert, und das sind die beiden fixen Ideen derjenigen, welche sich Liberale nennen … (…) Für ein Geringes rutscht Greis und Kind, vornehm und gering, reich und arm, Mensch und Vieh auf dem Dampfwagen umher.“ (Zitiert nach Wolfgang Sachs: Die Liebe zum Automobil, 1990, S. 115)
Ob allerdings das Wort „Rutschen“ in dem Satz „Wer diese Reise unternehmen will, muß sich im Rutschen geübt haben“, der auch als Beispiel gilt, wirklich das Reisen bedeutet, ist unklar, wenn man den vollständigen Satz liest: „Wer diese Reise unternehmen will, muß sich im Rutschen geübt haben, und die übelriechende Luft des Abgrundes gewohnt werden, auch die Gefahr nicht achten, eingeschüttet und unter den Ruinen begraben zu werden.“ (Helfrich Peter Sturz, Schriften, 1785, S. 88f.)

Und nun noch meine fünfte These: Vielleicht bedeutet das Rutschen auch einfach nur – Gleiten, in dem Zusammenhang also ein Hinübergleiten ins neue Jahr, oder kurz und knapp „Komm gut rüber!“.

In dem Sinne – all meinen Leserinnen und Lesern alles Liebe und Gute zum neuen Jahr!

Mittwoch, 23. November 2011

Noch mehr erste Sätze X.

Es gibt flüchtige Leser und äußerst exakte Leser. Es gibt professionelle Leser und Hobby-Leser. Es gibt Diagonal-, Quer- und Rückwärts-Leser. Es gibt Gewohnheits-Leser und Zeitvertreib-Leser. (Hektor Haarkötter, Der Bücherwurm)

Haltet die Uhren an. Vergesst die Zeit. Ich will euch Geschichten erzählen. (James Krüss, Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen)

Gebe der Himmel, daß der Leser, erkühnt und augenblicklich von grausamer Lust gepackt gleich dem, was er liest, seinen steilen und wilden Weg durch die trostlosen Sümpfe dieser finsteren und gifterfüllten Seiten finde, ohne die Richtung zu verlieren; denn wofern er nicht mit unerbittlicher Logik und einer geistigen Spannung, die wenigstens seinen Argwohn aufwiegt, an diese Lektüre geht, werden die tödlichen Emanationen dieses Buches seine Seele durchtränken wie das Wasser den Zucker. Es ist nicht gut, daß jedermann die folgenden Seiten lese; nur einzelne werden diese bittere Frucht gefahrlos genießen. (Lautréamont, Die Gesänge des Maldoror, Erster Gesang)

Dies hier ist ein erstes Kapitel, welches verhindern soll, daß vorliegendes Werkchen mit einem zweiten Kapitel beginne. (Franz Werfel, Stern der Ungeborenen, S. 11)

Es hieße diese Aufzeichnungen mit Erdichtetem beginnen, wollte ich mich anheischig machen, nach zwanzig Jahren noch an den Tag zu bringen, wer mich auf der nächtlichen Meerfahrt mit ärgerer Tücke gequält hat: der gemeine Menschenfloh in dem von einem Matrosen entliehenen Schlafsack oder der garstige Traumalb, der mich in die Nicolaas Beets Straat nach Amsterdam entführte, wo sich das Grab über einer jungen Frau geschlossen hatte, deren Todesursache ich, Doppelgänger ihres treulosen Geliebten, geworden war. (Albert Vigoleis Thelen, Die Insel des zweiten Gesichts)

Also, es fängt damit an, daß ich bei Fisch-Gosch in List auf Sylt stehe und ein Jever aus der Flasche trinke. (Christian Kracht, Faserland)

Am Anfang war eine Landschaft. Der Hintergrund ein Zypressengrün, ein schmaler Streifen vor kristallen-leuchtender Leere. Dann eine Brücke, sie führt über einen Abgrund, über eine Schlucht, einen tiefliegenden Bach. (Christoph Hein, Der fremde Freund)

Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt – meins nicht. Zumindest weiß ich nicht, wie ich ins Leben gekommen bin. (Walter Moers, Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär)

Ich bin geboren zu York im Jahre 1632, als Kind angesehener Leute, die ursprünglich nicht aus jener Gegend  stammten. Mein Vater, ein Ausländer, aus Bremen gebürtig, hatte sich zuerst in Hull niedergelassen, war dort als Kaufmann zu hübschem Vermögen gekommen und dann, nachdem er sein Geschäft aufgegeben hatte, nach York gezogen. Hier heiratete er meine Mutter, eine geborene Robinson. Nach der geachteten Familie, welcher sie  angehörte, wurde ich Robinson Kreuznaer genannt. In England aber ist es Mode, die Worte zu verunstalten, und so heißen wir jetzt Crusoe, nennen und schreiben wir uns sogar selbst so, und diesen Namen habe ich auch von jeher unter meinen Bekannten geführt. (Daniel Defoe, Robinson Crusoe)

Ich wurde im März 1942 geboren und bekam den Namen John – nach John Harvard (Franny nannten sie Franny, weil das irgendwie zu Frank paßte). (John Irving, Hotel New Hamsphire)

Ich bin Max Schulz, unehelicher, wenn auch rein arischer Sohn der Minna Schulz ... zur Zeit meiner Geburt Dienstmädchen im Hause des jüdischen Pelzhändlers Abramowitz. (Edgar Hilsenrath, Der Nazi & der Friseur)

Mein Vater war ein Bauernsohn aus einem uralten Dorfe, welches seinen Namen von dem Alemannen erhalten hat, der zur Zeit der Landteilung seinen Spieß dort in die Erde steckte und einen Hof baute. (Gottfried Keller, Der grüne Heinrich)

An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Rosshändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit. (Heinrich von Kleist, Michael Kohlhaas)

Wer sechs Roß im Stall stehen hat, ist ein Bauer und sitzt im Wirtshaus beim Bürgermeister und beim Ausschuß. Wenn er das Maul auftut und über die schlechten Zeiten und über die Steuern schimpft, gibt man acht auf ihn, und die kleinen Leute erzählen noch am andern Tag, daß gestern der Harlanger, oder wie er sonst heißt, einmal richtig seine Meinung gesagt hat. (Ludwig Thoma, Der heilige Hies)

Stattlich und feist erschien Buck Mulligan am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen. (James Joyce, Ulysses)

Der Untersuchungsrichter Landesgerichtsrat Doktor Ernst Sebastian tötete die erst halb genossene Zigarre. (Franz Werfel, Der Abituriententag)

Ein heiterer Juniusnachmittag besonnte die Straßen der Residenzstadt. Der ältliche Baron Jaßfeld machte nach längerer Zeit wieder einen Besuch bei dem Maler Tillsen, und nach seinen eilfertigen Schritten zu urteilen, führte ihn diesmal ein ganz besonderes Anliegen zu ihm (Eduard Mörike, Maler Nolten)

Der Himmel über dem Hafen hatte die Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal geschaltet war. (William Gibson, Neuromancer)

Jetzt ist schon wieder was passiert. Aber der Frühling ist eine herrliche Zeit, da gibt es Gedichte und alles, und weiß ein jeder, daß im Frühling das Leben erwacht. (Wolf Haas, Der Knochenmann)

Jetzt ist schon wieder etwas passiert. Und manchmal beneide ich die Vögel, die über dem Augarten kreisen und von der ganzen Sache nichts wissen. Weil als Vogel hast du die berühmte Perspektive, du drehst deine Parkrunden, immer schön majestätisch. (Wolf Haas, Wie die Tiere)

Jetzt ist schon wieder was passiert. Am frühen Morgen schaltet der Lift-Lois, der Liftwart, den Sessellift ein. (Wolf Haas, Auferstehung der Toten)

Jetzt ist schon wieder was passiert. Aber ein Tag, der so anfängt, kann ja nur noch schlechter werden.  (Wolf Haas, Komm, süßer Tod)

Jetzt ist schon wieder was passiert. Und ob du es glaubst oder nicht. Zur Abwechslung einmal etwas Gutes. (Wolf Haas, Das ewige Leben)

Meine Großmutter hat immer zu mir gesagt, wenn du einmal stirbst, muss man das Maul extra erschlagen. Und da sieht man, wie ein Mensch sich verändern kann. (Wolf Haas, Der Brenner und der liebe Gott)

Ich suchte nach einem ruhigen Ort zum Sterben. Jemand empfahl mir Brooklyn, und so brach ich am nächsten Morgen von Westchester aus auf, um das Terrain zu sondieren. (Paul Auster, Die Brooklyn Revue)

Heute ist der Tag, an dem ich sterbe. Offenbar versuchen eine Menge Leute, das zu verhindern, doch ich bin so gut wie tot. (Rolf Lappert, Nach Hause schwimmen)

Ich bin heute gestorben, zu meiner großen Verblüffung. Ich hatte mich allen Ernstes für unsterblich gehalten. (Adena Halpern, Die zehn besten Tage meines Lebens)

Ich starb 6840 Meter über dem Meeresspiegel am vierten Mai im Jahr des Pferdes. Der Ort meines Todes lag am Fuß einer eisgepanzerten Felsnadel, in deren Windschatten ich die Nacht überlebt hatte. Die Lufttemperatur meiner Todesstunde betrug minus 30 Grad Celsius, und ich sah, wie die Feuchtigkeit meiner letzten Atemzüge kristallisierte und als Rauch in der Morgendämmerung zerstob. (Christoph Ransmayr, Der fliegende Berg)

Vor einem Jahr kam mein Vater auf die denkbar schwerste Weise zu Schaden, er starb. (Jurek Becker, Bronsteins Kinder)

Freitag, 8. Juli 2011

"Also offenherzig, Wilhelmine, immer offenherzig": Liebesbriefe bedeutender Schriftsteller

(Frankfurt a. d. Oder, Anfang 1800)

… Und doch wünsche ich mehr, und doch möchte ich nun gern wissen, was Ihr Herz für mich fühlt. Wilhelmine! Lassen Sie mich einen Blick in Ihr Herz tun. Öffnen Sie mir es einmal mit Vertrauen und Offenherzigkeit. So viel Vertrauen, so viel unbegrenztes Vertrauen von meiner Seite verdient doch wohl einige Erwiderung von der Ihrigen. Ich will nicht sagen, daß Sie mich lieben müßten, weil ich Sie liebe; aber vertrauen müssen Sie sich mir, weil ich mich Ihnen unbegrenzt vertraut habe. – Wilhelmine! Schreiben Sie mir einmal recht innig und herzlich. Führen Sie mich einmal in das Heiligtum Ihres Herzens das ich noch nicht mit Gewißheit kenne. Wenn der Glaube, den ich aus der Innigkeit Ihres Betragens gegen mich schöpfte, zu kühn und noch zu übereilt war, so scheuen Sie sich nicht es mir zu sagen. Ich werde mit den Hoffnungen, die Sie mir gewiß nicht entziehen werden, zufrieden sein. Aber auch dann, Wilhelmine, wenn mein Glaube gegründet wäre, auch dann scheuen Sie sich nicht, sich mir ganz zu vertrauen. Sagen Sie es mir, wenn Sie mich lieben – denn warum wollten Sie sich dessen schämen? Bin ich nicht ein edler Mensch, Wilhelmine?

Zwar eigentlich –– ich will es Ihnen nur offenherzig gestehen, Wilhelmine, was Sie auch immerhin von meiner Eitelkeit denken mögen – eigentlich bin ich es fest überzeugt, daß Sie mich lieben. Aber, Gott weiß, welche seltsame Reihe von Gedanken mich wünschen lehrt, daß Sie es mir sagen möchten. Ich glaube, daß ich entzückt sein werde, und daß Sie mir einen Augenblick, voll der üppigsten und innigsten Freude bereiten werden, wenn Ihre Hand sich entschließen könnte, diese drei Worte niederzuschreiben: ich liebe Dich.

Ja, Wilhelmine, sagen Sie mir diese drei herrlichen Worte; sie sollen für die ganze Dauer meines künftigen Lebens gelten. Sagen Sie sie mir einmal und lassen Sie uns dann bald dahin kommen, daß wir nicht mehr nötig haben, sie uns zu wiederholen. Denn nicht durch Worte aber durch Handlungen zeigt sich wahre Treue und wahre Liebe. Lassen Sie uns bald recht innig vertraut werden, damit wir uns ganz kennen lernen. Ich weiß nichts, Wilhelmine, in meiner Seele regt sich kein Gedanke, kein Gefühl in meinem Busen, das ich mich scheuen dürfte Ihnen mitzuteilen. Und was könnten Sie mir wohl zu verheimlichen haben? Und was könnte Sie wohl bewegen, die erste Bedingung der Liebe, das Vertrauen zu verletzen? – Also offenherzig, Wilhelmine, immer offenherzig. Was wir auch denken und fühlen und wünschen – etwas Unedles kann es nicht sein, und darum wollen wir es uns freimütig mitteilen. Vertrauen und Achtung, das sind die beiden unzertrennlichen Grundpfeiler der Liebe, ohne welche sie nicht bestehen kann; denn ohne Achtung hat die Liebe keinen Wert und ohne Vertrauen keine Freude.

Ja, Wilhelmine, auch die Achtung ist eine unwiderrufliche Bedingung der Liebe. Lassen Sie uns daher unaufhörlich uns bemühen, nicht nur die Achtung, die wir gegenseitig für einander tragen, zu erhalten, sondern auch zu erhöhen. Denn dieser Zweck ist es erst, welcher der Liebe ihren höchsten Wert gibt. Edler und besser sollen wir durch die Liebe werden, und wenn wir diesen Zweck nicht erreichen, Wilhelmine, so mißverstehen wir uns. Lassen Sie uns daher immer mit sanfter menschenfreundlicher Strenge über unser gegenseitiges Betragen wachen. Von Ihnen wenigstens wünsche ich es, daß Sie mir offenherzig alles sagen, was Ihnen vielleicht an mir mißfallen könnte. Ich darf mich getrauen alle Ihre Forderungen zu erfüllen, weil ich nicht fürchte, daß Sie überspannte Forderungen machen werden. Fahren Sie wenigstens fort, sich immer so zu betragen, daß ich mein höchstes Glück in Ihre Liebe und in Ihre Achtung setze; dann werden sich alle die guten Eindrücke, von denen Sie vielleicht nichts ahnden, und die ich Ihnen dennoch innig und herzlich danke, verdoppeln und verdreifachen. – Dafür will ich denn auch an Ihrer Bildung arbeiten, Wilhelmine, und den Wert des Mädchens, das ich liebe, immer noch mehr veredlen und erhöhen. …

Heinrich von Kleist an Wilhelmine von Zenge

(In Heinrich von Kleist: Sämtliche Werke und Briefe, Bd. 1, hrsg. v.  Helmut Sembdner. Hanser,  9. Aufl. 1993, S. 501)

(siehe auch http://juttas-schreibblog.blogspot.com/2011/07/heinrich-von-kleist-uber-das-rollenbild.html)

Heinrich von Kleist über das Rollenbild von Mann und Frau in der Ehe

»Der Mann ist nicht bloß der Mann seiner Frau, er ist auch ein Bürger des Staates; die Frau hingegen ist nichts, als die Frau ihres Mannes; der Mann hat nicht bloß Verpflichtungen gegen seine Frau, er hat auch Verpflichtungen gegen sein Vaterland; die Frau hingegen hat keine andern Verpflichtungen, als Verpflichtungen gegen ihren Mann; das Glück des Weibes ist zwar ein unerlaßlicher, aber nicht der einzige Gegenstand des Mannes, ihm liegt auch das Glück seiner Landsleute am Herzen; das Glück des Mannes hingegen ist der einzige Gegenstand der Frau; der Mann ist nicht mit allen seinen Kräften für seine Frau tätig, er gehört ihr nicht ganz, nicht ihr allein, denn auch die Welt macht Ansprüche auf ihn und seine Kräfte; die Frau hingegen ist mit ihrer ganzen Seele für ihren Mann tätig, sie gehört niemandem an, als ihrem Manne, und sie gehört ihm ganz an; die Frau endlich, empfängt, wenn der Mann seine Hauptpflichten erfüllt, nichts von ihm, als Schutz gegen Angriff auf Ehre und Sicherheit, und Unterhalt für die Bedürfnisse ihres Lebens, der Mann hingegen empfängt, wenn die Frau ihre Hauptpflichten erfüllt, die ganze Summe seines irdischen Glückes; die Frau ist schon glücklich, wenn es der Mann nur ist, der Mann nicht immer, wenn es die Frau ist, und die Frau muß ihn erst glücklich machen. Der Mann empfängt also unendlich mehr von seiner Frau, als umgekehrt die Frau von ihrem Manne.

Folglich verliert auch der Mann unendlich mehr bei dem Tode seiner Frau, als diese umgekehrt bei dem Tode ihres Mannes. Die Frau verliert nichts als den Schutz gegen Angriffe auf Ehre und Sicherheit, und Unterhalt für die Bedürfnisse ihres Lebens; das erste findet sie in den Gesetzen wieder, oder der Mann hat es ihr in Verwandten, vielleicht in erwachsenen Söhnen hinterlassen; das andere kann sie auch als Hinterlassenschaft von ihrem Manne erhalten haben. Aber wie will die Frau dem Manne hinterlassen, was er bei ihrem Tode verliert? Er verliert die ganze Inbegriff seines irdischen Glückes, ihm ist, mit der Frau, die Quelle alles Glückes versiegt, ihm fehlt alles, wenn ihm eine Frau fehlt, und alles, was die Frau ihm hinterlassen kann, ist das wehmütige Andenken an ein ehemaliges Glück, das seinen Zustand noch um so trauriger macht.«

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Ich füge jetzt hier noch eine Frage bei, die auf ähnlichem Wege aufgelöset werden könnte: Sind die Weiber wohl ganz ohne allen Einfluß auf die Staatsregierung?

Heinrich von Kleist an Wilhelmine von Zenge am 30. 5. 1800

(In Heinrich von Kleist: Sämtliche Werke und Briefe, Bd. 1, hrsg. v.  Helmut Sembdner. Hanser,  9. Aufl. 1993, S. 507)

(siehe auch http://juttas-schreibblog.blogspot.com/2011/07/also-offenherzig-wilhelmine-immer.html)

Donnerstag, 7. Juli 2011

Zitat des Tages: Kleist darüber, woran ein echter Chemiker beim Küssen seines Weibes denkt

Bei den Küssen seines Weibes denkt ein echter Chemiker nichts, als daß ihr Atem Stickgas und Kohlenstoffgas ist.

Heinrich von Kleist an Adolfine von Werdeck
Paris, den 28. (und 29.) Juli 1801

Gnädigste Frau,

Lucchesini und Humboldt haben mich vorläufig bei einigen französischen Gelehrten eingeführt. Ich soll nämlich hier studieren, ich soll es, so will es ein jahrelang entworfener Plan, dem ich folgen muß, wie ein Jüngling einem Hofmeister, von dem er sich noch nicht los machen kann. Ich habe auch schon einigen Vorlesungen beigewohnt – Ach, diese Menschen sprechen von Säuren und Alkalien, indessen mir ein allgewaltiges Bedürfnis die Lippe trocknet – Liebe Freundin, sagen Sie mir, sind wir da, die Höhe der Sonne zu ermessen, oder uns an ihren Strahlen zu wärmen? Genießen! Genießen! Wo genießen wir? Mit dem Verstande oder mit dem Herzen? Ich will es nicht mehr binden und rädern, frei soll es die Flügel bewegen, ungezügelt um seine Sonne soll es fliegen, flüge es auch gefährlich, wie die Mücke um das Licht – Ach, daß wir ein Leben bedürfen, zu lernen, wie wir leben müßten, daß wir im Tode erst ahnden, was der Himmel mit uns will! – Wohin wird dieser schwankende Geist mich führen, der nach allem strebt, und berührt er es, gleichgültig es fahren läßt – Und doch, wenn die Jugend von jedem Eindrucke bewegt wird, und ein heftiger sie stürzt, so ist das nicht, weil sie keinen, sondern weil sie starken Widerstand leistet. Die abgestorbene Eiche, sie steht unerschüttert im Sturm, aber die blühende stürzt er, weil er in ihre Krone greifen kann – Ich entsinne mich, daß mir ein Buch zuerst den Gedanken einflößte, ob es nicht möglich sei, ein hohes wissenschaftliches Ziel noch zu erreichen? Ich versuchte es, und auf der Mitte der Bahn hält mich jetzt ein Gedanke zurück – Ach, ich trage mein Herz mit mir herum, wie ein nördliches Land den Keim einer Südfrucht. Es treibt und treibt, und es kann nicht reifen – Denn Menschen lassen sich, wie Metalle, zwar formen so lange sie warm sind; aber jede Berührung wirkt wieder anders auf sie ein, und nur wenn sie erkalten, wird ihre Gestalt bleibend. Ich möchte so gern in einer rein-menschlichen Bildung fortschreiten, aber das Wissen macht uns weder besser, noch glücklicher. Ja, wenn wir den ganzen Zusammenhang der Dinge einsehen könnten! Aber ist nicht der Anfang und das Ende jeder Wissenschaft in Dunkel gehüllt? Oder soll ich alle diese Fähigkeiten, und alle diese Kräfte und dieses ganze Leben nur dazu anwenden, eine Insektengattung kennen zu lernen, oder einer Pflanze ihren Platz in der Reihe der Dinge anzuweisen? Ach, mich ekelt vor dieser Einseitigkeit! Ich glaube, daß Newton an dem Busen eines Mädchens nichts anderes sah, als seine krumme Linie, und daß ihm an ihrem Herzen nichts merkwürdig war, als sein Kubikinhalt. Bei den Küssen seines Weibes denkt ein echter Chemiker nichts, als daß ihr Atem Stickgas und Kohlenstoffgas ist. Wenn die Sonne glühend über den Horizont heraufsteigt, so fällt ihm weiter nichts ein, als daß sie eigentlich noch nicht da ist – Er sieht bloß das Insekt, nicht die Erde, die es trägt, und wenn der bunte Holzspecht an die Fichte klopft, oder im Wipfel der Eiche die wilde Taube zärtlich girrt, so fällt ihm bloß ein, wie gut sie sich ausnehmen würden, wenn sie ausgestopft wären. Die ganze Erde ist dem Botaniker nur ein großes Herbarium, und an der wehmütigen Trauerbirke, wie an dem Veilchen, das unter ihrem Schatten blüht, ist ihm nichts merkwürdig, als ihr linnéischer Name. Dagegen ist die Gegend dem Mineralogen nur schön, wenn sie steinig ist, und wenn der alpinische Granit von ihm bis in die Wolken strebt, so tut es ihm nur leid, daß er ihn nicht in die Tasche stecken kann, um ihn in den Glasschrank neben die andern Fossile zu setzen – O wie traurig ist diese zyklopische Einseitigkeit!

(In Heinrich von Kleist: Sämtliche Werke und Briefe, Bd. 1, hrsg. v.  Helmut Sembdner. Hanser,  9. Aufl. 1993, S. 678f.)

Sonntag, 3. Juli 2011

„Wenn man einander schreibt, ist man wie durch ein Seil verbunden …“ Franz Kafka anlässlich seines heutigen Geburtstags

Nein, geschrieben will ich Dir noch haben, ehe Du selbst kommst. Wenn man einander schreibt, ist man wie durch ein Seil verbunden, hört man dann auf, ist das Seil zerrissen, auch wenn es nur ein Bindfaden war, da will ich es also rasch und vorläufig zusammenknüpfen.

Gestern abend hat mich nämlich dieses Bild gepackt. Nur dadurch, dass die Menschen alle Kräfte spannen und einander liebend helfen, erhalten sie sich in einer leidlichen Höhe über einer höllischen Tiefe, nach der sie wollen. Untereinander sind sie durch Seile verbunden, und bös ist es schon, wenn sich um einen die Seile lockern und er ein Stück tiefer sinkt als die andern in den leeren Raum, und gräßlich ist es, wenn die Seile um einen reißen und er jetzt fällt. Darum soll man sich an die andern halten. Ich habe die Vermutung, dass die Mädchen uns oben halten, weil sie so leicht sind, darum müssen wir die Mädchen lieb haben und darum sollen sie uns lieb haben.

Franz Kafka,
Brief an Oskar Pollak vom 20. 12. 1903 (Stempel: 21. 12. 1903),

http://www.odaha.com/sites/default/files/Breife1902-1924.pdf