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Samstag, 23. Juni 2012

Gedicht der Woche über eine Hängematte

Mein Lieblingsplatz

Längst bevor ich alles hatte
Haus, Hof, Kinder, Mann und Katz
wünscht’ ich mir ‘ne Hängematte
als allerliebsten Lieblingsplatz.

In ihr wollt’ ich schwebend träumen
wollt' vergessen Raum und Zeit
wollt’ sanft schaukeln unter Bäumen
und schauen in die Ewigkeit.

Manch ein Glück hab ich gefunden
war's der Gatte, war’s mein Schatz
doch die allerschönsten Stunden
schenkte mir mein Lieblingsplatz.

Jutta Miller-Waldner

Freitag, 27. Januar 2012

Gedicht der Woche: Über Aufstieg und tiefen Fall

Aufstieg
Ich hatt’ Kassandras Rufe
immer noch im Ohr
doch ich ging Stuf’ für Stufe
unbeirrt empor.

Wer zu hoch steigt wird fallen
hör ich noch den Schrei
Ich dachte, ich zeig’s allen
Troja ist vorbei.

Und als ich lag im Drecke
lachte ich ganz laut:
Auch Sisyphus, der Recke
hat sich getraut.

Jutta Miller-Waldner

Mittwoch, 23. November 2011

Gedicht der Woche: Modernes Liebesgedicht

Ich möchte
der Sonnenstrahl sein
an deinem Fenster
der Cursor auf
deinem Bildschirm
die grüne Ampel
auf deinem Weg nach Haus.

Wenn das nicht geht,

dann lass mich das Lachen sein
in deinem Traum.

Jutta Miller-Waldner 

Freitag, 31. Dezember 2010

Prosit Neujahr!

Prosit Neujahr

Wenn Champagnerkorken knallen
und die Masken langsam fallen
sich tief drinnen Wünsche regen
alte Damen Karten legen

Wenn hoch droben Monde stehen
Bullen nach den Pappen sehen
Politiker Reden schwingen
Menschen schunkelnd Lieder singen

man beschließt, nie mehr zu rauchen
auch nicht vor dem Chef zu krauchen
und den Dispo schnell zu senken
Bettlern ‘n Euro mehr zu schenken

dann, wenn's Jahr ist am Versinken
will ich, Freunde, auf euch trinken
will vom Himmel Sterne pflücken
und sie euch im Traume schicken

Jutta Miller-Waldner

Auf ein Wort: Liebe Leser und Leserinnen, die Ihr das Gedicht so gut findet, dass Ihr es in Euer Blog einstellt, in Foren oder Gästebücher – ich habe nichts dagegen, dass Ihr das tut. Ich habe aber etwas dagegen, wenn Ihr meinen Namen nicht nennt und den Text auch noch verändert. Bitte beachtet unbedingt das Urheberrecht!

Freitag, 24. Dezember 2010

Frohe Weihnachten …

Frohe Weihnachten

Lichterglanz auf Weihnachtsbäumen.
Autos, die die Straßen säumen.
Mensch voll Stress im Weihnachtstrubel:
Weihnachtstage voller Jubel.

Flocken sanft zur Erde sinken.
Abgase zum Himmel stinken.
Gallenkolik – Leberschaden –
Weihnachtstage voller Gnaden.

Vom Turme tönen süß die Glocken
Sonderangebote locken.
Am Himmel eine müde Sonne:
Weihnachtstage voller Wonne.

Christkind naht auf goldnen Strümpfen
Eltern mit den Kindern schimpfen.
Hausfraun Frustgefühle hegen –
Weihnachtsmorgen voller Segen.

Kinderglück im Kerzenscheine
die Großen sitzen froh beim Weine.
Wer einsam ist, hat selber schuld:
Weihnachtsabend voller Huld.

Jutta Miller-Waldner

Dieses Gedicht kann gern auf privaten Homepages oder Blogs eingestellt werden. Aber bitte unverändert und mit Verfasserangabe (Urheberrecht). Danke! 

Montag, 1. November 2010

Novemberhaiku

November Rain

Was ahnt‘ ich im Mai
vom Regen im November.
Doch die Stunde schlägt.

Jutta Miller-Waldner

Dienstag, 10. November 2009

Der Schriftsteller als Seher: Mein Mauerfallgedicht, gedichtet am 2. Juni 1987


Am 28. Mai 1987, dem Tag des Grenzsoldaten in der Sowjetunion, landete der 18-Jährige Mathias Rust* aus Wedel mit einem Flugzeug vom Typ Cessna 172 P[1] auf einer Brücke unweit des Roten Platzes in Moskau. Nach seinem Flug sagte er, dass er ihn für den „Weltfrieden“ und die „Verständigung zwischen unseren Völkern“ unternommen habe. Seine Aktion ist als „Landung auf dem Roten Platz“ in der ganzen Welt bekannt geworden.

*Weitere Infos zu ihm gibt es u. a. auch hier

Für meine Creative-Writing-Werkstatt, den „Lichterfelder Bleistiftspitzen“, in der wir uns Jahre lang jeden Montag trafen, um zu schreiben und uns im Schreiben fortzuentwickeln, war das natürlich ein willkommener Schreibanlass. Und so schrieb ich dieses Gedicht:

Landung auf dem Roten Platz in Moskau

Es war einmal eine Stadt
und um diese Stadt war eine Grenze
mit Stacheldraht und Todesstreifen
Wachtürmen – Bewachern

Und durch diese Stadt war eine Mauer gebaut
und sie trennte
Menschen, die eine Familie waren
Menschen, die Kollegen waren
Menschen, die sich liebten

Vorher gab es schon einmal
Lager – Städte fast –
mit Stacheldraht
Schäferhunden
Minen
Heute sind sie Museen, mit Blut getränkt

Und in einem fernen Land
stand eine große Mauer
die wurde gebaut
gegen die Eindringlinge
von den Ländern im Westen, im Norden

Und einst gab es eine Mauer,
die zerbrach durch den Klang von Trompeten

Menschen überwinden jede Mauer
– irgendwann –
jede Grenze
– irgendwann –
und Minengürtel
– irgendwann –
durch Mut
durch Liebe
durch Vernunft

Die Menschen aber aus jener Stadt
mit Todesstreifen und Mauer
waren noch nicht so weit
da war noch nicht genug Mut
genug Liebe
genug Vernunft

Dann war da einer
der flog mit einem Ballon
über die Grenze
ein anderer mit einem Flugzeug

Man muss nur eine Idee haben
einen Anfang machen
muss es wagen

Jene Stadt
sie gibt es noch
mit Mauer – Grenze – Stacheldraht
aber – wirklich noch lange?

Jutta Miller-Waldner

FLAUBERT schreibt im Juli 1853 an Louise COLET :
Ich habe heute einen großen Erfolg gehabt. Du weißt, daß wir gestern das große Glück hatten, Herrn Saint-Arnaud in unserer Mitte weilen zu sehen. Heute morgen habe ich im Journal de Rouen einen Satz des Bürgermeisters gefunden, der eine Rede auf ihn gehalten hat. Diesen Satz hatte ich am Tag vorher wörtlich in der Bovary geschrieben (in einer Rede des Präfekten auf der Landwirtschaftsausstellung). Es war nicht nur derselbe Gedanke, es waren nicht nur dieselben Wörter, sondern sogar dieselben Stilassonanzen. Ich verhehle nicht, daß solche Sachen mir Freude machen. Wenn die Literatur zu einer solchen Genauigkeit des Ergebnisses wie die exakten Wissenschaften kommt, ist das beachtlich.
Unsere Texte spiegeln eben nicht nur die Wirklichkeit, wie wir sie kennen, sondern antizipieren die Zukunft. Anlehnend an Auguste COMTES Prinzip: „Savoir pour prévoir“ – Wissen, um vorherzusehen – heißt es für den Schriftsteller: Schreiben, um vorherzusehen.

Sonntag, 1. November 2009

Novemberhaiku

November Rain

Was ahnt‘ ich im Mai
vom Regen im November.
Doch die Stunde schlägt.

Jutta Miller-Waldner

Sonntag, 19. Juli 2009

Gedicht der Woche

man sagt wenn zwei sich verstehen
geht irgendwo auf der welt ein Marmeladenglas auf*

brötchen knuspern
kaffee blubbert
durch die maschine
meine Katze schnurrt
da geht ein
marmeladenglas auf

hups, denke ich,
da versteht mich jemand, denke ich,
aber wer, denke ich

lohnt sich nicht, denke ich
und drehe das marmeladenglas
wieder zu.

Jutta Miller-Waldner

*Antwort auf das Gedicht von Hilbi http://sturznest.twoday.net/stories/4316188/

Dienstag, 17. März 2009

Noch ein Gedicht der Woche

Fragen

wie buchstabiert man
demütigung

wie schwer wiegt
verrat

viel zu schwer

lastet wie ein fels auf dem herzen
nimmt die luft zum atmen
vergiftet die seele

wann verwittert ein fels

wer gibt der würde einen namen

wer holt das vertrauen
aus dem meer
der
verlorenen
wörter

Jutta Miller-Waldner

Haiku

trübe der himmel
keine sonne nirgendwo
auch die seele friert

Bei manchen Menschen
werden Wörter zu Waffen
menschenverachtend

Wörter werden zu Waffen
Psychokrieg in Foren, Mails
Wer zählt die Wunden

Wörter sind Waffen
schmiedet Pflugscharen daraus
lasst Blumen blühen

Keine Beißhemmung mehr
Mobbing in Foren, Chats, Mails
Wer sieht die Tränen

Sprüche

Manchen Menschen fallen anderen in den Rücken. Wohl weil sie ihnen nicht in die Augen schauen können.

Viele Menschen reden viele wohlklingende Wörter und sagen doch kein einziges Wort

Manche Menschen sind so selbstgerecht, dass für das Recht ihrer Mitmenschen nichts mehr übrig ist.

Manche Menschen plagen sich nicht mit Selbstzweifeln. Sie zweifeln lieber an ihren Mitmenschen.

Wes Brot man isst, des Lied man singt,
auch wenn es manchmal schaurig klingt.

Jutta Miller-Waldner

Freitag, 20. Februar 2009

Gedicht der Woche

Schnee

wieder hat der schnee die welt verzaubert
und alle geräusche klingen gedämpft
da ist nur das scharren des schneeschiebers
und das jauchzen der kinder

wenn alle welt verzaubert ist
hat meine kleine schnurrige katze
angst um ihre schneeweißen tatzen
und verträumt den langen tag am ofen

doch draußen in der stadt sind die straßen grau
und der schnee verweht
in ihren stuben sitzen stumm die alten
und schauen nach den vergehenden flocken

Jutta Miller-Waldner

Sonntag, 1. Februar 2009

Gedicht zum Sonntag

Manche Menschen
sind so selbstgerecht,
dass in ihrer Seele
keine Raum mehr ist
für Gerechtigkeit.

Jutta Miller-Waldner

Samstag, 31. Januar 2009

Und noch ein Gedicht

Gedanken darüber,
wie die Migräne aus dem Land kommt

Wenn die Zacken verblassen
und der Reifen um die Stirn zerspringt
kaufe ich Mückenspray
schnappe mir einen Satelliten
und schenke es
dem lieben Gott

Jutta Miller-Waldner

Eine Antwort auf

Einige Gedanken darüber,
wie die Migräne in das Land kam

Und dem lieben Gott gefiel,
was er erschaffen.
Er lehnte sich zufrieden zurück.

Da stach ihn eine Mücke.

Und er schleuderte goldene Zacken
vor die Augen der Menschen
und glühende Schmerzen unter die Stirn,
damit sie nicht zu übermütig werden.

(Aus Jutta Miller-Waldner: Der Traum eines Schmetterlings. Weinstadt: aktuell Verlag 1995)

Noch ein Migräne-Gedicht siehe hier

Noch ein Gedicht der Woche

Einige Gedanken
einer Betroffenen darüber
wie die Migräne in das Land kam

Und dem lieben Gott gefiel,
was er erschaffen.
Er lehnte sich zufrieden zurück.

Da stach ihn eine Mücke.

Und er schleuderte goldene Zacken
vor die Augen der Menschen
und glühende Schmerzen unter die Stirn,
damit sie nicht zu übermütig werden.

Jutta Miller-Waldner

(Aus Jutta Miller-Waldner: Der Traum eines Schmetterlings. Weinstadt: aktuell Verlag 1995)

Gedicht der Woche

Migräne

Die Dichterin
verkriecht sich im verdunkelten Raum
die Zacken bilden Worte
in den Schläfen
hämmert der Rhythmus
eines Gedichts

Keine Sonne.
Nirgendwo.
Das Paradies muß warten.

Aber:

Bilder über Bilder
im verdunkelten Raum.

Jutta Miller-Waldner