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Freitag, 18. Januar 2013

Robert Burton und die Augen der Liebe


Sind alle so blind, als sie närrisch sind, und geht eines mit dem andern. Quisquis amat ranam, ranam putatesse Dianam; er liebte eine Kröte, so muß die Kröte Diana sein, eine Göttin. Denn es ist kein Liebender, der die Geliebte nicht vergöttert, sie sei so schief, wie sie will, so krumm, wie sie kann; runzlig, ranzig, blaß, sommersprossig, rotes Haar und gelbe Haut, ein talgiges Galgengesicht oder eine runde, platte Schießscheibe, oder dumm, dürr, dürftig, schief und schäbig wie eine Vogelscheuche, kahl, glotzäugig, triefäugig, hohläugig, hühneräugig, schielt wie ein Huhn in der Sonne und blinzelt wie eine Katze vorm Ofen, hat Ränder und Ringe um die Augen wie eine Eule, einen Spatzenmund und darüber einen Nasenhaken wie ein persischer Teppichhändler, oder eine spitze Fuchsnase, eine rote Rübe, eine plattgedrückte Nase wie ein Chinese, gelbe Biberzähne, oder schwarz und schief und durcheinander wie ein alter Judenfriedhof, zusammengewachsene Brauen über wimpernlosen Lidern, Hexenbart und Warzen, ihr Atem stinkt durch das ganze Zimmer, die Nase tropft Sommer und Winter, hat einen Kropf unterm Kopf und einen bayrischen Beutel unterm Kinn, Fledermausohren oder Hängeohren wie ein Wachtelhund, einen Hals wie ein Kranich, pendulis mammis [Hängebrüste], Titten wie Quitten oder gar keine, ein Plättbrett als Busen, Hitzpocken oder Frostbeulen, lange schwarze Nägel, Schorf an den Händen und Räude an den Füßen, krumm, klapprig, rippendürr, lahm, Plattfüße, Schweißfüße, geht einwärts und schurrt mit den Schuhen, ein wahrer Wechselbalg, ein Alpdruck, ein halbgebackenes Gespenst, schilt wie eine Rohrammer und schrillt wie der Griffel auf dem Schiefer, eine wüste Schlampe, eine schleichende Pest, eine läufige Hündin und ranzige Otter, in summa und um's kurz zu machen: ein Kuhfladen im Backofen. Du kannst sie nicht sehen, dich ekelt's vor ihr, würdest ihr am liebsten ins Gesicht spucken oder ihr, mit Verlaub, auf den Busen rotzen.

Robert Burton (Pseudonym Democritus junior)

(Mit den Augen der Liebe. In Anatomie der Melancholie. Ihr Wesen und Wirken, ihre Herkunft und Heilung philosophisch, medizinisch, historisch offengelegt und seziiert. Teil III: Schwermut der Liebe, übersetzt von Peter Gan, 1952, zitiert nach http://www.physiologus.de/frau_haes.htm)

Their blindness is all out as great, as manifest as their weakness and dotage; or rather an inseparable companion, an ordinary sign of it. Love is blind, as the saying is, Cupids blind, and so are all his followers. Quisquis amat ranam, ranam putat esse Dianam. Every lover admires his mistress, though she be very deformed of herself, ill-favored, wrinkled, pimpled, pale, red, yellow, tan’d, tallow-faced, have a swoln juglers platter face, or a thin, lean, chitty face, have clouds in her face, be crooked, dry, bald, goggle-ey’d, blear-ey’d or with staring eyes, she looks like a squis’d cat, hold her head still awry, heavy, dull, hollow-ey’d, black or yellow about the eyes, or squint-ey’d, sparrow-mouthed, Persean hook-nosed, have a sharp fox nose, a red nose, China flat, great nose, nare simo patuloque, a nose like a promontory, gubber-tushed, rotten teeth, black, uneven, brown teeth, beetle browed, a witches beard, her breath stink all over the room, her nose drop winter and summer, with a Bavarian poke under her chin, a sharp chin, lave eared, with a long cranes neck, which stands awry too, pendulis mammis, her dugs like two double jugs, or else no dugs in that other extream, bloody-faln-fingers, she have filthy long unpaired nails, scabbed hands or wrists, a tan’d skin, a rotten carcass, crooked back, she stoops, is lame, splea-footed, as slender in the middle as a cow in the wast, gowty legs, her ankles hang over her shooes, her feet stink, she breed lice, a meer changeling, a very monster, an aufe imperfect, her whole complexion savours, a harsh voyce, incondite gesture, vile gate, a vast virago, or an ugly tit, a slug, a fat fustilugs, a trusse, a long lean rawbone, a skeleton, a sneaker (si qua latent meliora puta), and to thy judgment looks like a mard in a lanthorn, whom thou couldst not fancy for a world, but hatest, loathest, and wouldst have spit in her face, or blow thy nose in her bosom, remedium amoris to another man, a dowdy, a slut, a scold, a nasty, rank, rammy, filthy, beastly quean, dishonest peradventure, obscene, base, beggerly, rude, foolish, untaught, peevish, Irus daughter, Thersites sister, Grobians scholler; if he love her once, he admires her for all this, he takes no notice of any such errors, or imperfections of body or mind.
(In The Anatomy of Melancholy: What it Is, with All the Kinds, Causes, Symptomes, Prognostics, and Several Cures of It, Part. 3. Sec. 2: Love-Melancholoy. Mem. 4. Subs. 1: Symptomes or Sings of Love-Melancholoy; in Body, Minde: good, bad, &c., 1838, S. 564f.; http://www.gutenberg.org/files/10800/10800-h/ampart3.html)

Mittwoch, 29. August 2012

Kurt Tucholsky über das, was er liebt und hasst

Kurt Tucholsky
(Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel, Kaspar Hauser)

haßt:                                                                            liebt:
das Militär                                                                     Knut Hamsun
die Vereinsmeierei                                                          jeden tapfern Friedenssoldaten
Rosenkohl                                                                      schön gespitzte Bleistifte
den Mann, der immer in der Bahn die Zeitung mitliest           Kampf
Lärm und Geräusch                                                         die Haarfarbe der Frau, die er gerade liebt
»Deutschland«                                                                Deutschland

Kurt Tucholsky, Vossische Zeitung; Sonntags-Ausgabe: Zeitbilder Nr. 1, 1. 1. 1928, S. 2 (zitiert nach http://gutenberg.spiegel.de/buch/1193/79).

Leider ist gerade diese Beilage der Vossischen Zeitung nicht digitalisiert. Es lohnt sich aber trotzdem, mal in der Zeitung zu blättern: http://tinyurl.com/cqkmrb3

Dienstag, 28. August 2012

Heinrich von Kleist über Entdecker von Naturgesetzen

Man erzählt von Newton, es sei ihm, als er einst unter einer Allee von Fruchtbäumen spazieren ging, ein Apfel von einem Zweige vor die Füße gefallen. Wir beide würden bei dieser gleichgültigen und unbedeutenden Erscheinung nicht viel Interessantes gedacht haben. Er aber knüpfte an die Vorstellung der Kraft, welche den Apfel zur Erde trieb, eine Menge von folgenden Vorstellungen, bis er durch eine Reihe von Schlüssen zu dem Gesetze kam, nach welchem die Weltkörper sich schwebend in dem unendlichen Raume erhalten.

Galilei mußte zuweilen in die Kirche gehen. Da mochte ihm wohl das Geschwätz des Pfaffen auf der Kanzel ein wenig langweilig sein, und sein Auge fiel auf den Kronleuchter, der von der Berührung des Ansteckens noch in schwebender Bewegung war. Tausende von Menschen würden, wie das Kind, das die schwebende Bewegung der Wiege selbst fühlt, dabei vollends eingeschlafen sein. Ihm aber, dessen Geist immer schwanger war mit großen Gedanken, ging plötzlich ein Licht auf, und er erfand das Gesetz des Pendels, das in der Naturwissenschaft von der äußersten Wichtigkeit ist.

Es war, dünkt mich, Pilâtre, der einst aus seinem Zimmer den Rauch betrachtete, der aus einer Feueresse wirbelnd in die Höhe stieg. Das mochten wohl viele Menschen vor ihm auch gesehen haben. Sie ließen es aber dabei bewenden. Ihm aber fiel der Gedanke ein, ob der Rauch, der doch mit einer gewissen Kraft in die Höhe stieg, nicht auch fähig wäre, mit sich eine gewisse Last in die Höhe zu nehmen. Es versuchte es und ward der Erfinder der Luftschiffahrtskunst.

Colomb stand grade an der Küste von Portugal, als der Wind ein Stück Holz ans Ufer trieb. Ein andrer, an seiner Stelle, würde dies vielleicht nicht wahrgenommen haben und wir wüßten vielleicht noch nichts von Amerika. Er aber, der immer aufmerksam war auf die Natur, dachte, in der Gegend, von welcher das Holz herschwamm, müsse wohl ein Land liegen, weil das Meer keine Bäume trägt, und er ward der Entdecker des 4. Weltteiles.

In einer holländischen Grenzfestung saß seit langen Jahren ein Gefangener*. In dem Gefängnisse, glaubt man, lassen sich nicht viele interessante Betrachtungen anstellen. Ihm aber war jede Erscheinung merkwürdig. Er bemerkte eine gewisse Übereinstimmung in dem verschiedenen Bau der Spinngewebe mit der bevorstehenden Witterung, so daß er untrüglich das Wetter vorhersagen konnte. Dadurch ward er der Urheber einer höchst wichtigen Begebenheit. Denn als in dem französischen Kriege Holland unter Wasser gesetzt worden war, und Pichegru im Winter mit einem Heere über das Eis bis an diese Festung vordrang, und nun plötzlich Tauwetter einfiel und der französische Feldherr, seine Armee vor dem Wassertode zu retten, mit der größten Eilfertigkeit zurückzukehren befahl, da trat dieser Gefangene auf und ließ dem General sagen, er könne ruhig stehen bleiben, in 2 Tagen falle wieder Frost ein, er stehe mit seinem Kopfe für die Erfüllung seiner Prophezeiung - - und Holland ward erobert. -

Diese Beispiele mögen hinreichend sein, Dir, mein liebes Mädchen, zu zeigen, daß nichts in der ganzen Natur unbedeutend und gleichgültig und jede Erscheinung der Aufmerksamkeit eines denkenden Menschen würdig ist.

Heinrich von Kleist an seine Braut Wilhelmine von Zenge am 16. (und 18.) 11. (und Zusatz vom 30. 12.) 1800 http://www.kleist.org/briefe/028.htm


*Denis Bernard Quatremère-Disjonval (auch Quatremere-d'Isjonval). Er verfasste daraufhin die Schrift Neueste Entdeckungen über die Natur der Spinnen und vorzüglich über deren Verhältniß mit den Veränderungen in der Atmosphäre, in wie fern sie nämlich die Beschaffenheit der Witterung voraus anzeigen (De l'aranéologie. Ou sur la découverte du rapport constant entre l'apparition ou la disparition, le travail ou le repos)

Samstag, 18. August 2012

Jean Paul über seinen Ärger mit Vorreden

Es hat mich oft verdrüßlich gemacht, daß ich jeder Vorrede, die ich schreibe, ein Buch anhängen muß als Allonge eines Wechselbriefes, als Beilage sub litt. A–Z. Andern privatisierenden Gelehrten werden schon ganze Bücher fertig und lebendig aus der Wiege zugeschickt, und sie brauchen nichts daran zu hängen, als das goldene Stirnblatt der Vorrede, und nichts mehr an der Sonne zu machen, als die Aurora. Aber mich hat noch kein einziger Autor um eine Vorerinnerung ersucht, ob ich gleich schon seit einigen Jahren mehre Vorreden im Voraus verfasse und auf den Kauf ausarbeite, worin ich künftige Werke nach Vermögen erhebe. Ja, ein ganzes Münzkabinet von solchen Preismedaillen und Huldigungmünzen, die ich für fremde Verdienste mit den besten Rändelmaschinen ausprägte, steht mir immer vor Augen und läuft täglich höher an; daher schlag’ ich das Kabinet am Ende – es ist kaum anders zu machen – im Ganzen los, und gebe ein Buch voll bloßer präexistierender Vorreden – zu gedenklichen Werken – heraus.

Jean Paul

(Blumen-, Frucht-, und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs. In Jean Paul’s sämmtliche Werke. Reimer 1826, S. V f.)

Freitag, 10. August 2012

Carpe Diem 카르페 디엠 (오늘을 즐기라!

(»Genieße den Tag«, »Nutze den Tag«, »Plücke den Tag«)

An die Leukonoe

Frag nicht (denn Wissen ist ein Frevel), welches Ende die Götter mir, welches sie dir, Leukonoe, zugedacht haben, und lass die Finger von babylonischer Astrologie! Wie viel besser doch, was immer sein mag, zu ertragen! Ob Jupiter noch viele Winter uns zugeteilt hat oder den letzten, der jetzt an entgegenstehenden Klippen das Tyrrhenische Meer bricht – lebe mit Verstand, kläre den Wein und beschränke ferne Hoffnung auf kurze Dauer! Noch während wir reden, ist die missgünstige Zeit schon entflohen: Nutze den Tag, und glaube so wenig wie möglich an den nächsten!*

Horaz, Ode 11

(Zitiert nach http://cafe.daum.net/germanistik/Dmjd/69?docid=Mj7dDmjd6920090519140203; weitere Links zu Übersetzungen siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Carpe_diem)

*auch »Genieße den Augenblick und verlaß dich so wenig wie möglich auf den folgenden« (http://members.aon.at/latein/Horaz1.htm)

Eine Übersetzung, die mir noch besser gefällt, aber mit den eher unüblichen Worten endet »Fröhlich pflücke das ›Heut‹, trau’ nicht auf das, was Dir ein ›Morgen‹ bringt« siehe Die Oden des Quintus Horatius Flaccus: Deutsch in Versmaße des Originals, 1866, S. 20)

Ad Leuconoen

Tu ne quaesieris – scire nefas – quem mihi, quem tibi
Finem di dederint, Leuconoe, nec Babylonios
Tentaris numeros. Ut melius, quidquid erit, pati:
Seu pluris hiemes seu tribuit Iuppiter ultimam,
Quae nunc oppositis debilitat pumicibus mare
Tyrrhenum! Sapias, vina liques, et spatio brevi
Spem longam reseces. Dum loquimur, fugerit invida
Aetas: carpe diem quam minimum credula postero.


(Carminum. Liber Primus XI. Aus: Des Q. Horatius Flaccus Sämmtliche Werke: für den Schulgebrauch erklärt, 1868,  S. 36f., mit einer ausführlichen Erläuterung des Textes und vielen handschriftlichen Notizen, die ein unbekannter Schüler in dem Buch gemacht hat)

Hübsch ist die Anmerkung des Herausgebers C. W. Nauck dazu::
Lebensregel. Einer thöricht-gesinnten Schönen, die sich das Leben durch Zukunftssorgen verbittet, ruft der Dichter in freundlicher und gemüthlicher Weise sein Sapias zu: »Sei kein Närrchen, geniesse die Gegenwart«.
Leuconoë, don’t ask, we never know, what fate the gods grant us,
whether your fate or mine, don’t waste your time on Babylonian,
futile, calculations. How much better to suffer what happens,
whether Jupiter gives us more winters or this is the last one,
one debilitating the Tyrrhenian Sea on opposing cliffs.
Be wise, and mix the wine, since time is short: limit that far-reaching hope.
The envious moment is flying now, now, while we’re speaking:
Seize the day, place in the hours that come as little faith as you can.

(http://www.poetryintranslation.com/PITBR/Latin/HoraceOdesBkI.htm#_Toc39402017)

(Mehr zu Carpe diem siehe http://juttas-zitateblog.blogspot.de/2011/09/carpe-diem.html und zu Martin Opitz' Gedicht Carpe diem http://juttas-zitateblog.blogspot.de/2011/09/uber-martin-opitz-gedicht-carpe-diem.html . Zu Bewahre die Zeit! von Lucius Annaeus Seneca siehe http://juttas-schreibblog.blogspot.de/2010/10/seneca-uber-die-zeit.html)

Donnerstag, 1. März 2012

Erasmus von Rotterdam über das Selbstlob und Stegreifreden

Und schließlich: ich halte es mit dem Sprichwort, das da sagt: „Lobe dich ruhig selbst, wenn es kein anderer für dich tun will.“ Freilich muß ich dabei sagen, daß die Undankbarkeit – oder ist es Faulheit? – der Menschen mich befremdet. Denn alle machen mir eifrig den Hof und sonnen sich gern in meiner Gnade; aber unter so vielen Generationen ist nicht einer gewesen, der mit dankbaren Worten der Torheit ein Kränzchen gewunden hätte. Dagegen ein Busiris, ein Phalaris, das Fieber, die Mücken, der Haarschwund und dergleichen Plagen fanden genug Leute, die sich das Öl und den Schlaf nicht reuen ließen, bis die Lobrede feingedrechselt neben der ausgebrannten Lampe lag.

Was ihr von mir zu hören bekommt, ist allerdings bloß eine richtige Stegreifrede, kunstlos, doch ehrlich. Und meint mir nicht, das sei nach Rednermanier gelogen, nur um mein Genie leuchten zu lassen. Ihr kennt das ja: Rückt einer auf mit einer Rede, über der er dreißig Jahre gebrütet hat – oft ist sie auch gestohlen –, so schwört er euch, er habe sie in drei Tagen wie spielend hingeschrieben oder gar diktiert. O nein – ich liebe es von jeher, alles das zu sagen, was mir Dummes just auf die Zunge kommt. Nur erwartet nicht, daß ich mich nach der Schablone der gewöhnlichen Redner definiere oder gar disponiere. Ein übler Anfang wäre beides, denn eine Kraft, die in der ganzen Welt wirkt, läßt sich in keine Formel bannen, und eine Gottheit zerstückelt man nicht, zu deren Verehrung sich alle Kreatur zusammenfinden.

Was sollte auch eine Definition? Sie würde euch nur einen Umriß, ein blutleeres Schattenbild zeigen, und habt mich doch  mich doch da in aller Leibhaftigkeit vor euern Augen und seht in eigener Person die wahre Geberin aller Gaben, das Wesen, das jedes Volk in seiner Sprache die Torheit heißt.

Postremo sequor tritum illud vulgi prouerbium, quo dicitur is recte laudare sese, cui nemo alius contigit laudator. Quamquam hic interim demiror mortalium, ingratitudinem dicam, an segnitiem, quorum cum omnes me studiose colant, meamque libenter sentiant beneficentiam, nemo tamen tot iam sæculis exstitit, qui grata oratione STVLTITIÆ laudes celebrarit, cum non defuerint, qui Busirides, Phalarides, febres quartanas, muscas, caluitia, atque id genus pestes, accuratis magnaque et olei et somni iactura elucubratis laudibus uexerint. A me extemporariam quidem illam et illaboratam, sed tanto ueriorem audietis orationem.
 

Id quod nolim existimetis ad ingenii ostentationem esse confictum, quemadmodum uulgus oratorum facit. Nam ii, sicuti nostis, cum orationem totis triginta annis elaboratam, nonnumquam et alienam proferunt, tamen triduo sibi quasi per lusum scriptam, aut etiam dictatam esse deierant. Mihi porro semper gratissmum fuit hoti an epi glôttan elthoi dicere. At ne quis iam a nobis expectet ut iuxta uulgarium istorum rhetorum consuetudinem, me ipsam finitione explicem porro ut diuidam, multo minus. Nam utrumque ominis est inauspicati, uel fine circumscribere eam cuius numen tam late pateat, uel secare, in cuius cultum omne rerum genus ita consentiat. Tametsi quorsum tandem attinet mei uelut umbram atque imaginem finitione repræsentare, cum ipsam me coram præsentes præsentem oculis intueamini? Sum etenim uti uidetis, uera illa largitrix eaôn, quam Latini STVLTITIAM, Græci MÔRIAN appellant.
(http://la.wikisource.org/wiki/Moriae_encomium)

Finally, I follow that well-worn popular proverb which says that a man does right to praise himself if he can’ find anyone else to praise him.
 

Here, by the way, I can’t help wondering at the ingratitude (if I may say so) or the dilatoriness of mankind. Everyone is only too anxious to cultivate me and freely acknowledges the benefits I bring, yet throughout all the ages nobody has ever come forward to deliver a speech of thanks in praise of Folly. Yet there has been no lack of persons ready to spend lamp-oil and lose their sleep working out elaborate speeches in honour of tyrants like Busiris [and Phalaris], quartan fever, flies, baldness, and plagues of that sort. From me you’re going to hear a speech which is extempore and quite unprepared, but all the more genuine for that. Still, I wouldn’t have you think I composed this to show off my talent, as the common run of orators do. As you know, they can spend thirty whole years elaborating a speech which even then may not be theirs at all, and then swear they wrote it for a joke in a mere three days or even dictated it extempore. For my part, I’ve always liked best to say ‘whatever comes [ill-timed] to the tip of the tongue’. None of you need expect me to follow the usual practice of ordinary rhetoricians and explain myself by definition, still less by division. It wouldn’t bode well for the future either to limit and confine one whose divinity extends so far, or to cut her up when the whole world is united in worshipping her. And what purpose would it serve for a definition to produce a sketch which would be a mere shadow of myself when I am here before you, for you to look at with your own eyes? For I am as you see me, the true bestower of 'good things,' called stultitia in Latin, ancient Môrian in Greek.
(http://www.ourcivilisation.com/smartboard/shop/erasmus/folly.htm)

(In Desiderius Erasmus: Das Lob der Torheit (Moriae encomium). Reclam jun., 1950 , S. 9 f.)

Weitere Übersetzungen siehe unter anderem http://www.irwish.de/PDF/Erasmus%20von%20Rotterdam%20-%20Das%20Lob%20der%20Torheit.pdf (mit Anmerkungen und 30 Zeichnungen von Hans Holbein d. J.) und  http://welcker-online.de/Texte/Erasmus/torheit.pdf

Mittwoch, 29. Juni 2011

Zitat des Tages: Lü Bu Wei über die Wichtigkeit der Geradheit

Ein tüchtiger Herrscher nimmt nichts wichtiger als einen Staatsmann. Warum er einen Staatsmann wichtig nimmt, ist, weil er gerade herausredet. Wenn die Worte gerade sind, so tritt das Verkehrte deutlich hervor. Worin aber ein Herrscher zu leiden hat, das ist, daß er die Verkehrten zu erkennen sucht und dabei doch die geraden Worte haßt.

Das ist, wie wenn man die Quelle verstopft und doch das Wasser haben möchte. Woher soll denn das Wasser kommen? Wenn man das, was man wünscht, unwichtig nimmt, das, was man haßt, wichtig nimmt, woher soll dann das, was man wünscht, kommen?

Mong I trat vor den König Süan von Tsi. Der König sprach: »Ich höre, daß Ihr die Aufrichtigkeit liebt. Ist das so?« Jener erwiderte: »Wie wäre ich aufrichtig? Es heißt, ein Mann, der die Aufrichtigkeit liebt, wohnt nicht in einem ungeordneten Staat und tritt nicht vor einen unreinen Herrscher. Nun habe ich es erreicht vor Euch zu treten und wohne in Tsi, wie könnte ich da von mir behaupten, die Aufrichtigkeit zu lieben?« Der König Süan wurde zornig und sprach: »Das ist ein ungebildeter Mann.« Schon war er im Begriff ihn strafen zu lassen, da sagte Mong I: »In meiner Jugend interessierte ich mich für dieses Betragen, erwachsen übte ich mich in seiner Durchführung. Weshalb könnt Ihr nicht mit einem ungebildeten Menschen zusammen sein, um seine Vorliebe für Aufrichtigkeit zur Geltung zu bringen?« Darauf hieß ihn der König gehen.

Wenn Mong I auch vorsichtig war in seinen Worten in der Gegenwart des Königs, so würde er ihm doch sicher nie geschmeichelt haben. Wenn man aber jemand gefunden hat, der seinem Herrn nicht schmeichelt, so ist das nicht wenig. Das ist es, was die tüchtigen Herrscher suchen und die untüchtigen hassen.

Lü Bu Wei, Abhandlung über die Wichtigkeit der Geradheit /Gui Dschï Lun. In Chunqiu – Frühling und Herbst des Lü Bu We (Lü Schi Tschun Tsiu), S. 803f.  (http://web568.rs013.glowfish.de/Joomla/images/ebook/Buch00263-Oestliche-Religionen-auf-www.zenisis.de.pdf)

Dienstag, 31. Mai 2011

Satz und Download der Woche

„Zwecklos da, noch weiter zu hmmmen.“

James Joyce, Ulysses, S. 98

Wer wegen dieses schönen Satzes oder wegen Mollys Monolog und überhaupt Ulysses noch einmal lesen möchte, kann das Buch hier herunterladen.

Nachtrag: Leider funktioniert der Link nicht mehr. Und woanders gibt es auch keine Download-Möglichkeit.

Donnerstag, 5. Mai 2011

T. G. von Hippel über geliehene Bücher

Der jüngere Herr v. G. Wirst du viel Bücher mitnehmen?

Ich. Sehr wenig. Ich bin sehr für geliehene Bücher. Hat man selbst das Buch, glaubt man: ein andermal. Man sieht es im Schranke, und denkt: wenn ich gelegenere Zeit haben werde. Ein Bibliotaphus, ein Büchergeiziger, ist, nach meines Vaters Ausdruck, ein Teufel, ein Seelenverderber. –

Der jüngere Herr v. G. Wenn man ein Buch leiht, sagt mein Hofmeister, ist es am sichersten, sich Auszüge zu machen; ich glaub’, es hilft dem Gedächtniß.

Ich. Einerlei, ob das Buch, oder der Auszug sanft im Schranke ruht. Ich bin für keinen Auszug. –

Der jüngere Herr v. G. Ein Rückhalt, Bruder, ist eine gute Sache. Wenn man es vergißt –

Ich. So ist das Buch da. Auszug, wenn er ja den Namen verdient, ist eine Brühe. Ich bin nicht für Brühen, so lang’ ich gesund bin.

Herr v. W. Ich leide keine Übertreibung. Einem Kinde, was todt auf die Welt kommt, den Verstand ansehen wollen, find’ ich zu hoch geflogen. –

Hermann. Wenn es indeß die Züge des Vaters hat, und der Vater –

Ich. Manches Buch soll uns nur die Stirn lichten – von manchen dürfen wir nur die Thaler Alberts behalten. Ist es nöthig, daß ich etwas bis auf Ort und Vierding weiß, kauf’ ich mir das Buch, um mir nachzuhelfen, um einen Stab zu haben, an dem ich gehe.

Der jüngere Herr v. G. Erst Gewehr, dann Bücher. – Leib und Seel’, sagt alle Welt, und nicht Seel’ und Leib.

Ich. Beim Edelmann Leib und Seele, beim Literatus Seel’ und Leib, wenn es gleich wider den Redegebrauch ist.

Theodor Gottlieb von Hippel, Lebensläufe nach aufsteigender Linie

(In Th. G. V. Hippel's sämmtliche Werke. Reimer 1828, S. 309 ff.)

Montag, 21. März 2011

Heinrich von Kleist und die Polizeiberichte über Brände in Berlin

Gebrandschatzt wurde in Berlin schon immer. Auch Heinrich von  Kleist druckte in den von ihm herausgegebenen Berliner Abendblättern Polizeiberichte über diverse Brände Ende September/Anfang Oktober 1810 in Berlin. Er erklärte auch, warum:

"Die Polizeilichen Notizen, welche in den Abendblättern erscheinen, haben nicht bloß den Zweck, das Publikum zu unterhalten, und den natürlichen Wunsch, von den Tagesbegebenheiten authentisch unterrichtet zu werden, zu befriedigen. Der Zweck ist zugleich, die oft ganz entstellten Erzählungen über an sich gegründete Tatsachen und Ereignisse zu berichtigen, besonders aber das gutgesinnte Publikum aufzufordern, seine Bemühungen mit den Bemühungen der Polizei zu vereinigen, um gefährlichen Verbrechern auf die Spur zu kommen, und besorglichen Übeltaten vorzubeugen. Wenn z. B. wie geschehen ist, bekannt gemacht wird, daß Brandbriefe und Brandmaterialien gefunden oder Verbrechen begangen worden, deren Urheber noch nicht entdeckt sind, so kann dabei nicht die Absicht sein, Besorgnisse bei dem Publiko zu erwecken, indem es sich auch ohne ausdrückliche Ermahnung von selbst versteht, daß von Seiten der Polizeibehörde alle Maßregeln genommen werden, sowohl das beabsichtigte Verbrechen zu verhüten, als den Urhebern auf die Spur zu kommen: sondern bloß das Stadtgespräch zu berichtigen, welches aus einem solchen Brandbrief deren hundert macht, und ängstliche Gemüter ohne Not mit Furcht und Schrecken erfüllt. Zugleich wird aber auch jeder redliche Einwohner darin eine Aufforderung finden, seine Wachsamkeit auf die Menschen und Ereignisse um ihn her zu verdoppeln, und alles was zur Entdeckung des Verbrechers führen könnte, dem nächsten Polizeioffizianten auf das schleunigste anzuzeigen, damit das Pol.-Präsidium sogleich davon Nachricht erhalte, und seinen Maßregeln zur Sicherung des Publici die Richtung geben könne."

Heinrich von Kleist, Berliner Abendblätter, 4. Oktober 1810
   
(In Sämtliche Werke und Briefe. Hanser 1993, S. 426 f.)

Über die Polizeiberichte haben auch Sibylle Peters in ihrem Buch Heinrich von Kleist und der Gebrauch der Zeit: von der Machart der Berliner Abendblätter (http://tinyurl.com/4gacokm) und Marianne Schuller unter dem Titel Eine Anekdote Kleists in der Zeitung (http://www.textkritik.de/vigoni/schuller.htm) geschrieben.

Samstag, 12. März 2011

Zitat des Tages: Aristoteles über das, was Wohlgefallen erregt

Angenehm ist am Gegenwärtigen die Tätigkeit, am Künftigen die Hoffnung und am Vergangenen die Erinnerung. Am angenehmsten und in gleichem Maße liebenswert ist das Tätigsein.

Aristoteles

(In Die nikomachische Ethik , eingeleitet und übertragen von Olof Gigon. Artemis 1967, S. 269)

Aber wie immer, wenn Texte in einer anderen Sprache verfasst wurden, gibt es unterschiedliche Übersetzungen. So lautet eine Übersetzung aus dem Jahr 1921 von Eugen Rolfes:
Genußreich ist an dem Gegenwärtigen die Wirklichkeit, am Zukünftigen die Hoffnung und am Vergangenen die Erinnerung. Am genußreichsten aber und in gleichem Grade liebenswert ist das Wirkliche. Nun bleibt aber dem, der Gutes getan, sein Werk [wie eine fortdauernde Wirklichkeit], während der Nutzen dessen, der das Gute empfangen hat, vergeht. – Und die Erinnerung an edle Taten ist genußreich, aber die Erinnerung an gehabte Vorteile ist es nicht eben oder doch weniger. Mit der Erwartung aber scheint es sich umgekehrt zu verhalten.

Ferner gleicht das Lieben dem Tun, das Geliebtwerden aber dem Leiden. Daher kommt denen, die sich im Tun überlegen zeigen, das Lieben und der Erweis der Liebe zu.

Endlich liebt jeder das mühsam Erlangte mehr, wie das Geld dem teurer ist, der es erworben, als dem, der es ererbt hat. Nun scheint aber das Erweisen von Wohltaten mühevoll, das Empfangen aber mühelos zu sein. Darum haben auch die Mütter eine größere Liebe zu ihren Kindern als die Väter. Denn die Mutter trifft die größere Mühsal des Gebärens, und sie weiß besser, dass die Kinder ihre eigenen sind. Eben dies aber dürfte auch den Wohltätern eigen sein.
(Nikomachische Ethik: IX. Freundschaft 7. Die Wohltat - Geben ist seliger als Nehmen. Meiner 1985, S. 222; siehe auch http://www.textlog.de/aristoteles-ethik.html
Zur Übersetzung von Adolf Lasson, die mit diesen Worten beginnt:
Was Wohlgefallen erregt, ist an dem Gegenwärtigen die Wirklichkeit, an dem Zukünftigen die Hoffnung, am Vergangenen die Erinnerung. Das innigste Wohlgefallen aber ist das, was man an seiner eigenen Wirksamkeit empfindet, und das ruft denn auch in gleichem Maße Zuneigung hervor.
siehe Nikomachische Ethik – Êthika nikomacheia: III. Teil. Die menschlichen Gemeinschaften. 5. Freundschaftsähnliche Verhältnisse. c) Wohltäter und Empfänger, Jena 1909, S. 420 http://www.linke-buecher.de/texte/romane-etc/Aristoteles--Nikomachische%20Ethik.pdf

Näheres zur Nikomachische Ethik mit Hinweisen zu weiteren Übersetzungen siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Nikomachische_Ethik

Mittwoch, 3. November 2010

Vom Puch vnd dem Paradeyse von Von Docktor Martin Luther

IN DER LETZTEN ZEYT ist in teutschen landen grosze Unsitt aufgekommen, dasz teutsch geschribn vil Romanswercke geheyszene Schweynzereyen vorliegen, welche der GOttgefälligkeyt stark appruch thun.

So wirt in Frankfurth seyt jar und tag eyne schwartze Mess gefeyert, welche Puchmess geheyszen izt. So seyt mir nimant etwas gegen eyn fromm Püchlein, das mit Zihtaten und Sprichwortten gepfeffert izt. Doch diser Pücher sint lützel, da vorzuhglich Lugen-Kram vnd Teuffelsdreck gedrucket wirt. So iszt viel Püchel voll mit lustigen Brunsten, Sehnungen, Eyfersüchten, Butzwerck, Hahnreden, Hinter-Thür-und-Fenster-Visiten, Verzweifflungen, Seestürm, Gefangenschafften, Warsagerey vnd allen garstig Fluch vnd Possen, die gottlose Schreyberling mit Dinte auf Pergamentum brunzzen. weiterlesen

Quelle: NZZ FOLIO Die Zeitschrift der Neuen Zürcher Zeitung http://tinyurl.com/kurq4

Sonntag, 10. Oktober 2010

Link der Woche: Moby Dick

Eine wunderbare Seite zu Melvilles Moby Dick mit Suchmöglichkeit nach Textstellen, Personen und Orten gibt es hier. Natürlich kann man auch das ganze Buch lesen.

Dienstag, 21. Juli 2009

Schopenhauers Fabel von den Stachelschweinen*

Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich, an einem kalten Wintertage, recht nahe zusammen, um, durch die gegenseitige Wärme, sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln; welches sie dann wieder von einander entfernte. Wann nun das Bedürfniß der Erwärmung sie wieder näher zusammen brachte, wiederholte sich jenes zweite Übel; so daß sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung von einander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten. – So treibt das Bedürfniß der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zu einander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder von einander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammenseyn bestehn kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte. Dem, der sich nicht in dieser Entfernung hält, ruft man in England zu: keep your distance! – Vermöge derselben wird zwar das Bedürfniß gegenseitiger Erwärmung nur unvollkommen befriedigt, dafür aber der Stich der Stacheln nicht empfunden. – Wer jedoch viel eigene, innere Wärme hat bleibt lieber aus der Gesellschaft weg, um keine Beschwerde zu geben, noch zu empfangen.

Arthur Schopenhauer, Gleichnisse, Parabeln und Fabeln

(In Parerga und Paralipomena: kleine philosophische Schriften. Hayn 1862, S. 689)

*Der Titel der Fabel Der Mensch – ein geselliges Lebewesen in Die Kunst zu beleidigen (Beck 2008, S. 84 f.) wurde von den Herausgebern gewählt. Tatsächlich hat die Fabel keinen Titel.