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Mittwoch, 23. November 2011

Noch mehr erste Sätze X.

Es gibt flüchtige Leser und äußerst exakte Leser. Es gibt professionelle Leser und Hobby-Leser. Es gibt Diagonal-, Quer- und Rückwärts-Leser. Es gibt Gewohnheits-Leser und Zeitvertreib-Leser. (Hektor Haarkötter, Der Bücherwurm)

Haltet die Uhren an. Vergesst die Zeit. Ich will euch Geschichten erzählen. (James Krüss, Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen)

Gebe der Himmel, daß der Leser, erkühnt und augenblicklich von grausamer Lust gepackt gleich dem, was er liest, seinen steilen und wilden Weg durch die trostlosen Sümpfe dieser finsteren und gifterfüllten Seiten finde, ohne die Richtung zu verlieren; denn wofern er nicht mit unerbittlicher Logik und einer geistigen Spannung, die wenigstens seinen Argwohn aufwiegt, an diese Lektüre geht, werden die tödlichen Emanationen dieses Buches seine Seele durchtränken wie das Wasser den Zucker. Es ist nicht gut, daß jedermann die folgenden Seiten lese; nur einzelne werden diese bittere Frucht gefahrlos genießen. (Lautréamont, Die Gesänge des Maldoror, Erster Gesang)

Dies hier ist ein erstes Kapitel, welches verhindern soll, daß vorliegendes Werkchen mit einem zweiten Kapitel beginne. (Franz Werfel, Stern der Ungeborenen, S. 11)

Es hieße diese Aufzeichnungen mit Erdichtetem beginnen, wollte ich mich anheischig machen, nach zwanzig Jahren noch an den Tag zu bringen, wer mich auf der nächtlichen Meerfahrt mit ärgerer Tücke gequält hat: der gemeine Menschenfloh in dem von einem Matrosen entliehenen Schlafsack oder der garstige Traumalb, der mich in die Nicolaas Beets Straat nach Amsterdam entführte, wo sich das Grab über einer jungen Frau geschlossen hatte, deren Todesursache ich, Doppelgänger ihres treulosen Geliebten, geworden war. (Albert Vigoleis Thelen, Die Insel des zweiten Gesichts)

Also, es fängt damit an, daß ich bei Fisch-Gosch in List auf Sylt stehe und ein Jever aus der Flasche trinke. (Christian Kracht, Faserland)

Am Anfang war eine Landschaft. Der Hintergrund ein Zypressengrün, ein schmaler Streifen vor kristallen-leuchtender Leere. Dann eine Brücke, sie führt über einen Abgrund, über eine Schlucht, einen tiefliegenden Bach. (Christoph Hein, Der fremde Freund)

Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt – meins nicht. Zumindest weiß ich nicht, wie ich ins Leben gekommen bin. (Walter Moers, Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär)

Ich bin geboren zu York im Jahre 1632, als Kind angesehener Leute, die ursprünglich nicht aus jener Gegend  stammten. Mein Vater, ein Ausländer, aus Bremen gebürtig, hatte sich zuerst in Hull niedergelassen, war dort als Kaufmann zu hübschem Vermögen gekommen und dann, nachdem er sein Geschäft aufgegeben hatte, nach York gezogen. Hier heiratete er meine Mutter, eine geborene Robinson. Nach der geachteten Familie, welcher sie  angehörte, wurde ich Robinson Kreuznaer genannt. In England aber ist es Mode, die Worte zu verunstalten, und so heißen wir jetzt Crusoe, nennen und schreiben wir uns sogar selbst so, und diesen Namen habe ich auch von jeher unter meinen Bekannten geführt. (Daniel Defoe, Robinson Crusoe)

Ich wurde im März 1942 geboren und bekam den Namen John – nach John Harvard (Franny nannten sie Franny, weil das irgendwie zu Frank paßte). (John Irving, Hotel New Hamsphire)

Ich bin Max Schulz, unehelicher, wenn auch rein arischer Sohn der Minna Schulz ... zur Zeit meiner Geburt Dienstmädchen im Hause des jüdischen Pelzhändlers Abramowitz. (Edgar Hilsenrath, Der Nazi & der Friseur)

Mein Vater war ein Bauernsohn aus einem uralten Dorfe, welches seinen Namen von dem Alemannen erhalten hat, der zur Zeit der Landteilung seinen Spieß dort in die Erde steckte und einen Hof baute. (Gottfried Keller, Der grüne Heinrich)

An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Rosshändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit. (Heinrich von Kleist, Michael Kohlhaas)

Wer sechs Roß im Stall stehen hat, ist ein Bauer und sitzt im Wirtshaus beim Bürgermeister und beim Ausschuß. Wenn er das Maul auftut und über die schlechten Zeiten und über die Steuern schimpft, gibt man acht auf ihn, und die kleinen Leute erzählen noch am andern Tag, daß gestern der Harlanger, oder wie er sonst heißt, einmal richtig seine Meinung gesagt hat. (Ludwig Thoma, Der heilige Hies)

Stattlich und feist erschien Buck Mulligan am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen. (James Joyce, Ulysses)

Der Untersuchungsrichter Landesgerichtsrat Doktor Ernst Sebastian tötete die erst halb genossene Zigarre. (Franz Werfel, Der Abituriententag)

Ein heiterer Juniusnachmittag besonnte die Straßen der Residenzstadt. Der ältliche Baron Jaßfeld machte nach längerer Zeit wieder einen Besuch bei dem Maler Tillsen, und nach seinen eilfertigen Schritten zu urteilen, führte ihn diesmal ein ganz besonderes Anliegen zu ihm (Eduard Mörike, Maler Nolten)

Der Himmel über dem Hafen hatte die Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal geschaltet war. (William Gibson, Neuromancer)

Jetzt ist schon wieder was passiert. Aber der Frühling ist eine herrliche Zeit, da gibt es Gedichte und alles, und weiß ein jeder, daß im Frühling das Leben erwacht. (Wolf Haas, Der Knochenmann)

Jetzt ist schon wieder etwas passiert. Und manchmal beneide ich die Vögel, die über dem Augarten kreisen und von der ganzen Sache nichts wissen. Weil als Vogel hast du die berühmte Perspektive, du drehst deine Parkrunden, immer schön majestätisch. (Wolf Haas, Wie die Tiere)

Jetzt ist schon wieder was passiert. Am frühen Morgen schaltet der Lift-Lois, der Liftwart, den Sessellift ein. (Wolf Haas, Auferstehung der Toten)

Jetzt ist schon wieder was passiert. Aber ein Tag, der so anfängt, kann ja nur noch schlechter werden.  (Wolf Haas, Komm, süßer Tod)

Jetzt ist schon wieder was passiert. Und ob du es glaubst oder nicht. Zur Abwechslung einmal etwas Gutes. (Wolf Haas, Das ewige Leben)

Meine Großmutter hat immer zu mir gesagt, wenn du einmal stirbst, muss man das Maul extra erschlagen. Und da sieht man, wie ein Mensch sich verändern kann. (Wolf Haas, Der Brenner und der liebe Gott)

Ich suchte nach einem ruhigen Ort zum Sterben. Jemand empfahl mir Brooklyn, und so brach ich am nächsten Morgen von Westchester aus auf, um das Terrain zu sondieren. (Paul Auster, Die Brooklyn Revue)

Heute ist der Tag, an dem ich sterbe. Offenbar versuchen eine Menge Leute, das zu verhindern, doch ich bin so gut wie tot. (Rolf Lappert, Nach Hause schwimmen)

Ich bin heute gestorben, zu meiner großen Verblüffung. Ich hatte mich allen Ernstes für unsterblich gehalten. (Adena Halpern, Die zehn besten Tage meines Lebens)

Ich starb 6840 Meter über dem Meeresspiegel am vierten Mai im Jahr des Pferdes. Der Ort meines Todes lag am Fuß einer eisgepanzerten Felsnadel, in deren Windschatten ich die Nacht überlebt hatte. Die Lufttemperatur meiner Todesstunde betrug minus 30 Grad Celsius, und ich sah, wie die Feuchtigkeit meiner letzten Atemzüge kristallisierte und als Rauch in der Morgendämmerung zerstob. (Christoph Ransmayr, Der fliegende Berg)

Vor einem Jahr kam mein Vater auf die denkbar schwerste Weise zu Schaden, er starb. (Jurek Becker, Bronsteins Kinder)

Sonntag, 17. April 2011

Die drei Anfänge von Hermann Hesses "Steppenwolf"

Dieses Buch enthält die uns gebliebenen Aufzeichnungen jenes Mannes, welchen wir mit einem Ausdruck, den er selbst mehrmals gebrauchte, den «Steppenwolf» nannten. Ob sein Manuskript eines einführenden Vorwortes bedürfe, sei dahingestellt; mir jedenfalls ist es ein Bedürfnis, den Blättern des Steppenwolfes einige beizufügen, auf denen ich versuche, meine Erinnerung an ihn aufzuzeichnen. Es ist nur wenig, was ich über ihn weiß, und namentlich ist seine ganze Vergangenheit und Herkunft mir unbekannt geblieben. Doch habe ich von seiner Persönlichkeit einen starken und, wie ich trotz allem sagen muß, sympathischen Eindruck behalten.

Hermann Hesse: Der Steppenwolf. Vorwort des Herausgebers

Nur für Verrückte

Der Tag war vergangen, wie eben die Tage so vergehen; ich hatte ihn herumgebracht, hatte ihn sanft umgebracht, mit meiner primitiven und schüchternen Art von Lebenskunst; ich hatte einige Stunden gearbeitet, alte Bücher gewälzt, ich hatte zwei Stunden lang Schmerzen gehabt, wie ältere Leute sie eben haben, hatte ein Pulver genommen und mich gefreut, daß die Schmerzen sich überlisten ließen, hatte in einem heißen Bad gelegen und die liebe Wärme eingesogen, hatte dreimal die Post empfangen und all die entbehrlichen Briefe und Drucksachen durchgesehen, hatte meine Atemübungen gemacht, die Gedankenübungen aber heut aus Bequemlichkeit weggelassen, war eine Stunde spazieren gewesen und hatte schöne, zarte, kostbare Federwölkchenmuster in den Himmel gezeichnet gefunden. 

Hermann Hesse: Harry Hallers Aufzeichnungen (Der Steppenwolf, Teil 1)

Nur für Verrückte

Es war einmal einer namens Harry, genannt der Steppenwolf. Er ging auf zwei Beinen, trug Kleider und war ein Mensch, aber eigentlich war er doch eben ein Steppenwolf. Er hatte vieles von dem gelernt, was Menschen mit gutem Verstande lernen können, und war ein ziemlich kluger Mann. Was er aber nicht gelernt hatte, war dies: mit sich und seinem Leben zufrieden zu sein. Dies konnte er nicht, er war ein unzufriedener Mensch.
Hermann Hesse: Tractat vom Steppenwolf (Der Steppenwolf, Teil 2)

Montag, 17. Januar 2011

Der erste Satz des Tages

Der Mensch wird frei geboren, und überall ist er in Ketten. (Jean-Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag oder Die Grundsätze des Staatsrechte)

Samstag, 24. Oktober 2009

Noch mehr erste Sätze IX.

Sein frühmorgendlicher Entsetzensschrei war der Laut, mit dem Arthur Dent üblicherweise erwachte und sich mit einem Schlag erinnerte, wo er war. (Douglas Adams, „Das Leben, das Universum und der ganze Rest”)

Bisher passierte folgendes: Am Anfang wurde das Universum erschaffen. Das machte viele Leute wütend und wurde allenthalben als Schritt in die falsche Richtung angesehen. (Douglas Adams, „Das Restaurant am Ende der Welt”)

Weit draußen in den unerforschten Einöden eines total aus der Mode gekommenen Ausläufers des westlichen Spiralarms der Galaxis leuchtet unbeachtet eine kleine gelbe Sonne. Um sie kreist in einer Entfernung von ungefähr achtundneunzig Millionen Meilen ein absolut unbedeutender, kleiner blaugrüner Planet, dessen vom Affen abstammenden Bioformen so erstaunlich primitiv sind, daß sie Digitaluhren noch immer für eine unwahrscheinlich tolle Erfindung halten. (Douglas Adams, „Per Anhalter durch die Galaxis“)

Rund um das Kap der Guten Hoffnung wurde das Meer dunkel. (Ilse Aichinger, „Die größere Hoffnung”)

Wenn einem der Haupttreffer beschert ist, hört Ihr, Reb Scholem-Alejchem, so kommt er zu einem ganz von selbst ins Haus, wie es in den Psalmen heißt. „Vorzusingen auf der Githith“: – wenn man Glück hat, so kommt es von allen Seiten gelaufen; und es gehört gar kein Verstand und keine Tüchtigkeit dazu. (Scholem Alejchem, „Tewje, der Milchmann“)

„Barrabas kam auf dem Seeweg in die Familie“, trug die kleine Clara in ihrer zarten Schönschrift ein. Sie hatte schon damals die Gewohnheit, alles Wichtige aufzuschreiben, und später, als sie stumm wurde, notierte sie auch die Belanglosigkeiten, nicht ahnend, dass fünfzig Jahre später diese Hefte mir dazu dienen würden, das Gedächtnis der Vergangenheit wiederzufinden und mein eigenes Entsetzen zu überleben. (Isabel Allende, „Das Geisterhaus”)

Der Dichter Antônio Bruno starb, niedergestreckt vom Infarkt, dem zweiten binnen kurzem, am 25. September 1940. (Jorge Amado, „Das Nachthemd und die Akademie”)

Meine Absicht, meine einzige Absicht - glaubt es mir! - geht dahin, die Wahrheit wiederherzustellen. (Jorge Amado, „Die Abenteuer des Kapitäns Vasco Moscoso”)

Bis heute herrscht Verwirrung über die Todesart des Quincas Berro Dágua, des Jochen Wasserbrüller. (Jorge Amado, „Die drei Tode des Jochen Wasserbrüller”)

Vadinho, Dona Flors erster Mann, starb an einem Karnevalssonntag gegen Morgen, als er auf dem Platz Zum Zweiten Juli unweit seines Hauses im Kostüm einer Bahianerin ausgelassen Samba tanzte. (Jorge Amado, „Dona Flor und ihre zwei Ehemänner”)

Wer in die Wälder geht, wenn auch nur für einige Tage, um von den großen Wegen und den lauten Märkten der Welt abzukommen, der will, wie das Wild, wenn es sich tiefer ins Dickicht zurückzieht, auf eine Weile das von Unrast und Lärm bedrohte Leben auf den Tannenpolstern ausruhen lassen und erneuern. (Stefan Andres, „Das Wirtshaus zur weiten Welt”)

Eigentlich wollte ich nicht hingehen. Ich konnte mir nicht ausmalen, wen ich antreffen würde: Bankiers, Politiker, Wirtschaftsleute, Militärs und auch ein paar Journalisten, die dafür zu sorgen hatten, daß das Fest in die Öffentlichkeit überlief. (Stefan Andres, „Der Mörderbock”)

Die Griechisch-Stunde sollte gerade beginnen, als die Türe des Klassenzimmers noch einmal aufgemacht wurde. (Alfred Andersch, „Der Vater eines Mörders”)

Gegen vier Uhr am Morgen regnete es. (Alfred Andersch, „Efraim”)

Es traf den Meister Domenicos Theodokopulos wie ein kalter Schlag, als der Kaplan, der eigens von Sevilla nach Toledo herübergeritten war, ihm überbrachte, der Maler el Greco habe am ersten Sonntag im Advent vor Seiner Eminenz zu erscheinen. (Stefan Andres, „El Greco malt den Großinquisitor”)

Wenn ich mir die Gestalt Bernhard Rebers ins Gedächtnis rufen will, so bedarf ich dazu des Mediums der Schauplätze, die sich mit seinem Dasein verbanden. (Alfred Andersch, „Erinnerte Gestalten“)

Der Mississippi wäre das richtige, dachte der Junge, auf dem Mississippi konnte man einfach ein Kanu klauen und wegfahren, wenn es stimmte, was im Huckleberry Finn stand. (Alfred Andersch, „Sansibar oder der letzte Grund”)

30. August, Nacht, meine Uhr steht. (Stefan Andres, „Der Taubenturm”)

Den größeren Teil ihres Laufes fließt die Drina zwischen steilen Bergen durch enge Schluchten oder durch tiefe Täler mit schroff abfallenden Ufern. (Ivo Andric, „Die Brücke über die Drina”)

Er war kräftig gebaut, und auf den Straßen von Harlem, so mitten im Sommer, sah er verdammt bleich aus. (Anonymus, „Mit aller Macht”)

Ein Gußregen war herniedergerauscht. Wallend und gischend schoss das sonst so ruhige Wässerlein zwischen den zwei Hügeln dahin; auf der Höhe des einen stand ein großes, stolzes Gehöft, am Fuße des andern, längs den Ufern des Baches, lag eine Reihe von kleinen Hütten. (Ludwig Anzengruber, „Der Sternsteinhof”)

Als Aurélien Bérénice zum erstenmal sah, fand er sie schlichtweg häßlich. Sie gefiel ihm einfach nicht. (Louis Aragon, „Aurélien”)

Niemand lachte, als Guy Herrn Romanet Papa nannte. (Louis Aragon, „Die Glocken von Basel”)

Untröstlich rief Kalypso wie eine Muschel am Ufer des Meeres immer wieder den Namen Odysseus dem Gischt zu, der die Schiffe davonträgt. (Louis Aragon, „Telemach”)

Ich saß am Schreibtisch, kritzelte meine Gladbacher Mannschaftsaufstellung für ein Spiel im Jenseits in den Kalender und langweilte mich mit Herrn Kunze. (Jakob Arjouni, „Ein Mann, ein Mord”)

Es summte unerträglich. Immer wieder schlug meine Hand zu, doch sie zielte schlecht. Ohr, Nase, Mund - unerbittlich griff sie alles an. Ich drehte mich weg, drehte mich wieder zurück. Keine Chance. Mörderisch. (Jakob Arjouni, „Happy Birthday, Türke!”)

Die Tausendmarkscheine flatterten wie Schwalben am Himmel und drehten im Schwarm ein paar Kreise gegen die untergehende Abendsonne. (Jakob Arjouni, „Magic Hoffman”)

Der Kaffee war dünn, und das feuchtweiche Brötchen mußte seit Tagen im Kühlschrank gelegen haben. (Jakob Arjouni, „Mehr Bier”)

Ich weiß, daß es mir gut ging, als ich am Freitag aufstand; ja, ich fühlte mich eher noch unerschütterlicher als sonst. (Margaret Atwood, „Die eßbare Frau”)

So bin ich hergekommen, sagt Rennie. (Margaret Atwood, „Verletzungen”)

Agustín Alfaro war das, was man einen „guten Jungen“ nennt, außerdem einziges Kind, sein größtes Verdienst. (Max Aub, „Die besten Absichten“).

Vor etwa dreißig Jahren hatte Miss Maria Ward aus Huntingdon, die lediglich siebentausend Pfund besaß, das große Glück, Sir Thomas Bertram von Mansfield Park in der Grafschaft Northampton für sich zu gewinnen und dadurch in den Stand der Gattin eines Barons mit all den Annehmlichkeiten und dem gesellschaftlichen Gewicht eines schönen Hauses und eines hohen Einkommens aufzusteigen. (Jane Austen, „Mansfield Park”)

Es ist eine weltweit anerkannte Wahrheit, dass ein allein stehender Mann, der im Besitz eines ordentlichen Vermögens ist, nach nichts so sehr Verlangen haben muss wie nach einem Weibe.
Jane Austen, ”Stolz und Vorurteil“)

Alle dachten, er sei tot. Als 1988 mein Buch über seine Filme erschien, hatte man von Hector Mann seit fast sechzig Jahren nichts mehr gehört. (Paul Auster, „Das Buch der Illusionen”)

Ich suchte nach einem ruhigen Ort zum Sterben. Jemand empfahl mir Brooklyn, und so brach ich am nächsten Morgen von Westchester aus auf, um das Terrain zu sondieren. (Paul Auster, „Die Brooklyn Revue”)

An einem Tag ist noch das Leben da. Zum Beispiel ein Mann, bei bester Gesundheit, nicht einmal alt, nie krank gewesen. Alles ist, wie es war, wie es immer sein wird. (Paul Auster, „Die Erfindung der Einsamkeit”)

Ein ganzes Jahr lang war er nur kreuz und quer durch Amerika gefahren, während er darauf wartete, daß ihm das Geld ausginge. (Paul Auster, „Die Musik des Zufalls”)

Dies sind die letzten Dinge, schrieb sie. Eins nach dem anderen verschwinden sie und kommen nie zurück. (Paul Auster, „Im Land der letzten Dinge”)

Vor sechs Tagen hat sich im nördlichen Wisconsin ein Mann am Rande einer Straße in die Luft gesprengt. (Paul Auster, „Leviathan”)

Allein im Dunkel wälze ich die Welt in meinem Kopf, durchlebe den nächsten Kampf mit meiner Schlaflosigkeit, die nächste weiße Nacht in der großen amerikanischen Wildnis. (Paul Auster, „Mann im Dunkel”)

Es war der Sommer, in dem zum ersten Mal Menschen den Mond betraten. Ich war damals noch sehr jung, glaubte aber an keinerlei Zukunft. Ich wollte gefährlich leben, bis an meine Grenzen vordringen und sehen, was mich dort erwartete. Wie sich herausstellte, ging ich daran fast zugrunde. (Paul Auster, „Mond über Manhattan”)

Mit zwölf Jahren bin ich zum erstenmal übers Wasser gegangen. Das hat mir der Schwarzgekleidete beigebracht, und ich will nicht so tun, als hätte ich diesen Trick über Nacht gelernt. (Paul Auster, „Mr. Vertigo”)

Ich war lange Zeit krank gewesen. Als ich das Krankenhaus verlassen durfte, konnte ich kaum noch gehen, konnte mich kaum noch daran erinnern, wer ich eigentlich war. (Paul Auster, „Nacht des Orakels”)

Der alte Mann sitzt auf der schmalen Kante des Betts, die Hände gespreizt auf den Knien, den Kopf gesenkt, und starrt den Boden an. (Paul Auster, „Reise im Skriptorium”)

Zunächst ist Blue da. Später kommt White und dann Black, und vor dem Anfang kommt Brown. (Paul Auster, „Schlagschatten”)

Mit einer falschen Nummer fing es an, mitten in der Nacht läutete das Telefon dreimal, und die Stimme am anderen Ende fragte nach jemandem, der er nicht war. (Paul Auster, „Stadt aus Glas”)

Mr. Bones wußte, daß Willys Tage auf dieser Welt gezählt waren. (Paul Auster, „Timbuktu”)

Weitere erste Sätze siehe http://juttas-schreibblog.blogspot.com/search/label/Erste%20S%C3%A4tze und http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2007/06/nicht-jeder-anfang-ist-schwer-i.html

Montag, 20. April 2009

Noch mehr erste Sätze VIII.

Man konnte an jenem Tage unmöglich spazierengehen. Wir hatten zwar am Vormittag eine Stunde das kahle Gebüsch durchstreift, aber seit dem Mittagessen - wenn keine Gäste da waren, pflegte Mrs. Reed zeitig zu speisen - waren mit dem kalten Winterwind so schwere Wolken heraufgezogen, und es regnete so heftig, daß jeder Aufenthalt im Freien ausgeschlossen war.“ (Charlotte Bronte, Jane Eyre)

Meine erste Erinnerung ist, daß ich unter etwas war. Es war ein Tisch, ich sah ein Tischbein, die Beine von Menschen und ein Stück herabhängendes Tischtuch. Es war dämmrig unter dem Tisch, und es gefiel mir dort. Es muß noch in Deutschland gewesen sein, ungefähr im Sommer 1922, als ich knapp zwei Jahre alt war.“ (Charles Bukowski, Das Schlimmste kommt noch)

Vorzeiten war ein Schneider, der drei Söhne hatte und nur eine einzige Ziege. Aber die Ziege, weil sie alle zusammen mit ihrer Milch ernährte, mußte ihr gutes Futter haben und täglich hinaus auf die Weide geführt werden. Die Söhne taten das auch nach der Reihe. ( Jacob und Wilhelm Grimm, Tischleindeckdich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack)

In der Straße St.Honore war das kleine Haus gelegen, welches Magdaleine de Scuderi, bekannt durch ihre anmutigen Verse, durch die Gunst Ludwig des XIV. und der Maintenon, bewohnte. (E.T.A. Hoffmann, Das Fräulein von Scuderi)

Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus,
Ihn, der entbrannt den Achaiern unnennbaren Jammer erregte,
Und viele tapfere Seelen der Heldensöhne zum Ais
Sendete, aber sie selbst zum Raub darstellte den Hunden,
Und dem Gevögel umher. So war Zeus Wille vollendet.
(Homer, Ilias)

Im September 1828 verließ der größte Mathematiker des Landes zum erstenmal seit Jahren seine Heimatstadt, um am Deutschen Naturforscherkongress in Berlin teilzunehmen. (Kehlmann, Die Vermessung der Welt)

„Soll ich mit der Suppe reingehen“ sage ich.
„Ja, in Jesu Namen“, antwortete die schwerhörige Köchin, eine der größten Sünderinnen von heute; sie hat einen Öldruck vom Heiland über den Abwaschtisch aus rostfreien Stahl aufgehängt. (Halldor Laxness, Atomstation)

Immer fällt mir, wenn ich an den Indianer denke, der Türke ein. (Karl May, Winnetou I)* (Ach ja jwm)

Mr und Mrs. Dursley im Ligusterweg Nummer 4 waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein, sehr stolz sogar. (Rowling, Harry Potter und der Stein der Weisen)

In Westfalen, im Schlosse des Barons zu Thunder-ten-tronckh, lebte ein Jüngling, der von Natur sehr sanftmütig geartet war. Sein Antlitz war seiner Seele Spiegel. (Voltaire, Candide oder Der Optimismus)

*Der Anfangssatz ist tatsächlich zu kurz (Danke, Fabelhaft). Vollständig lautet er:
Immer fällt mir, wenn ich an den Indianer denke, der Türke ein; dies hat, so sonderbar es erscheinen mag, doch seine Berechtigung. Mag es zwischen beiden noch so wenig Punkte des Vergleichs geben, sie sind einander ähnlich in dem einen, daß man mit ihnen, allerdings mit dem Einen weniger als mit dem Andern, abgeschlossen hat: Man spricht von dem Türken kaum anders als von dem "kranken Mann", während Jeder, der die Verhältnisse kennt, den Indianer als den "sterbenden Mann" bezeichnen muß.

Weitere erste Sätze siehe http://juttas-schreibblog.blogspot.com/search/label/Erste%20S%C3%A4tze und http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2007/06/nicht-jeder-anfang-ist-schwer-i.html

Der längste erste Satz eines Romans (Erste Sätze VII)

Vor dem von Doppelsäulchen getragenen Rundbogen des Klostereingangs von Mariabronn, dicht am Wege, stand ein Kastanienbaum, ein vereinzelter Sohn des Südens, von einem Rompilger vor Zeiten mitgebracht, eine Edelkastanie mit starkem Stamm; zärtlich hing ihre runde Krone über den Weg, atmete breitbrüstig im Winde, ließ im Frühling, wenn alles ringsum schon grün war und selbst die Klosternussbäume schon ihr rötliches Junglaub trugen, noch lange auf ihre Blätter warten, trieb dann um die Zeit der kürzesten Nächte aus den Blattbüscheln die matten, weißgrünen Strahlen ihrer fremdartigen Blüten empor, die so mahnend und beklemmend herbkräftig rochen, und ließ im Oktober, wenn Obst und Wein schon geerntet war, aus der gilbenden Krone im Herbstwind die stacheligen Früchte fallen, die nicht in jedem Jahr reif wurden, um welche die Klosterbuben sich balgten und die der aus dem Welschland stammende Subprior Gregor in seiner Stube im Kaminfeuer briet. (Hesse, Narziß und Goldmund)

(Wer noch einen einzigen Anfangssatz in dieser Länge kennt, möge mir schreiben. jmw)

Berichtigung: Dieser Anfangssatz ist noch länger (Erste Sätze VI)

Nach einer anfänglich leichten, durch Verschleppung und Verschlampung aber plötzlich zu einer schwerer gewordenen Lungenentzündung, die meinen ganzen Körper in Mitleidenschaft gezogen und die mich nicht weniger als drei Monate in dem bei meinem Heimatort gelegenen, auf dem Gebiete der sogenannten inneren Krankheiten berühmter Welser Spital, festgehalten hatte, war ich, nicht Ende Oktober, wie mir von den Ärzten angeraten, sondern schon Anfang Oktober, wie ich unbedingt wollte und in sogenannter Eigenverantwortung, einer Einladung des sogenannten Tierpräparators Höller im Aurachtal Folge leistend, gleich in das Aurachtal und in das Höllerhaus, ohne Umweg nach Stocket zu meinen Eltern, gleich in die sogenannte höllersche Dachkammer, um den mir nach dem Selbstmord meines Freundes Roithamer, der auch mit dem Tierpräparator Höller befreundet gewesen war, durch eine sogenannte letztwillige Verfügung zugefallenen, aus Tausenden von Roithamer beschriebenen Zetteln, aber auch aus dem umfangreichen Manuskript mit dem Titel Über Altensam und alles, das mit Altensam zusammenhängt, unter besonderer Berücksichtigung des Kegels zusammengesetzten Nachlaß zu sichten, möglicherweise auch gleich zu ordnen. (Thomas Bernhard, Korrektur)

Das sind 162 Wörter, Hesse brachte es nur auf 143

Sonntag, 12. April 2009

Und noch mehr erste Sätze V.

Alles ist vorläufig: die Liebe, die Kunst, der Planet Erde, Sie, ich. Der Tod ist so unabwendbar, dass er jeden überrascht. (Frederic Beigbeder, 39,90)

Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiß es nicht. (Albert Camus, Der Fremde)

Über dem Karren, der auf einer steinigen Straße entlangfuhr, zogen große, dichte Wolken in der Abenddämmerung gen Osten. (Albert Camus, Der erste Mensch)

Vor dem von Doppelsäulchen getragenen Rundbogen des Klostereinganges von Mariabronn, dicht am Wege, stand ein Kastanienbaum, ein vereinzelter Sohn des Südens, von einem Rompilger vor Zeiten mitgebracht, eine Edelkastanie mit starkem Stamm; zärtlich hing ihre runde Krone über den Weg, atmete breitbrüstig im Winde, ließ im Frühling, wenn alles ringsum schon grün war und selbst die Klosterbäume schon ihr rötliches Junglaub trugen, noch lange auf ihre Blätter warten, trieb dann um die Zeit der kürzesten Nächte aus den Blattbüscheln die matten, weißgrünen Strahlen ihrer fremdartigen Blüten empor, die so mahnend und beklemmend herbkräftig rochen, und ließ im Oktober, wenn Obst und Wein schon geerntet war, aus der gilbenden Krone im Herbstwind die stacheligen Früchte fallen, die nicht in jedem Jahr reif wurden, um welche die Klosterbuben sich balgten und die der aus dem Welschland stammende Subprior Gregor in seiner Stube im Kaminfeuer briet. ( Hermann Hesse, Narziss und Goldmund)

Heute war ich nicht in der Schule. Das heißt doch, ich war da, aber nur, um mir vom Klassenlehrer freigeben zu lassen. Ich habe ihm das Schreiben meines Vaters überbracht, in dem er wegen "familiärer Gründe" um meine Freistellung nachsucht. Der Lehrer hat gefragt, was das für familiäre Gründe seien. Ich habe gesagt, mein Vater sei zum Arbeitsdienst einberufen worden; da hat er weiter keine Schwierigkeiten gemacht. (Imre Kertész, Roman eines Schicksallosen)

Es war unvermeidbar: Der Geruch von bitteren Mandeln ließ ihn stets an das Schicksal verhinderter Liebe denken. (Gabriel García Márquez, Liebe in Zeiten der Cholera)

Er war nicht mein Vater und nicht meine Mutter, weshalb öffnete er mir dann ihre Haustür, erfüllte mit seinem Körper den schmalen Eingang, die Hand auf der Türklinke, ich begann zurückzuweichen, schaute nach, ob ich mich vielleicht im Stockwerk geirrt hatte, aber das Namensschild beharrte hartnäckig darauf, daß dies ihre Wohnung war, wenigstens war es ihre Wohnung gewesen, und mit leiser Stimme fragte ich, was ist mit meinen Eltern passiert, und er öffnete weit seinen großen Mund, nichts ist ihnen passiert, Ja'ara, mein Name rutschte aus seinem Mund wie ein Fisch aus dem Netz, und ich stürzte in die Wohnung, mein Arm streifte seinen kühlen glatten Arm, ich ging an dem leeren Wohnzimmer vorbei, öffnete die verschlossene Tür ihres Schlafzimmers. (Zeruya Shalev, Liebesleben)

Cannery Row ist mehr als nur eine Straße, es ist die Gegend der Ölsardinen und Konservenbüchsen, ist ein Gestank und ein Gedicht, ein Knirschen und Knarren, ein Leuchten und Tönen, ist eine schlechte Angewohnheit, mein Traum. Cannery Row - in Monterey, Kalifornien, zusammen – und auseinandergeschleudert – besteht aus Alteisen, Blech, Rost, Hobelspänen, aufgerissenem Pflaster, Baustellen von Unkraut und Kehrichthaufen, aus Fischkonservenfabriken in Wellblechschuppen, aus Wirtschaften, Hurenhäusern, Chinesenhütten, Laboratorien, Läden voll Kram, aus Lagerhäusern und faulen Fischen. Die Einwohner? Huren, Hurensöhne, Kuppler, Streuner und Spieler, mit einem Wort: Menschen; man könnte mit gleichem Respekt sagen: Heilige, Engel, Gläubige, Märtyrer - es kommt nur auf den Standpunkt an. (John Steinbeck, Die Straße der Ölsardinen)

Mein Vater starb letzten August. Das ist jetzt bald vierzig Jahre her. (Roger Willemsen, Der Knacks)

Weitere erste Sätze siehe http://juttas-schreibblog.blogspot.com/search/label/Erste%20S%C3%A4tze und http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2007/06/nicht-jeder-anfang-ist-schwer-i.html

Dienstag, 11. November 2008

Noch mehr erste Sätze IV.

Als ich sechs Jahre alt war, sah ich einmal in einem Buch über den Urwald, das "Erlebte Geschichten" hieß, ein prächtiges Bild. Es stellte eine Riesenschlange dar, wie sie ein Wildtier verschlang. (Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz)

… schließlich und endlich mußte doch irgendwann irgend etwas aus null und nichts entstanden sein … (Jostein Gaarder, Sofies Welt)

Es waren Robs letzte, ruhige Augenblicke seliger Unwissenheit, doch in seiner Einfalt empfand er es als unbillig, dass er mit seinen Brüdern und seiner Schwester zu Hause bleiben musste. (Noah Gordon, Der Medicus)

Man weiß nie, wann das Schicksal zum Streich ausholen wird. (Graham Greene, Der dritte Mann)

Im Spätsommer jenes Jahres lebten wir in einem Hause in Dorfe, das über den Fluß und die Ebene bis zu den Bergen hinübersah. Im Flußbett lagen Kieselsteine und Geröll trocken und weiß in der Sonne, und in den Stromrinnen war das Wasser klar und reißend und blau. Truppen marschierten an unserm Haus vorbei und die Straße herunter, und der Staub, der von ihnen aufgewirbelt wurde, puderte die Blätter der Bäume. Auch die Stämme der Bäume waren bestaubt, und die Blätter fielen in jenem Jahr früh ab, und wir sahen die Truppen auf der Straße vorbeimarschieren und den Staub aufsteigen und die vom Wind geschüttelten Blätter abfallen und die Soldaten marschieren und die Straße nachher leer und weiß bis auf die Blätter. (Ernest Hemingway, In einem andern Land)

Ich stehe auf einem Parkplatz in Leeds, als ich meinem Mann sage, dass ich nicht länger mit ihm verheiratet sein möchte. (Nick Hornby, How to be Good)

Amerigo Bonasera saß im Verhandlungsraum des New Yorker Strafgerichts Nummer 3 und wartete auf sein Recht; auf die Bestrafung jener Männer, die seine Tochter so brutal misshandelt hatten. (Mario Puzo, Der Pate)

Im achtzehnten Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte. (Patrick Süskind, Das Parfum)

Weitere erste Sätze siehe http://juttas-schreibblog.blogspot.com/search/label/Erste%20S%C3%A4tze und http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2007/06/nicht-jeder-anfang-ist-schwer-i.html

Donnerstag, 6. November 2008

Michael Chrichton ist tot (Erste Sätze III)

Ich lese gerade das Buch Der große Eisenbahnraub von Michael Chrichton und höre mit Entsetzen, dass er im Alter von 66 Jahren an Krebs gestorben ist. Gerade in der letzten Zeit habe ich seine Bücher noch einmal gelesen, und sie gefielen mir immer besser. Seine Webseite hat seine Familie offline gestellt, denn sie bittet um Einhaltung ihrer Privatsphäre in dieser schwierigen Zeit.

Statt noch eines Nachrufes (stellvertretend dafür siehe Ö1 Inforadio) möchte ich hier zwei Auszüge aus meinem Buch Am Anfang war die Phantasie: Über die Geheimnisse der Schreibkunst (siehe http://miller-waldner.kulturserver.de/ auf der Navigationsleiste unter Am Anfang war die Phantasie) einstellen, und zwar einmal zu seiner Art zu schreiben:
CHRICHTON erzählt, dass er 1969 das Manuskript seines Romans Andromeda, in dem er von einer Art Staub aus dem All erzählt, der einen tödlichen Virus produziert, von seinem Lektor zurückerhielt mit den Worten: Das alles klingt unglaubwürdig. Da er selbst das Buch selbst zu romanhaft fand, schrieb er es noch einmal, und zwar als Reportage – als ob die Geschichte wahr wäre – und begann zu recherchieren und sich zu fragen, wie sich Menschen in einer solchen Extremsituation verhalten würden. Dafür habe er eine »nüchterne, auf das Nötigste reduzierte Sprache gewählt, wie bei einem wissenschaftlichen, leicht verständlichen Bericht. Dabei bin ich bis heute geblieben«.
und zu der Frage, ob ihm erste Sätze wichtig sind:
Nicht wirklich. Ich bewundere sie bei anderen, Edgar Allan Poe hat wunderbare erste Sätze geschrieben. Meine Texte entstehen, wenn ich Bausteine arrangiere und vereinfache, vereinfache, vereinfache. Ich möchte die Aufmerksamkeit des Lesers nicht auf das lenken, was ich tue. Ich will keinen besonderen Stil, weder beim Schreiben noch beim Regieführen. Als ich in den frühen Siebzigern anfing, Filme zu machen, kamen Leute wie Scorsese und beeindruckten mit langen Kamerafahrten. Mir sagte man immer: jeder könnte bei deinen Filmen Regie geführt haben! Ich sagte: perfekt.

Mittwoch, 22. Oktober 2008

Noch mehr erste Sätze II.

Also sie ham uns den Ferdinand erschlagen. (Jaroslav HAŠEK, Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk)

Der Schrecken, der weitere 28 Jahre kein Ende nehmen sollte – wenn er überhaupt je ein Ende nahm -, begann, soviel ich weiß und sagen kann, mit einem Boot aus Zeitungspapier, das einen vom Regen überfluteten Rinnstein entlangtrieb. (Stephen King, ES)

Die ewigen Top Five meiner unvergesslichsten Trennungen für die einsame Insel in chronologischer Reihenfolge: 1. Alison Ashworth 2. Penny Hardwick 3. Jackie Allen 4. Charlie Nicholson 5. Sarah Kendrew. (Nick HORNBY, High Fidelity)

Die Ohrfeige war so ausgiebig, daß ich volle dreizehn Jahre brauchte, um sie zu verwinden. (Henri CHARRIÈRE, Papillon)

Die Trottas waren ein junges Geschlecht. (Joseph ROTH, Radetzkymarsch)

Es friert, außerordentliche 18 Grad Celsius, und es schneit. In der Sprache, die nicht mehr meine ist, heißt der Schnee "quanik", er schichtet sich zu Stapeln, fällt in großen, fast schwerelosen Kristallen und bedeckt die Erde mit einer Schicht aus pulverisiertem, weißem Frost. (Peter HOEG, Fräulein Smillas Gespür für Schnee)

Falls Sie wirklich meine Geschichte hören wollen, so möchten Sie wahrscheinlich vor allem wissen, wo ich geboren wurde, und wie ich meine verflixte Kindheit verbrachte und was meine Eltern taten, bevor sie mit mir beschäftigt waren, und was es sonst noch an David-Copperfield-Zeug zu erzählen gäbe, aber ich habe keine Lust, das alles zu erzählen. (J. D. SALINGER, Der Fänger im Roggen)

Hamilkar Schaß, mein Großvater, ein Herrchen von, sagen wir mal, einundsiebzig Jahren, hatte sich gerade das Lesen beigebracht, als die Sache losging. (Siegfried LENZ, Der Leseteufel)

Hier fängt die Geschichte an. Sie erzählt, wie ich in den Besitz des Blutigen Buches kam und das Orm erwarb. (Walter MOERS, Die Stadt der träumenden Bücher)

Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben. (Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland)

Ja, ja, der gute Auguste le Breton ... hat er nicht gesagt, jede ordentliche Geschichte müsse mit der Geburt der Hauptfigur beginnen? In meinem Fall müßt ihr darauf verzichten. Zunächst ist gar nicht gesagt, daß ich im Mittelpunkt der Geschichte stehe. Und außerdem will ich den Leuten keinen Schrecken einjagen, die jenen Teil meines privaten Logbuchs fürchten, den ich mit Zitronensaft im Tank meines Kommunionsfüllers geschrieben habe. (Santo PIAZZESE, Die Verbrechen in der Via Medina-Sidonia)

Meine eigene Person hat mich nie sonderlich interessiert, doch das hieß nicht, daß ich auf Wunsch einfach hätte aufhören können, über mich nachzudenken – leider nicht. (Cees NOOTEBOOM, Die folgende Geschichte)

Meine gegenwärtige Inkarnation verschlechtert sich; ich glaube nicht, daß sie noch lange währt. (Michel HOUELLEBECQ, Die Möglichkeit einer Insel)

Mit zwölf Jahren bin ich zum ersten Mal über Wasser gegangen. Das hat mir der Schwarzgekleidete beigebracht, und ich will nicht so tun, als hätte ich diesen Trick über Nacht gelernt. (Paul AUSTER, Mr. Vertigo)

Pfh, die Frau, die kenne ich. Die hat immer mit einer Schar Vögel in der Lenox Avenue gewohnt. Ihren Mann kenne ich auch. (Toni MORRISON, Jazz)

Vor dem von Doppelsäulchen getragenen Rundbogen des Klostereinganges von Mariabronn, dicht am Wege, stand ein Kastanienbaum, ein vereinzelter Sohn des Südens,von einem Rompilger vor Zeiten mitgebracht, eine Edelkastanie mit starkem Stamm; zärtlich hing ihre runde Krone über den Weg, atmete breitbrüstig im Winde, ließ den Frühling, wenn alles ringsum schon grün war und selbst die Klosternußbäume schon ihr rötliches Junglaub trugen, noch lange auf ihre Blätter warten, trieb dann um die Zeit der kürzesten Nächte aus den Blattbüscheln die matten, weißgrünen Strahlen ihrer fremdartigen Blüten empor, die so mahnend und beklemmend herbkräftig rochen, und ließ im Oktober, wenn Obst und Wein schon geerntet war, aus der gilbenden Krone im Herbstwind die stacheligen Früchte fallen, die nicht in jedem Jahr reif wurden, um welche die Klosterbuben sich balgten und die der aus dem Welschland stammende Subprior Gregor in seiner Stube im Kaminfeuer briet. (Hermann HESSE, Narziß und Goldmund) (Woran man wieder einmal sieht, wie gelungen auch lange Sätze sein können, ju)

Weit draußen in den unerforschten Einöden eines total aus der Mode gekommenen Ausläufers des westlichen Spiralarms der Galaxis leuchtet unbeachtet eine kleine gelbe Sonne. (Douglas ADAMS, Per Anhalter durch die Galaxis)

Wie komme ich hierher? (Franz WERFEL, Die vierzig Tage des Musa Dagh)

Kinderbücher

Entweder mache ich mir Sorgen oder was zu essen. (Ildikó VON KÜRTHY, Blaue Wunder)

Es fiel Regen in jener Nacht, ein feiner, wispernder Regen. (Cornelia FUNKE, Tintenherz)

In der Mottengasse elf, oben unter dem Dach hinter dem siebten Balken in dem Haus, wo der alte Eisenbahnsignalvorsteher Herr Gleisenagel wohnt, steht eine sehr geheimnisvolle Kiste. (JANOSCH, Lari Fari Mogelzahn)

Weitere erste Sätze siehe http://juttas-schreibblog.blogspot.com/search/label/Erste%20S%C3%A4tze und http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2007/06/nicht-jeder-anfang-ist-schwer-i.html

Freitag, 17. Oktober 2008

Erste Sätze I


Als Beispiel für einen perfekten Beginn gelten die Anfangssätze des Zauberbergs von Thomas Mann:

Ein einfacher junger Mensch reiste im Hochsommer von Hamburg, seiner Vaterstadt, nach Davos-Platz im Graubündischen. Er fuhr auf Besuch für drei Wochen.
Von Hamburg bis dort hinauf, das ist aber eine weite Reise; zu weit eigentlich im Verhältnis zu einem so kurzen Aufenthalt. Es geht durch mehrerer Herren Länder, bergauf und bergab, von der süddeutschen Hochebene hinunter zum Gestade des Schwäbischen Meeres und zu Schiff über seine springenden Wellen hin, dahin über Schlünde, die früher für unergründlich galten. Von da an verzettelt sich die Reise …
Der Leser erfährt, wer warum wie wann wohin fuhr. Und mit den drei Wochen, die zu einem jahrelangen Aufenthalt werden – »eine weite Reise« –, in dem sein Inneres umgewandelt wird – »zu weit eigentlich« –, mit dem einfachen jungen Menschen, der durch Menschen aus »mehrerer Herren Länder« beeinflusst wird, den (seelischen) »Schlünden, die früher für unergründlich galten« und mit »von da an verzettelt sich die Reise« weist Mann auf die kommenden Ereignisse hin.“

Meisterhaft führt KLEIST im Anfang der Marquise von O… den Angelhaken die Hauptperson und den Ort und schildert das unerhörte Ereignis:

In M …, einer bedeutenden Stadt im oberen Italien, ließ die verwitwete Marquise von O …, eine Dame von vortrefflichem Ruf und Mutter von mehreren wohlerzogenen Kindern, durch die Zeitungen bekannt machen: daß sie, ohne ihr Wissen, in andre Umstände gekommen sei, daß der Vater zu dem Kinde, das sie gebären würde, sich melden solle; und daß sie, aus Familienrücksichten, entschlossen wäre, ihn zu heiraten.

Neugier weckt auch sein Anfangssatz im Erdbeben in Chili:

In St. Jago, der Hauptstadt des Königreichs Chili, stand gerade in dem Augenblicke der großen Erderschütterung vom Jahre 1647, bei welcher viele tausend Menschen ihren Untergang fanden, ein junger, auf ein Verbrechen angeklagter Spanier, namens Jeronimo Rugera, an einem Pfeiler des Gefängnisses, in welches man ihn eingesperrt hatte, und wollte sich erhenken.

Ina SEIDEL ködert uns im Wunschkind mit dem Ereignis, dem Ort, dem Datum und den Namen der Hauptfiguren:

In einem alten Familienhause am Karmeliterplatz zu Mainz saß in der Nacht vom 25. auf den 26. Juli des Jahres 1792 der preußische Premierleutnant der Infanterie Hans Adam Echter von Mespelsbrunn mit seiner Frau und seiner Mutter wachend am Bett seines schwerkranken Kindes.

HAMSUN lockt in die Mysterien mit mysteriösen Personen:

Um die Mitte des vorigen Sommers war eine kleine norwegische Küstenstadt der Schauplatz einiger höchst ungewöhnlicher Begebenheiten. Ein Fremder tauchte auf, ein gewisser Nagel, ein merkwürdiger und eigentümlicher Scharlatan, der eine Menge auffallender Dinge trieb und ebenso plötzlich wieder verschwand, wie er gekommen war. Dieser Mann erhielt sogar einmal Besuch von einer geheimnisvollen jungen Dame, die in Gott weiß welcher Angelegenheit kam und nicht wagte, sich länger als ein paar Stunden am Orte aufzuhalten.

Auch Alfred NEUMANN wirft den richtigen Köder aus. Das Ziel der Pistole wird ausgespäht und erfasst, aber erst auf Seite 170 löst sich der Schuss:

Das Haus des Revolutionsministers lag in so geringer Entfernung vom Parlament, daß der Hochverräter – wie er von Hubert Hoff und seinen Freunden genannt wurde – nur in ganz seltenen Fällen den Kraftwagen zu benutzen pflegte. Das wußte man. Man kannte auch die Stunde, in der er, begleitet von seinem verwachsenen und scheuen Sekretär, im Hauptportal des barocken Baus auftauchte, kurzbeinig und fest die Allee zum Parktor durcheilte, vor den beiden salutierenden Matrosenposten höflich und etwas lächerlich den Hut zog und immer den gleichen Zehnminutenweg wählte. Man hatte sich sehr große Mühe gegeben, jede Sekunde dieses wichtigen Stundensplitters auf ihre Eignung zu untersuchen. Man wußte jetzt Bescheid und kannte den gültigen Augenblick. Man kannte sogar – und es schauderte vor solchem Weitblick keinem – das Stück des Bürgersteigs, das unter die erwählte Spanne Zeit zu liegen kam (auf das der Blitz einschlagen wird, formulierte Hoff): fünfzehn gute Meter zwischen einem Gully und der Bordschwelle einer stillen Querstraße. (Der Held)

BÜCHNER nennt im Anfang von Lenz alles Wichtige und weist mit dem Satz „Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehen konnte“ und „er hätte die Erde hinter den Ofen setzen mögen“ auf dessen Wahnsinn hin:

Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen. Es war naßkalt; das Wasser rieselte die Felsen hinunter und sprang über den Weg. Die Äste der Tannen hingen schwer herab in die feuchte Luft. Am Himmel zogen graue Wolken, aber alles so dicht, und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träg, so plump. Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nichts am Weg, bald auf-, bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehen konnte. … Es war ihm alles so klein, so nahe, so naß, er hätte die Erde hinter den Ofen setzen mögen …

SIMMONS dagegen sagt im Anfang von Salzwasser mit zehn Wörter alles, was eine gute Geschichte ausmacht: Spannung, das besondere Ereignis und den Wendepunkt: „Im Sommer 1963 verliebte ich mich, und mein Vater ertrank.“

Das Ende im Anfang

Sie können mit einer allgemeinen Schilderung beginnen, mit einer Zugfahrt, dem Wetter oder einer Landschaft, das Besondere des Textes muss jedoch darin enthalten sein. Legen Sie eine Spur, doch so subtil, dass der Leser sie nicht merkt: Bereiten Sie im Anfang den Schluss vor.

UPDIKE deutet in Rabitt in Ruhe den Tod der Hauptfigur an:

Harry Armstrong steht inmitten der braungebrannten, aufgeregten nachweihnachtlichen Menschenmenge im Southwest Florida Regional Airport und hat ganz plötzlich das eigenartige Gefühl, daß das, was da auf ihn zukommt, was da ungesehen einherschwebt und gleich landen wird, nicht sein Sohn Nelson mit Ehefrau Pru und den beiden Kindern ist, sondern etwas Schicksalhaftes, etwas viel Persönlicheres: sein Tod, in Gestalt eines Flugzeugs,

ebenso HEMINGWAY in Vier Männer und ein Pokerspiel:

Sie saßen auf Korbstühlen in Havanna und vergaßen die Welt. Wenn es ihnen zu heiß wurde, tranken sie Eiswasser, abends tanzten sie Boston im Atlantic-Hotel. Sie hatten alle vier Geld.
In den Zeitungen stand über sie, daß sie große Leute wären. Wenn sie es dreimal gelesen hatten, warfen sie die Zeitungen ins Meer. Oder sie hielten die Zeitung mit zwei Händen fest und durchbohrten sie mit der Schuhspitze. Drei von ihnen hatten vor zehntausend Menschen Rekorde geschwommen, der vierte die zehntausend auf die Beine gebracht. Als sie ihre Gegner geschlagen und die Zeitungen gelesen hatten, schifften sie sich ein. Mit gutem Geld kehrten sie zurück nach New York.
Diese Geschichte könnte man eigentlich nur unter Jazzbegleitung richtig erzählen. Sie ist von A bis Z poetisch. Sie fängt an mit Zigarrenrauch und Gelächter und endet mit einem Todesfall,

MAILER in Die Nackten und die Toten:

Niemand vermochte zu schlafen. In der Morgendämmerung würde das kleine Transportschiff seine Fahrt verlangsamen, die erste Woge der Truppen würde durch die Brandung dringen und entlang der Küste von Anopopei angreifen. Jedermann auf dem Schiff, jeder im Schiffsverband wußte, daß einige von ihnen in den nächsten Stunden zu sterben hätten,

und Graham GREENE in Am Abgrund des Lebens:

Er war noch keine drei Stunden in Brighton gewesen, da wußte Hale, daß sie ihn ermorden wollten.

Dreißig Zeilen oder dreißig Wörter?

Sie kennen sicher die Romane, in die Sie sich einlesen müssen, bei denen Sie erst nach vielen Seiten in das Buch einsteigen. Meist überlesen Sie diese Seiten stellen das Buch entnervt in den Bücherschrank. Da Sie nicht möchten, dass das auch mit Ihrem Werk geschieht (schließlich wäre es schade um die vielen mühevoll und mit großen Entbehrungen geschriebenen Seiten), reden Sie von Anfang an nicht drumherum, sondern von der Sache selbst.

Beim folgenden Anfang wissen wir sofort, worum es FRISCH geht, um die Identität: „Ich bin nicht Stiller! – Tag für Tag, seit meiner Einlieferung in das Gefängnis, das noch zu beschreiben sein wird, sage ich es, schwöre ich es und fordere Whiskey, ansonst ich jede weitere Aussage verweigere.“ (Stiller)

HAMSUN beginnt manche seiner Werke so direkt, dass Titel und Anfang fast übereinstimmen, wie in Mysterien und in Hunger: „Es war in jener Zeit, als ich in Kristiania umherging und hungerte, in dieser seltsamen Stadt, die keiner verläßt, ehe er von ihr gezeichnet worden ist.“

Auch Annette VON DROSTE-HÜLSHOFF hält sich in der Judenbuche nicht lange mit der Vorrede auf: „Friedrich Mergel, geboren 1738, war der einzige Sohn eines sorgenvollen Halbmeiers oder Grundeigentümers geringerer Klasse im Dorfe B.“

Ebenso Ricarda HUCH in Wonnebald Pück:

Über Berge, auf denen der Schnee noch nicht geschmolzen war, ging Lux Bernkule, ein junges verwitwetes Weib, mit ihren zwei Kindern, dem zehnjährigen Brun und der kaum dreijährigen Lisutt, nach dem jenseitigen Orte Klus, der ihre Heimat werden sollte.

Mit einem Dialog springt Thomas MANN in den Buddenbrooks in die Geschichte:

“Was ist das. – Was – ist das …“ „Je, den Düwel ook, c’est la question, ma très chère demoiselle!“ Die Konsulin Buddenbrook, neben ihrer Schwiegermutter auf dem geradlinigen, weißlackierten und mit einem goldenen Löwenkopf verzierten Sofa, dessen Polster hellgelb überzogen waren, warf einen Blick auf ihren Gatten, der in einem Armsessel bei ihr saß, und kam ihrer kleinen Tochter zu Hilfe, die der Großvater am Fenster auf den Knieen hielt.

Und mit den Gedanken seiner Figur beginnt SCHNITZLER in Die Toten schweigen:

Es ist sonderbar, dachte Franz, wie man sich hier, hundert Schritt von der Praterstraße, in irgendeine ungarische Kleinstadt versetzt glauben kann. Immerhin – sicher dürfte man hier wenigstens sein; hier wird sie keinen ihrer gefürchteten Bekannten treffen.

Fallen Sie nicht mit der Tür ins Haus

Wie lang ist ein Anfang? Er kann einen Absatz, eine Seite oder auch zwei Seiten betragen. Der dichte Anfang gilt als vorteilhafter, weil eine gemächliche Charaktereinführung den Leser ermüden könnte. Oft ist aber günstiger, mit dem Allgemeinen zu beginnen und die Hauptfigur langsam näher zu bringen, sie heranzuzoomen. Auf diese Weise kann der Autor auch erklärende Passagen wie das Aussehen der Figuren, den Ort und die Zeit einführen, ohne dass er zu Rückblenden greifen muss.

POE beginnt im Mann in der Menge mit dem Allgemeinen, einer Straße, „einer der Hauptadern“ Londons, und entdeckt im „Auf- und Abwogen der tausendköpfigen Menge“ das Besondere: sein Individuum:

Außer all diesen Menschen sah ich noch Kuchenverkäufer, Packträger, Kaminfeger Kohlenträger, Orgeldreher, Affenführer, Bänkelsänger, ärmliche, fast zerlumpte Künstler, erschöpfte Arbeiter. Diese alle strömten mit einer lärmenden Geschäftigkeit vorüber, die mit wirren Mißtönen in mein Ohr summte und von der mich mein Auge bald schmerzte.
Doch steigerte sich mit zunehmender Dunkelheit mein Interesse an all diesen Szenen immer mehr. Nicht nur der allgemeine Charakter der Menge nahm alsbald eine andere Gestalt an, weil der bessere Teil der Bevölkerung sich langsam in die Wohnungen zurückzog und nun der rohere noch kühner hervortrat, sich zu dieser vorgerückten Stunde jedes Laster aus seiner Höhle hervorwagte auch die Strahlen der Gaslaternen, die matt erschienen waren, als sie sich zuerst noch mit dem sterbenden Tageslichte vermischten, gaben jetzt dem Bilde ein anderes, neues Aussehen und überfluteten die Straße mit blendendem Licht, so daß alles dunkel und doch von Strahlen wie übergossen war.
Diese phantastische Beleuchtung regte mich wieder zur Betrachtung der einzelnen Gesichter an, und wenn die Geschwindigkeit, mit der die Personen an dem Lichtscheine meines Fensters vorüberglitten, es auch unmöglich machte, mehr als einen flüchtigen Blick auf einen Vorübergehenden zu werfen, so war’s mir doch, als könne ich in meinem seltsam hellseherisch gesteigerten Zustande auch in diesem kurzen Augenblick die Geschichte langer, langer Jahre lesen.
So studierte ich also, die Stirn an die dunstige Fensterscheibe gedrückt, die vorüberhastende Menge, als mich plötzlich ein Gesicht bannte, das da draußen auftauchte – ein Gesicht von sonderbar stark ausgeprägtem, vielfältigem Ausdruck – ein Gesicht, das einem alten, hinfälligen Manne von fünfundsechzig oder siebzig Jahren angehörte.

Wie eine Kamerafrau beginnt auch Doris LESSING den Roman Und wieder die Liebe: Sie richtet die Kamera zuerst auf die Umgebung und zoomt dann die Heldin langsam heran. Sie schildert zuerst, wie sie lebt und wie sie aussieht, bevor sie den Namen nennt. Die Anfangssätze weisen auf die Hauptfigur hin, auf den Schauplatz – ein Theater – und auf das besondere Ereignis: Sarah wird sich verlieben.

Auf den ersten Blick hätte man es für eine Rumpelkammer halten können, …, aber dann bewegte sich ein Schatten, eine Gestalt tauchte auf, um Vorhänge zurückzuziehen und Fenster aufzureißen. Es war eine Frau, die rasch auf eine Tür zuging und dahinter verschwand, ohne sie zu schließen. Und nun sah man, daß der Raum übervoll war. An einer Wand standen alle möglichen Zeugen des technischen Fortschritts (…), doch abgesehen davon hätte es sich ebensogut um einen Theaterfundus handeln können, denn neben der überlebensgroßen, goldenen Büste irgendeiner Römerin gab es Masken, einen purpurroten Samtvorhang, Theaterplakate und Stapel mit Notenblättern oder vielmehr Fotokopien, die die vergilbten und allmählich auseinanderfallenden Originale getreulich wiedergaben. …
Keine junge Frau, wie man aufgrund ihrer kraftvollen Bewegungen leicht hätte meinen können, solange man sie nur undeutlich im Dunkeln sah …
Die Frau war lebhaft und voller Energie, aber der Anblick, der sich ihr bot, schien ihr nicht zu behagen. Doch sie schüttelte ihr Mißfallen ab, ging zu ihrem Computer, setzte sich hin und schaltete ein Tonband ein.

Die Frau saß da, die Finger startbereit auf den Tasten, und ihr war bewußt, daß sie sich dieser Schwester aus vergangenen Zeiten überlegen fühlte, um nicht zu sagen, sie verachtete. Diese Erkenntnis gefiel ihr gar nicht. Wurde sie etwa intolerant?
Gestern hatte Mary aus dem Theater angerufen und erzählt, daß Patrick völlig durcheinander sei, weil er sich wieder mal verliebt habe, und sie hatte darauf mit einer bissigen Bemerkung reagiert.
»Ach komm schon, Sarah«, hatte Mary sie zurechtgewiesen.

Viele Schriftsteller benennen im ersten Satz die Hauptfigur
„Scarlett O’Hara war nicht eigentlich schön zu nennen.” (Margaret MITCHELL, Vom Winde verweht)
„Ilsebill salzte nach.” (GRASS, Der Butt)
„Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen.” (Uwe JOHNSON, Mutmaßungen über Jakob)
„Ich lernte Dean kennen, nicht lange nachdem meine Frau und ich uns getrennt hatten.” (KEROUAC, Unterwegs)
„Fjodorowitsch Karamasow war der dritte Sohn des Gutsbesitzers aus unserem Landkreis, Fjodor Pawlowitsch Karamasow, der seinerseits wegen seines tragischen und dunklen Endes, das sich vor genau dreizehn Jahren zutrug und worüber ich an gehöriger Stelle berichten werde, allgemein bekannt war (und dessen man sich bei uns auch heute noch erinnert).” (DOSTOJEWSKI, Die Brüder Karamasow)
„Das Schauspiel dauerte sehr lange. Die alte Barbara trat einigemal ans Fenster und horchte, ob die Kutschen nicht rasseln wollten. Sie erwartete Marianen, ihre schöne Gebieterin, die heute im Nachspiele, als junger Offizier gekleidet, das Publikum entzückte, mit größerer Ungeduld als sonst, wenn sie ihr nur ein mäßiges Abendessen vorzusetzen hatte.” (GOETHE, Wilhelm Meisters Lehrjahre)

In manchen Anfängen kommt der Autor selbst zu Wort
„Lange Zeit bin ich früh aufgestanden.” (PROUST, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit)
„Es gibt Dinge, die man fünfzig Jahre weiß, und im einundfünfzigsten erstaunt man über die Schwere und Furchtbarkeit ihres Inhalts.” (STIFTER, Die Sonnenfinsternis am 8. Juli 1842)
„Dies ist eines der seltsamsten, süßesten und gefährlichsten Kapitel aus der Geschichte meiner Kindheit, der Kindheit eines leidenschaftlichen, verträumten, dem Glauben und der Magie ergebenen kleinen Mädchens, das schon in seiner Lebensfrühe so schwere Worte wie Schicksal, Jude, Sakrament und Tod begriff.” (Luise RINSER, David)
„Ich habe oft versucht, mich mit der Gestalt meiner Mutter und der Gestalt meines Vaters auseinanderzusetzen, peilend zwischen Aufruhr und Unterwerfung.” (Peter WEISS, Abschied von den Eltern)
„Obwohl ich ein alter Mann bin, ist die Nacht meine liebste Zeit zum Spazierengehen.” (DICKENS, Raritäten-Laden)
„In einer gewissen Stadt, die ich aus mancherlei Gründen vorsichtshalber nicht nennen will und der ich auch keinen erdichteten Namen beilegen will, befindet sich unter anderen öffentlichen Gebäuden eines, das von alters her in den meisten Städten, seien sie nun groß oder klein, allgemein üblich ist: nämlich ein Armenhaus.” (DICKENS, Oliver Twist)
„In den letzten Tagen dachte ich an des Nordlandsommers ewigen Tag. Ich sitze hier und denke an ihn und an eine Hütte, in der ich wohnte, und an den Wald hinter der Hütte, und ich mache mich daran, einiges niederzuschreiben, um die Zeit zu verkürzen.” (HAMSUN, Pan)
„An einem Orte der Mancha, an dessen Namen ich mich nicht erinnern will, lebte vor nicht langer Zeit ein Hidalgo, einer von jenen, die einen Speer im Lanzengestell, eine alte Tartsche, einen hagern Gaul und einen Windhund zum Jagen haben.” (CERVANTES, Don Quijote)
„Das Buch handelt weitgehend von Hobbits, und aus seinen Seiten kann ein Leser viel über ihren Charakter und ein wenig über ihre Geschichte erfahren.” (TOLKIEN, Herr der Ringe)
„Dieses Buch enthält die uns gebliebenen Aufzeichnungen jenes Mannes, welchen wir mit einem Ausdruck, den er selbst mehrmals gebrauchte, den „Steppenwolf” nannten.” (HESSE, Vom Steppenwolf)
„Es wäre vielleicht dramaturgisch überaus wirkungsvoll, wenn ich meine Geschichte in dem Moment beginnen ließe, als mich Arnold Baffin anrief und sagte: „Bradley, kannst du bitte mal herüberkommen? Ich glaube, ich habe eben meine Frau umgebracht.” (Iris MURDOCH, Der schwarze Prinz)

Immer gut: das Wetter

Wenn sie nichts zu schreiben haben, dann schreiben sie eben vom Wetter.
Das sollten sie aber endlich bleiben lassen.
TOLSTOI

„Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Rußland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen.” (MUSIL, Der Mann ohne Eigenschaften)
„Bei 33 Grad im Schatten lag der Boulevard Bourdon vollständig verlassen da.” (FLAUBERT, Bouvard und Pécuchet)
„Schwül und dunstig lag der heiße Nachmittag über dem Bergwald.” (GANGHOFER, Schloß Hubertus)
„Die Sonne tauchte blutrot, winzig und vergrämt aus den Nebeln.” (Joseph ROTH, Die hundert Tage)
„Die Sonne schien, da sie keine Wahl hatte, auf nichts Neues.” (BECKETT, Murphy)
„Das Mittelmeer hat eine sonnenhafte Tragik, die so ganz anders ist als das Tragische der Nebel.” (CAMUS, Helenas Exil)
„Seit fünf Tagen regnete es unaufhörlich über Algier, sogar das Meer wurde naß.” (CAMUS, Heimkehr nach Tipasa)
„Der Irrsinn einer herbstlichen Prärie-Kaltfront, näher kommend. Es war deutlich zu spüren: Etwas Furchtbares würde geschehen.” (FRANZEN, Die Korrekturen)
„Er ertrug es nicht länger, ruhig im Wagen zu sitzen; er stieg aus und ging auf und ab. Es war schon dunkel; die wenigen Laternenlichter in dieser stillen, abseits liegenden Straße flackerten, vom Winde bewegt, hin und her. Es hatte aufgehört zu regnen; die Trottoirs waren beinahe trocken; aber die ungepflasterten Fahrstraßen waren noch feucht, und an einzelnen Stellen hatten sich kleine Tümpel gebildet.Hu! Es ist hier gar nicht heimisch, ein jeder Federstrich hallt wider, wenn der Sturm eine Pause macht.” (BRENTANO, Godwi oder Das steinerne Bild der Mutter)
„Der Orkan, das war ein Vogelschwarm hoch oben in der Nacht; ein weißer Schwarm, der rauschend näherkam und plötzlich nur noch die Krone einer ungeheuren Welle war, die auf das Schiff zusprang.” (RANSMAYR, Die letzte Welt)
„Der Januarsturm fegte von Westen her durch den Kanal, er orgelte in der Takelage und jagte immer wieder schwarze Regenböen vor sich her.” (FORESTER, Fähnrich Hornblower)

Manche Schriftsteller nennen Zeitangaben
„Jahrhundertelang haben Habsburg und Bourbon auf Dutzenden deutscher, italienischer, flandrischer Schlachtfelder um die Vorherrschaft Europas gerungen; endlich sind sie müde, alle beide.” (Stefan ZWEIG, Marie Antoinette)
„Am Freitag, dem 20. Juli 1714, um die Mittagsstunde, riß die schönste Brücke in ganz Peru und stürzte fünf Reisende hinunter in den Abgrund.” (Thorton WILDER, Die Brücke von San Luis Rey)
„Der Winter des Jahres 1788 war so streng, daß die Schindelnägel auf den Dächern krachten, die armen Vögel im Schlaf von den Bäumen fielen und Rehe, Hasen und Wölfe ganz verwirrt bis in die Dörfer flüchteten.” (EICHENDORFF, Autobiografie)
„An einem Junimorgen des Jahres 1872 schlug ich meinen Vater tot – eine Tat, die damals tiefen Eindruck auf mich machte.” (Ambrose BIERCE, An Imperfect Conflagration)
„Während des Sezessionskrieges wurde in Baltimore von alten Soldaten ein Club gegründet, der in kurzer Zeit großen Einfluß gewann. Es ist bekannt, daß sich auch der militärische Instinkt bei den Amerikanern, diesem Reeder-, Kaufmanns- und Techniker-Volk, kräftig entwickelt hat, und daß sie in kurzer Zeit von den Kriegskünstlern der alten Welt gelernt hatten: man siegt am besten, wenn man reichlich Kugel-, Dollar- und Menschenmaterial bereitstellt.” (VERNE, Die Reise zum Mond)
„Im vorigen Jahr, am Abend des zweiundzwanzigsten März, erlebte ich etwas sehr Seltsames.” (DOSTOJEWSKI, Erniedrigte und Beleidigte)

oder beginnen mit einem Ort

„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.” (Bibel, Gen 1, 2)
„In einem der Hauskolosse der Gorochowaja, dessen Bevölkerung für eine ganze Kreisstadt gereicht hätte, rekelte sich eines Morgens Ilja Iljitsch Oblomow, Inhaber einer eigenen Wohnung, in seinem Bette.” (GONTSCHAROW, Oblomow)
„An dem Schnittpunkte von Kurfürstendamm und Kurfürstenstraße, schräg gegenüber dem „Zoologischen”, befand sich in der Mitte der siebziger Jahre noch eine große, feldeinwärts sich erstreckende Gärtnerei.” (FONTANE, Irrungen und Wirrungen)
„Ich hatte eine Farm in Afrika am Fuße der Ngongberge. Hundert Meilen nördlich lief der Äquator durchs Hochland, aber die Farm lag in einer Höhe von über zweitausend Metern. Da spürt man tagsüber die Höhe, die Nähe der Sonne, aber die Morgenfrühe und die Abende sind klar und friedvoll, und die Nächte sind kalt.” (Tania BLIXEN, Jenseits von Afrika)
„Was man in dem kleinen Seehafen Colebrook von Kapitän Hagberd wußte, sprach nicht besonders zu seinen Gunsten.” (Joseph CONRAD, Morgen)
„Wir verließen Perekop in der gemeinsten Stimmung – hungrig wie die Wölfe und wütend auf die ganze Welt.” (GORKI, In der Steppe)
„Damals in den späten 70ern, als ich fünfzehn war, gab ich den letzten Penny, den ich auf der Bank hatte, dafür aus, in einer 747er quer über den Kontinent nach Brandon, Manitoba, tief in die kanadische Prärie zu fliegen, um Zeuge einer totalen Sonnenfinsternis zu werden.” (COUPLAND, Generation)

Sie beginnen mit einer Feststellung

Einer der berühmtesten Buchanfänge, TOLSTOIS Anna Karenina, beginnt mit einer Feststellung und weist in den folgenden Sätzen auf das unerhörte Ereignis, das Unheil, hin: “Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; jede unglückliche Familie ist auf ihre Weise unglücklich. m Hause der Oblonskijs herrschte allgemeine Verwirrung. Die Dame des Hauses hatte in Erfahrung gebracht, daß ihr Gatte mit der früheren französischen Gouvernante ein Verhältnis unterhalten hatte, und ihm erklärt, sie könne fürderhin nicht mehr mit ihm unter einem Dache bleiben.”

Auch andere Bücher beginnen mit einer Feststellung:
„Jeder bekommt die Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer.” (Heimito VON DODERER, Ein Mord, den jeder begeht)
„Der Knabe war klein, die Berge waren ungeheuer.” (Heinrich MANN, Die Jugend des Henri Quatre)
„Ja, wir sind Landstreicher auf Erden.” (HAMSUN, Das letzte Kapitel)
„Sie hätte auf ihren Liebhaber warten können.” (Graham GREENE, Ein Sohn Englands)

mit einem Gespräch oder einer Anrede
„Es ist noch nicht lange her“, begann er endlich, „da hätte ich Sie noch ebensogut führen können wie mein jüngster Sohn. Vor etwa drei Jahren indessen passierte mir etwas, was nie einem Sterblichen vorher begegnete, was jedenfalls keiner bisher überlebt hat, um davon erzählen zu können.“ (POE, Sturz in den Mahlstrom)
„Und darum eben“, schloß der Geheimrat.” (ALEXIS, Ruhe ist die erste Bürgerpflicht)
„Was ist denn mit dir los?”, fragte sie.” (BALDWIN, Des Menschen nackte Haut)
„Wir Deutschen, liebe Kitty, können ein Wirtschaftswunder machen, aber keinen Salat.“ (SIMMEL, Es muss nicht immer Kaviar sein)
„Dies also, dies ist das Leben, Michael Unger?“ (Ricarda HUCH, Michael Unger)

Mit einer Anrede beginnt auch ein Klassiker, der Jung und Alt gleichermaßen fasziniert, das zu einer Metapher für das sinnlose Jagen nach einem wie auch immer gearteten Glück geworden ist: MELVILLES sechste Erzählung Moby Dick: „Nenne mich Ismael.“

Manchmal ist der Anfang zynisch
„Ich bin ein Kind des Kindergelds und eines arbeitsfreien Tages.” (Christiane ROCHEFORT, Kinder unserer Zeit)
„Ich wurde als Kind armer, nämlich ehrlicher Menschen geboren, und bis ich 23 war, hatte ich keine Ahnung von dem Glück, das im Geld eines Andern liegen kann.” (Ambrose BIERCE, The City of the Gone Away)
„Der Umstand, daß er begraben wurde, schien Henry Armstrong kein Beweis, daß er tot sei; ihn zu überzeugen war schon immer schwer gewesen.” (Ambrose BIERCE, One Summernight)
„Am Nachmittag meines einundachtzigsten Geburtstags, als ich mit meinem Buhlknaben im Bett lag, kam Ali und sagte, der Erzbischof sei da und wolle mich sprechen.” (Anthony BURGESS, Der Fürst der Phantome)
„Sehr geehrter Herr Lampart, Sie haben meinen Mann getötet. Darüber möchte ich mit Ihnen reden.” (Fritz DINKELMANN, Das Opfer)

oder unheilschwanger
„An dem Tag, an dem Walter Van Brunt seinen rechten Fuß verlor, hatten ihn sporadisch Spukgestalten der Vergangenheit heimgesucht.” (T. C. BOYLE, Worlds End)
„Stellen Sie sich einen Mann auf dem Weg zu einem knapp dreißigsekündigen Ereignis vor – dem Verlust seiner linken Hand, noch in jungen Jahren.” (IRVING, Die vierte Hand)
„Die Leiche lag mitten im Zimmer, zwischen Tisch und Bett.” (KIRST, Die Nacht der Generale)
„Viele Jahre später sollte der Oberst Aureliano Buendía sich vor dem Erschießungskommando an jenen fernen Nachmittag erinnern, an dem sein Vater ihn mitnahm, um das Eis kennen zu lernen.” (MÁRQUEZ, Hundert Jahre Einsamkeit)
„Ich bin ein kranker Mensch … Ich bin ein schlechter Mensch. Ich besitze nichts Anziehendes..” (DOSTOJEWSKI, Aufzeichnungen aus dem Kellerloch)
„Niemand weiß, ob Jans Jansen an diesem Tag hinfiel, weil ihm schwindlig war, oder ob ihm erst schwindlig wurde, weil er hingefallen war.” (Anna SEGHER, Jans muß sterben)
„Wenn ich den Verstand verloren habe, soll’s mir auch recht sein, dachte Moses Herzog.” (BELLOW, Der Regenkönig)
„Natürlich! Nervös, ganz schauerlich nervös war ich und bin ich! Doch warum wollt ihr mich wahnsinnig nennen? Die Krankheit hatte meine Sinne geschärft, nicht sie zerstört oder abgestumpft – vor allem das Gehör. Ich hörte alles im Himmel und auf Erden. Ich hörte vieles aus der Hölle. Wieso bin ich dann wahnsinnig? Horcht.” (POE, Der Verräter)
„John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langsam, daß er keinen Ball fangen konnte.” (Sten NADOLNY, Die Entdeckung der Langsamkeit)
„Dietrich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt.” (Heinrich MANN, Der Untertan)
„Er wußte, daß die Blicke der Knaben ihn umlauerten, daß jede Blöße, die er sich gab, sein Verderben sein konnte.” (Hermann UNGAR, Die Klasse)
„Es traf ihn unvorbereitet.” (Siegfried LENZ, Der Verlust)
„Ich fühlte, daß es kommen würde.” (Jean GIONO, Der Berg der Stummen)
„Mir ist nicht geheuer, wenn ich geschlossene Türen sehe.” (Joseph HELLER, Was geschah mit Slocum)
„Er sah aus wie der Gott des Alten Testaments ohne Bart.” (DÜRRENMATT, Durcheinandertal)
„Offen gesagt: Ich werde noch schlimmer enden, als ich angefangen habe.” (CÉLINE, Von einem Schloß zum andern)
„Die dabeigewesen sind, die letzten, die ihn noch gesprochen haben, Bekannte durch Zufall, sagen, daß er an dem Abend nicht anders war als sonst, munter, nicht übermütig.” (FRISCH, Mein Name sei Gantenbein)
„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.” (KAFKA, Die Verwandlung)
„Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.” (KAFKA, Der Prozeß)

Kinder- und Jugendbücher

“In der Mottengasse elf, oben unter dem Dach hinter dem siebten Balken in dem Haus, wo der alte Eisenbahnsignalvorsteher Herr Gleisenagel wohnt, steht eine sehr geheimnisvolle Kiste.” (JANOSCH, Lari Fari Mogelzahn)
“Es war Mitternacht, und Herr Taschenbier saß auf dem Dach von Frau Rotkohls Haus” (Paul MAAR, Neue Punkte für das Sams)