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Montag, 2. Januar 2012

Einen guten Rutsch …


… wünscht man sich allenthalben zu Silvester.

Aber … woher kommt eigentlich dieser Wunsch? Sicher nicht vom Rutschen auf Glatteis ins neue Jahr oder wo immer man (aus)rutschen kann.

Die erste These ist, dass er seinen Ursprung in den Wünschen zum jüdischen Neujahrsfest Rosch haSchana (hebr: Kopf des Jahres, Anfang des Jahres) hat, zu dem sich jiddisch sprechende Juden einen „Gut Rosch“ wünschen.

Die zweite These besagt, dass er eine rotwelsche Umbildung des Neujahrswunsches „Rosch haSchana Tov“ (wörtlich „einen guten Kopf [Anfang] des Jahres“) ist.

Nach einer dritten These soll der Ausdruck auf das No’ruz-Fest (auch Newruz, Nouruz, Nowruz; von No = neu, Ruz = Tag) – das persische Frühlings- und Neujahrsfest am 21. März – zurückgehen, zu dem viele Iraner verreisen, um ihre Lieben zu besuchen.

Dazu passt die vierte These. Danach kommt der Wunsch „Guten Rutsch“ von dem früher scherzhaft und umgangssprachlich gemeinten Wort Rutschen für Reise, Fahrt. Wenn jemand verreiste, wünschten ihm die Daheimbleibenden einen „glücklichen Rutsch“ oder auch „Glöckliche Rutsch ön e Paar Parêsken (Bastschuhe) op e Weg“, „Glöckliche Rutsch ön den erschte Grawe, möt den Kopp unde, möt de Fêt bawe“, und, nun ja, auch dieses: „Glücklichen Rutsch und einen Schiefer in den Arsch“ und „Ich wünsche glückliche Rutsche, nur keinen Splitter in'n Arsch“, Redewendungen, die Karl Friedrich Wilhelm Wander Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in sein Deutsches Sprichwörter-Lexikon aufnahm (siehe http://www.zeno.org/Wander-1867/A/Rutsch)

Auch Goethe gebraucht das Wort Rutschen für Reisen oder Fahren. In seiner dramatische Grille in sechs Akten Triumph der Empfindsamkeit, deren erste Fassung 1777 erschien, lässt Goethe das Hoffräulein Sora sagen: „Hernach entstand ein Geräusche; da rutscht’ ich fort“ (http://gutenberg.spiegel.de/buch/5647/6; hier wohl im Sinne von „da machte ich mich unbemerkt davon“), und in seinem 1813 geschriebenen Gedicht Die Lustigen von Weimar schreibt er:
Donnerstag nach Belvedere,
Freitag geht's nach Jena fort;
Denn das ist, bei meiner Ehre,
Doch ein allerliebster Ort!
Samstag ists, worauf wir zielen,
Sonntag rutscht man auf das Land;
Zwätzen, Burgau, Schneidemühlen
Sind uns alle wohlbekannt.
(http://gutenberg.spiegel.de/buch/3670/258)
Aber auch woanders finden sich dafür Belege. So schrieb am 25. Mai 1808 Bettina von Arnim an Goethes Mutter: „Adieu leb Sie recht wohl. Ich werd nächstens bei Ihr angerutscht kommen.“ J. Andreas Schmeller nennt in seinem Bayerischen Wörterbuch von 1836 als Beispiel für „rutschen, im Scherz: fahren“: „An Feyertagen rutscht das lebsüchtige München gerne auf Vering oder ins Heselloh“ (S. 172). Und die Gräfin Ida Hahn-Hahn schrieb im Jahre 1841 in ihren Reisebriefen:
Eine wirkliche Reise so zu machen, find’ ich ganz unanständig für einen Menschen. (…) Die Dampfwagenerfindung, sie nivelliert und centralisiert, und das sind die beiden fixen Ideen derjenigen, welche sich Liberale nennen … (…) Für ein Geringes rutscht Greis und Kind, vornehm und gering, reich und arm, Mensch und Vieh auf dem Dampfwagen umher.“ (Zitiert nach Wolfgang Sachs: Die Liebe zum Automobil, 1990, S. 115)
Ob allerdings das Wort „Rutschen“ in dem Satz „Wer diese Reise unternehmen will, muß sich im Rutschen geübt haben“, der auch als Beispiel gilt, wirklich das Reisen bedeutet, ist unklar, wenn man den vollständigen Satz liest: „Wer diese Reise unternehmen will, muß sich im Rutschen geübt haben, und die übelriechende Luft des Abgrundes gewohnt werden, auch die Gefahr nicht achten, eingeschüttet und unter den Ruinen begraben zu werden.“ (Helfrich Peter Sturz, Schriften, 1785, S. 88f.)

Und nun noch meine fünfte These: Vielleicht bedeutet das Rutschen auch einfach nur – Gleiten, in dem Zusammenhang also ein Hinübergleiten ins neue Jahr, oder kurz und knapp „Komm gut rüber!“.

In dem Sinne – all meinen Leserinnen und Lesern alles Liebe und Gute zum neuen Jahr!

Dienstag, 9. August 2011

Über Aristoteles, Frühstückseier und den springenden Punkt


Wir sprechen vom springenden Punkt, wenn wir die Essenz, das Wesentliche, die Quiddität, wie es so schön heißt, einer Sache bezeichnen, das Wichtigste eines Gedankens, das A und O, des Pudels Kern, den Knackpunkt. Aber warum eigentlich, woher kommt diese Redewendung? Und seit wann springen Punkte?

Nun, seit Aristoteles das Wichtigste eines Vogels entdeckt hat: dessen Herz – den Ursprung des Lebens. Oder, wie es Dieter Nuhr bei Genial Daneben am 3. 5. 2003 auf die Frage, warum man vom springenden Punkt spricht, kurz und prägnant auf den Punkt brachte:
Griechen: Aristoteles: schaute in geöffnete Vogeleier und sah einen springenden Punkt; er dachte es wäre das Herz (lat. quod punctum salet).
Genau genommen spricht Aristoteles jedoch laut der allgemeingültigen Übersetzung seiner Historiai Peri zoon (Tierkunde; Historia Animalium; History of Animals) von Theodorus Gaza  aus dem fünfzehnten Jahrhundert im 6. Buch, Kap. 3, nicht vom springenden Punkt, sondern davon, dass er springt und sich bewegt wie ein Lebewesen (zu gut Deutsch der Blutfleck, den wir mit Igittigitt kommentieren, wenn wir ihn in unserem Frühstücksei entdecken; es ist auch nicht das Herz, sondern solche Punkte sind Blutgerinnsel oder Gewebeteile):
Gallinis porro tertia die ac nocte, postquam coepere incubare, indicium praestare incipiunt, At maiorum auium generi plus praetereat temporis necesse est: minori autem minus sufficit. Effertur per id tempus luteus humor ad cacumen, qua principium oui est, atque ouum detegitur ea parte, et cor quasi punctum sanguineum in candido liquore consistit: quod punctum salit iam, et mouetur, vt animal.
(Aristotelis de Historia animalium libri Nouem, Theodoro Gaza interprete. In Aristotelis Stagiritae Libri omnes. Ad animalium cognitionem attinentes. Ivntas 1550, S. 32)
Bei den Hühnern erscheint die erste Spur nach Verlauf von drei Tagen und Nächten, bei den grösseren Vögeln aber in längerer, bei den kleineren in kürzerer Frist. In dieser Zeit kommt erstens das Gelbe nach oben und nähert sich dem spitzen Ende, wo das Princip des Eies ist, und das Junge auskriecht, zweitens zeigt sich in dem Weissen ein blutrother Punkt, das Herz. Diese Punkt hüpft und bewegt sich, wodurch er sich als ein Belebtes zu erkennen giebt; …
(In Aristoteles Thierkunde: Kritisch-berichtigter Text, mit deutscher Übersetzung, sachlicher und sprachlicher Erklärung und vollständigem Index von H. Aubert und Fr. Wimmer, Bd. 2. Engelmann 1868, S. 15)
Oder, weil es so hübsch klingt, in einer Übersetzung von Konrad Forer aus dem Jahr 1669:
Wan die Hennen 3. Tag / und so viel Nächt / gebrütet habe/ so komt der Eyerdotter in den spitze theil deß Eyes ist: das Ey wird daselbst entdeckt / und stehet das Hertz als ein Bluts-Tropff im Klahren / welcher Tropff allbereit springt / und sich als ein Thier bewegt.
(Von den Hanen. Gallus gallinaceus, S. 179. In Gesneri redivivi aucti et emandati Tomus II. Oder vollkommenes Vogelbuch, darstellend eine wahrhaftige und nach dem Leben vorgerissene Abbildung aller, sowohl in den Lüfften und Klüfften, als in den Wäldern und Fäldern und sonsten auf den Wassern und daheim in den Häusern, nicht nur in Europa, sondern auch in Asia Africa America und anderen neu erfundenen Ost- und West-Indischen Inseln sich enthaltender zahmer und wilder Vögel und Feder-Viehes etc. Sammt einer umbständlichen Beschreibung ihrer äusserlichen Gestalt etc. Vormals durch den Herrn Conradum Gesnerum in Lateinischer Sprache beschrieben, und nachgehends übersetzt: anjetzo von neuem übersehen etc. durch Georgium Horstium. Frankfurt am Mayn: Serlin 1669; der Titel ist so hübsch, dass ich ihn Ihnen einfach nicht vorenthalten wollte)
During this period the yellow liquid is moving to the sharp end, where the principle of the egg is located: and the egg is uncovered in that area, and the heart appears like a speck of blood in the white liquid: and this speck still jumps and moves like a living creature.
(Englische Übersetzung siehe Conrad Gessner: Historiae animalium liber III qui est de Avium natura 1555)
Der Erste, der aus „quod punctum salit iam, et movetur, ut animal“ den springenden Punkt, den Punctum saliens, prägte, war laut William Harvey der niederländische Arzt, Anatom und Vogelkundler Volcher Coiter, der 1573 vom „Punctus saliens jam in albumine potius reperitur, quam in vitello“ geschrieben habe (siehe William Harvey: Exercitationes de generatione animalium (Übungen über die Erzeugung der Tiere; Anatomical Exercises on the Generation of Animals). Elzevirium 1651, S. 125).

Allgemein gilt aber der italienische Arzt und Naturforscher Ulysses Aldrovandi als Begründer des Punctum saliens, des springenden Punkts:
Eadem, die uitellus uidebatur uersus oui partem acutam: atque hoc est, quod dicebat Philosophus. Effertur per id tempus luteus humor ad cacumen, vbi est oui principium, nam ibi est maior calor, & uis spermatis. Apparebat etiam in albumine exiguum uelut punctum saliens, estque illud quod Philosophus cor statuit.
(In Vlyssis Aldrouandi: Ornithologiae tomus alter ... Liber decimusquartus qui est de pulveratricibus domesticis. Apud Baptistam Bellagambam 1600, S. 217)

On the same day the yolk was towards the sharper end of the egg: and this is what the Philosopher said. During this time the yellow liquid moves to the pointed part where the principle of the egg is located, for the heat is greater there as well as the force of the sperm. It was also visible in the albumen something like a small jumping speck, and this is what the Philosopher established as the heart.
(Englische Übersetzung siehe Ulisse Aldrovandi: Ornithologiae tomus alterationis – 1600. Book 14th: Concerning Domestic Dust Bathing Fowls, 1600) 
William Harvey selbst spricht in Exercitationes de generatione animalium an diversen Stellen vom Punctum saliens, so auf S. 123:
Quarto itaque die si inspexeris, occurret jam major metamorphosis, & permutatio admirabilor; quae singulis fere illius diei horis manifestior fit; quo tempore in ovo, de vita plantae, ad animalis vitam fit transitus. Iam enim colliquamenti limbus linea exili sanguinea purpurascens rutilat: ejusque in centro fere, punctum sanguineum saliens emicat; exiguum adeo, ut in sua diastole, ceu minima ignis scintillula, effulgeat; & mox, in systole, visum prorsus effugiat, & dispareat. Tantillum nempe est vitae animalis exordium, quod tam inconspicuis initiis molitur plastica vis Naturae!

Wenn am vierten Tage eine Untersuchung am Ei vorgenommen wird, ist die Metamorphose schon größer und die Verwandlung schon bewundernswürdiger –, und mit jeder Stunde im Verlaufe des Tages augenscheinlicher. In diesem Zeitraum findet der Übergang vom pflanzlichen Leben zum tierischen Leben im Ei statt. Jetzt nämlich zeigt sich ein dünner, rötlicher Rand in der Eiflüssigkeit und, beinahe in seinem Zentrum, zuckt ein springender, blutfarbener Punkt, so klein, daß er im Moment seiner Diastole wie ein kleiner Feuerfunken hervorleuchtet, und er dann, in seiner Systole, dem Blick wieder ganz entschwindet. Als eine solches kaum sichtbares (Kommen und Verschwinden) zeigt sich der Anfang des tierischen Lebens, der von der plastischen Kraft der Natur initiiert wird!
(Zitiert nach Markus Semm: Die Sache selbst in Hegels System. GRIN 1993, S. 36f.)

If the inspection of the egg be made on the fourth day, the metamorphosis is still greater, and the change likewise more wonderful and manifest with every hour in the course of the day. It is in this interval that the transition is made in the egg from the life of the plant to the life of the animal. For now the margin of the diffluent fluid looks red, and is purpurescent with a sanguineous line, and nearly in its centre there appears a leaping point, of the colour of blood, so small that at one moment, when it contracts, it almost entirely escapes the eye, and again, when it dilates, it shows like the smallest spark of fire. Such at the outset is animal life, which the plastic force of nature puts in motion from the most insignificant beginnings!
(In The Works of William Harvey. Translated from the Latin with a Live of the Author by Robert Willis. London 1847, S. 235)
Aber damit ist noch nicht erklärt, wie Aristoteles’ springender Punkt zum sprichwörtlichen springenden Punkt wurde. 

Am besten erklärt das Klaus Bartels in einer Sendung des SWR2 vom 29. 5. 2011:
Der „Springende Punkt“, das „Punctum saliens“, ist einem Nistplatz im Versuchslabor der Aristotelischen Schule entsprungen, … Für das zu Forschungszwecken aufgeschlagene Ei war die Entwicklung damit am Ende; aber dafür ist aus dem halb ausgebrüteten Ei ein Geflügeltes Wort aufgeflogen. … I(i)n der Folge ist dieser „springende Punkt“ zu dem schlagenden Argument eines Plädoyers geworden. Da hat dieser „springende Punkt“ selbst einen tollen Sprung vollführt: von jenem springlebendigen „blutfarbenen Punkt im Weißen“, aus dem einmal ein schlagendes, pochendes Hühnerherz werden sollte, zu dem „Springenden Punkt“ einer Abwägung Pro und Contra, der hüben oder drüben buchstäblich ausschlaggebend in die Waagschale springt.
(Siehe auch Rolf Kussl (Hrsg.): Lateinische Lektüre in der Oberstufe. Kartoffeldruck-Verlag 2009, S. 174)
Man kann es aber auch so sehen: Der springende Punkt im Ei – das Aristotelische Herz – ist das Wesentliche, das, worauf es ankommt.

Bleibt nur die Frage, wann aus dem buchstäblichen der sprichwörtliche springende Punkt wurde.

Soweit ich feststellen konnte, sprach Gottfried Wilhelm Leibniz in seinem Brief an Burchard de Volder  vom 10. 11. 1703 als erster davon:
Sie treffen zweifellos den springenden Punkt, wenn Sie aus meinen Aufstellungen schließen, daß die wahren Substanzen – d. h. die Monaden oder die vollkommenen substantiellen Einheiten, aus denen notwendig alles übrige resultieren muß – keinen Einfluß aufeinander ausüben und daß alle Vorgänge, die dagegen zu sprechen scheinen, lediglich in den Bereich der Phänomene gehören.
(Aus dem Briefwechsel zwischen Leibniz und de Volder. In Gottfried Wilhelm Leibniz: Philosophische Werke in vier Bänden, Bd. 2. Meiner 1996, S. 508)
Man sprach jedoch auch vom hüpfenden Punkt, wie zum Beispiel Jean Paul (und im übrigen auch Karl Marx, der schreibt: „Und hier springt der hüpfende Punkt des Eies. In den Entwicklungen bestimmter, sittlicher, religiöser oder selbst naturphilosophischer Fragen, wie im ‘Timäus', langt Plato nicht aus mit seiner negativen Auslegung des Absoluten, da ist es nicht genügend, alles in den Schoß der einen Nacht, worin, wie Hegel sagt, alle Kühe schwarz sind, zu versenken; da greift Plato zur positiven Auslegung des Absoluten, und ihre wesentliche, in ihr selbst gegründete Form ist der Mythus und die Allegorie, denn das Herz des Embryo heisst der hüpfende Punkt (punctum saliens)“; siehe MEGA, S. 675):
Achtung hat er blos, aber eine recht wachsende und bange, kurz seine Achtung ist jener kalte hüpfende Punkt im Dotter des Herzens, dem die kleinste fremde Wärme oft nach Jahren – die Metapher ist aus einem Ei geschlagen – wachsendes Leben und Amors-Flügel zutheilt.
(Hesperus, oder 45 Hundposttage. In Jean Paul’s sämmtliche Werke, Bände 7–8. Reimer 1828, S. 17)
Nach seiner Auffassung muss jeder Charakter einen punctum saliens, einen „hüpfenden Punkt“, einen „Hauptton“ besitzen, wie er in der Vorschule der Ästhetik, 2. Abt. 10, § 60, schreibt:
Jeder Charakter, er sei so chamäleontisch und buntfarbig zusammengemalt, als man will, muß eine Grundfarbe als die Einheit zeigen, welche alles beseelend verknüpft; ein leibnizisches vinculum substantiale, das die Monaden mit Gewalt zusammenhält. Um diesen hüpfenden Punkt legen sich die übrigen geistigen Kräfte als Glieder und Nahrung an. Konnte der Dichter dieses geistige Lebenszentrum nicht lebendig machen sogleich auf der Schwelle des Eintritts: so helfen der toten Masse alle Taten und Begebenheiten nicht in die Höhe; sie wird nie die Quelle einer Tat, sondern jede Tat schafft sie selber von neuem. Ohne den Hauptton (tonica dominante) erhebt sich dann eine Ausweichung nach der andern zum Hauptton. Ist hingegen einmal ein Charakter lebendig da, gleichsam ein primum mobile, das gegen anstrebende Bewegungen von außen sich in der seinigen festhält: so wird er sogar in ungleichartigen Handlungen (z. B. Achilles in der Trauer über Patroklus, Shakespeares wilder Percy in der Milde) die Kraft seiner Spiralfeder gerade im Gegendruck am stärksten offenbaren. Dem wielandischen Diogenes von Sinope und (obwohl weniger) dem ähnlichen Demokrit in den Abderiten mangelt gerade der beseelende Punkt, welcher die Keckheit des Zynismus mit der untergeordneten Herzens-Liebe organisch gewaltsam verbände: dieser regierende Lebenspunkt fehlt auch den Kindern der Natur im goldenen Spiegel, ferner dem Franz Moor und dem Marquis Posa, aber nicht der Fürstin von Eboli. Nur durch die Allmacht des poetischen Lebens können streitende Elemente – z. B. in Woldemar Kraft und Schwäche – verschmolzen werden; so im ähnlichen Tasso von Goethe u.s.w. –
Jean Paul schuf auch das Wort „Hüpfpunkt“. Allerdings meint Joachim Heinrich Campe im Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der unserer Sprache dazu, dass das ein Scherzwort sei, das man nicht ernsthaft beurteilen wollen müsse. (S. 508)

 Auch Friedrich Schiller verwendet anfangs den hüpfenden Punkt in seinem Gedicht Der Genius:
Jene Zeit da das Heilige noch im Leben gewandelt,
Da jungfräulich und keusch noch das Gefühl sich bewahrt,
Da noch das große Gesetz, das oben im Sonnenlauf waltet,
Und verborgen im Ey reget den hüpfenden Punkt,

(In Friedrich von Schiller’s sämmtliche Werke, Bd. 1: Gedichte. 1826, S. 17)
Später jedoch benutze er gern den „springenden“ Punkt. So „übertragen als das Pochen, mit der an der Schwelle zum 19. Jahrhundert ein Konsortium künftiger Mächte seinen Auftritt verlangt“ (siehe Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft, Bd. 49, 2005, S. 416)  aber auch als den leitenden Faden – den roten Faden bei Goethe –, der in einem Drama die „ungeheuren Masse von Handlung“ verbindet, oder auch den „prägenden Moment“, den bedeutungsschwangeren Keim“ in den dramatischen Stoff-Fragmenten, die er in über sechshundert Seiten und Listen hinterlassen hat.

Sonntag, 13. März 2011

Alles für die Katz


Woher kommt eigentlich die Redenswendung Alles für die Katz (für alles umsonst, vergeblich gewesen)?

Sie soll auf die Fabel Vom Schmied und seiner Katze in der Fabelsammlung Der ganz neuw gemachte und in Reimen verfaßte Esopus aus dem Jahr 1548 des Dramatikers, Fastnachtsautors und Fabeldichters Burkard Waldis (1490–1556) zurückgehen:
Es war einmal ein Schmied, der hat ganz gute Arbeit geleistet und ließ sich von seinen Kunden immer das dafür bezahlen, was denen die Arbeit wert gewesen war. Die Kunden wiederum fanden das ganz praktisch, sie wollten nämlich eigentlich am liebsten gar nichts bezahlen. Also sagten sie einfach immer nur „danke“, wenn sie beim Schmied waren. Der blieb unbezahlt und wurde zunehmend griesgrämig, weil er immer umsonst arbeiten musste. Er nahm eine dicke alte Katze und band sie in seiner Werkstatt an. Und jedes Mal, wenn ihn ein Kunde mit einem „Danke“ abspeiste, sagte er zur Katze: „Katz, das gebe ich dir.“ Das Dumme für die Katze war, dass sie von den leeren Worten nicht leben konnte und deswegen verhungern musste. (Quelle: br-online.de)
Allerdings nennt Jacob Grimm in seinem Wörterbuch den Ausspruch »dat gêw ek der katten« für »geb ich verloren« aus Schambach und W. Müllers Niedersächsische Sagen und Märchen als Beispiel für »Für sie ist zum futter das schlechteste gut genug, die reste des mahls (vgl. katzenfisch, katzentisch). daher 'das ist der katze, ist für die katze'; das gehört der katz, verdient verworfen, ausgeschossen zu werden«.

Harald Burger wiederum leitet in seinem Buch Phraseologie: ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung die schwedische Redewendung »Det ger ja katten i« (Da gebe ich die Katze drauf) für »Da pfeife ich drauf« aus »Det ger ja åt katten« (Das gebe ich der Katze) und »Det ger ja sjutton i« (Da gebe ich siebzehn drauf = Da schere ich den Teufel drum) ab.

Und nun hoffe ich, dass ich diese Erklärung nicht für die Katz geschrieben habe, weil ich letztlich nicht nachweisen kann, was nun eher da war: Die Fabel von Waldis oder die Redewendung »Dat gêw ek der katten» oder gar das Schwedische »Det ger ja åt katten«.

Montag, 29. November 2010

Gedicht der Woche

(aus gegebenem Anlass)

Die Sonne bringt es an den Tag

Gemächlich in der Werkstatt saß
Zum Frühtrunk Meister Nikolas,
Die junge Hausfrau schenkt' ihm ein,
Es war im heitern Sonnenschein. -
Die Sonne bringt es an den Tag.

Die Sonne blinkt von der Schale Rand,
Malt zitternde Kringeln an die Wand,
Und wie den Schein er ins Auge faßt,
So spricht er für sich, indem er erblaßt :
„Du bringst es doch nicht an den Tag.“

„Wer nicht? Was nicht?“, die Frau fragt gleich,
„Was stierst du so an? was wirst du so bleich?“
Und er darauf: "Sei still, nur still;
Ich's doch nicht sagen, kann noch will.
Die Sonne bringt’s nicht an den Tag."

Die Frau nur dringender forscht und fragt,
Mit Schmeicheln ihn und Hadern plagt,
Mit süßem und mit bitterm Wort;
Sie fragt und plagt ihn fort und fort:
„Was bringt die Sonne nicht an den Tag?“

„Nein nimmermehr!" – „Du sagst es mir noch.“ –
„Ich sag es nicht.“ – „Du sagst es mir doch.“
Da ward zuletzt er müd und schwach
Und gab der Ungestümen nach. -
Die Sonne bringt es an den Tag.

"Auf der Wanderschaft, 's sind zwanzig Jahr,
Da traf es mich einst gar sonderbar.
Ich hatt nicht Geld, nicht Ranzen, noch Schuh’,
War hungrig und durstig und zornig dazu. -
Die Sonne bringt’s nicht an den Tag.

Da kam mir just ein Jud in die Quer,
Ringsher war's still und menschenleer,
Du hilfst mir, Hund, aus meiner Not!
Den Beutel her, sonst schlag ich dich tot!
Die Sonne bringt’s nicht an den Tag.

Und er: Vergieße nicht mein Blut,
Acht Pfennige sind mein ganzes Gut!
Ich glaubt ihm nicht und fiel ihn an;
Er war ein alter, schwacher Mann -
Die Sonne bringt’s nicht an den Tag.

So rücklings lag er blutend da;
Sein brechendes Aug in die Sonne sah;
Noch hob er zuckend die Hand empor,
Noch schrie er röchelnd mir ins Ohr.
Die Sonne bringt es an den Tag!

Ich macht ihn schnell noch vollends stumm
Und kehrt ihm die Taschen um und um:
Acht Pfenn’ge, das war das ganze Geld.
Ich scharrt ihn ein auf selbigem Feld -
Die Sonne bringt’s nicht an den Tag.

Dann zog ich weit und weiter hinaus,
Kam hier ins Land, bin jetzt zu Haus. -
Du weißt nun meine Heimlichkeit,
So halte den Mund und sei gescheit;
Die Sonne bringt’s nicht an den Tag.

Wann aber sie so flimmernd scheint,
Ich merk es wohl, was sie da meint,
Wie sie sich müht und sich erbost, –
Du, schau nicht hin und sei getrost:
Sie bringt es doch nicht an den Tag.

So hatte die Sonn eine Zunge nun,
Der Frauen Zungen ja nimmer ruhn. -
Gevatterin, um Jesus Christ!
Laßt Euch nicht merken, was Ihr nun wißt! -
Nun bringt’s die Sonne an den Tag.

Die Raben ziehen krächzend zumal
Nach dem Hochgericht, zu halten ihr Mahl.
Wen flechten sie aufs Rad zur Stund?
Was hat er getan? wie ward es kund?
Die Sonne bracht es an den Tag.

Adelbert von Chamisso

Zur Redewendung „Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch an die Sonnen“ siehe hier

Donnerstag, 14. Oktober 2010

Wussten Sie eigentlich, dass …

… Luther gar nicht gesagt hat »Hier stehe ich, ich kann nicht anders«?

Nein? Ich auch nicht. Aber dann erfuhr ich, dass der Ausspruch auch Arminius (Hermann) dem Cherusker zugesprochen wird. Leider habe ich dafür keine Quelle gefunden.

Luthers Worte am Ende seiner Rede auf dem Reichstag 1521 in Worms lauten nämlich:
Da Eure kaiserliche Majestät und Eure Herrlichkeiten eine schlichte Antwort begehren, so will ich eine solche ohne Hörner und Zähne geben diesermaßen: Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde; denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es feststeht, dass sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben, so bin ich durch die Stellen der Heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen!
Erst in einem späteren Druck lauten die letzten Worte in Luthers Rede »Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen.« weiterlesen

Sonntag, 26. Juli 2009

Über die Redewendung "Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch ans Licht der Sonnen"


Bei „besserwissen.pm-magazin.de“ wurde die Frage gestellt: „Woher kommt das Zitat ‘Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch ans Licht der Sonnen’?“ Gute Frage, dachte ich wieder einmal und fing an zu recherchieren. Über die Ergebnisse war ich so erstaunt, dass ich sie Ihnen nicht vorenthalten möchte. Schließlich nahm auch ich an, dass das halt eine Redewendung wie so viele andere ist.

Zuerst einmal ist das der Titel einer Geschichte von W. O. von Horn (Friedrich Wilhelm Philipp Oertel) (1798-1867) http://tinyurl.com/n4jrsx. Allerdings gibt es im Gedicht Der Kadet im Volksgarten von Karl von Holtei , das 1856 in der vierten Auflage erschien, die Verse: Nun Herr Obrist, mag's d'rum sein. Es ist nichts so fein gesponnen, / Keine Lüge noch so schlau, die nicht käme an die Sonnen." (http://tinyurl.com/ntqa58). Ob Oertel das Gedicht kannte und die Verse für seinen Titel änderte, konnte ich nicht herausfinden. Vielleicht weiß es ja jemand zufälligerweise.

In Münchhausen: Eine Geschichte in Arabesken, die 1838/39 erschien, verweist der Autor, Karl Immermann, auf den Spruch: http://tinyurl.com/md7vp3. Ernst Moritz Arndt schreibt in einem seiner Märchen, die von 1818-1843 erschienen: Der Wolf und die Nachtigall oder wie zwei arme Königskinder verwandelt und zuletzt nach vieler Not doch wieder zu Menschen geschaffen wurden: „Aber die Leute lassen das Wispern und Flüstern darum doch nicht, und weil das Sprichwort wahr ist: Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt endlich an die Sonnen, so hatte es von Anfang an gemunkelt, als die Königskinder verschwunden waren: kein Mensch könne wissen, was der Spaziergang der Königin bedeutet habe.“ (http://literaturnetz.org/3079.html) Jeremias Gotthelf wiederum schreibt in seiner 1850 erschienenen Erzählung Die Käserei in der Vehfreude: Eine Geschichte aus der Schweiz: "Da heißt es ganz mit Recht: Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch endlich an die Sonnen." (http://tinyurl.com/nkuk8w). Da all diese Autoren auf den Spruch verwiesen, können sie ihn nicht geprägt haben.

Auch in den anderen (späteren) Werken gibt es den Spruch, so im Töchter-Album by Thekla von Gumpert, Hrsgbr. (1893), einem wirklich hübschen Buch (http://tinyurl.com/n7dcyd) und Die Erzählungen" von Heimito von Doderer. Fontane lässt seine Erzählung Unterm Birnbaum mit den Worten enden: "Und bezeugte dadurch aufs neue die Spruchweisheit: ´Es ist nichts so fein gesponnen, ´s kommt doch alles an die Sonnen.´"

Wenn es allerdings heißt: "„Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch an das Licht der Sonnen!“, Donald Duck, Schiller zitierend", dann zitiert er den falschen Dichter. (Donald Duck musste den Spruch sagen, nachdem die Philologin Erika Fuchs die Eindeutschung der Comics übernahm. Sie jedoch auch viele neue Worte wie "Sproing" oder "Uah! Gik Gak!").

Und inwieweit sich Adelbert von Chamisso zu seinem Gedicht Die Sonne bringt es an den Tag" von dem Spruch inspirieren ließ, weiß ich leider nicht. (http://hor.de/gedichte/adelbert_von_chamisso/die_sonne.htm) (In dieser Fassung sind Fehler, die sich auch auf anderen Websites finden – warum wird eigentlich immer  kopiert, ohne den Text zu prüfen? Hier ist der richtige Link: http://www.beingoo.de/adelbert-von-chamisso-die-sonne-bringt-es-an-den-tag-3705/)

Dienstag, 2. Juni 2009

Über Würmer, die man nicht nur aus der Nase zieht. II



Im germanischen Volksglauben, in dem vielerlei Art von Dämonen Einfluss auf das Leben der Menschen und der Tiere ausübten, ihnen Gutes oder Böses zufügten, machte man für Krankheiten, deren Ursache man sich nicht erklären konnte, weil es halt keine Ärzte im heutige Sinne gab, das Wirken elbischer Dämonen (von elbisch kommt übrigens auch der Ausdruck »Alb« in Albtraum) – die Krankheitsdämonen – verantwortlich. Meist blieben sie unsichtbar, weil sie, wenn sie in den Kranken eingedrungen waren, naturgemäß nicht von ihm gesehen werden konnten. Sie nahmen aber auch Wesen und Gestalt von allerlei Getier wie Mücken, Käfer, Grillen, Schaben, Schmetterlinge, Bienen, Vögel, aber auch Affen, Frösche, Raupen an. All diese Tiere wurden unter dem Begriff Gewürm zusammengefasst, und deshalb gab man den Krankheitsdämonen die Gestalt eines Wurms. Da man annahm, dass solche Wesen durch Mund und Nase und andere Körperöffnungen eindringen, entstand der Brauch, sich beim Gähnen die Hand vor den Mund zu halten. – Dass die »Schmetterlinge im Bauch« sich auf die Schmetterlinge, deren Gestalt die Wesen angenommen hatten, beziehen, glaube ich allerdings nicht. Schließlich ist das keine Krankheit. Oder? –

Um all dieses Gewürm zu vertreiben, sprach man den Wurmsegen:
Gang út, nesso, mid nigun nessiklīnon,
út fana themo margę an that bên, fan themo bêne an that flêsg,
ūt fan themo flêsgke an thia hūd, ūt fan thera hūd an thesa strāla.
Drohtin, uuerthe sō!
(Geh heraus, Wurm, mit neun Würmchen,
heraus von dem Mark in das Bein (den Knochen), von dem Bein in das Fleisch,
heraus von dem Fleisch in die Haut, heraus von der Haut in diesen Strahl.
Herr, es werde so!)
Oder man ging, wenn der Kopfwurm so wütete, dass man an Wahnsinn und Depressionen litt, am Markttag zum Bader oder Wunderheiler, die von Jahrmarkt zu Jahrmarkt zogen, und ließ sich das Würmchen aus der Nase ziehen.

Und damit sind wir endlich bei der Redewendung »Jemanden den Wurm aus der Nase ziehen«.

Diese Bader oder zu gut Deutsch Quacksalber zogen die Würmer natürlich nicht einfach so aus der Nase, sondern mit viel Brimborium vor den Augen des gesamten Dorfes und den Besuchern aus den umliegenden Dörfern dazu. Sie stocherten mit Instrumenten im Gesicht der armen Kranken herum und zauberten dann heimlich einen Wurm aus dem Ärmel. Der Kranke konnte wieder lachen, und das geneigte Publikum war völlig überzeugt, dass der Wunderheiler den schnöden Krankheitswurm aus der Nase des Patienten gezogen und ihn geheilt hatte. Das alles sah so dramatisch und vor allem glaubhaft aus, dass sich immer mehr Patienten den Wurm ziehen ließen – und immer mehr Münzen in den Beuteln der Quacksalber tanzten. Andere Ärzte verabreichten bei Kopfweh Niespulver, woraufhin Würmer aus der Nase krochen. Es soll sogar Abbildungen dieser Würmer geben.

Eine ziemlich einleuchtende Antwort habe ich in dem Buch Über lebende Würmer im lebenden Menschen aus dem Jahr 1819 gefunden, in dem der Autor berichtet, dass solch ein Wurm ein Spulwurm gewesen sein soll, der sich bei einem vorhergegangenen Erbrechen hinter die Gaumensegel verirrt [habe, jmw], und ist vielleicht eine Zeitlang in der oberen Gegend der Nase stecken geblieben, bis er durch diese einen Ausgang fand«.

Wie auch immer, die Würmer blieben uns im Sprachgebrauch erhalten. Man spricht vom Frosch im Hals; davon, dass einen etwas wurmt, und stellt von Zeit zu Zeit betrübt fest: Da ist der Wurm drin. Da hat jemand  einen Vogel oder, wie man in Berlin sagt, eine Meise, gar eine Meise unterm Pony, oder es piept wohl bei ihm, weil man früher annahm, dass in den Köpfen Geistesgestörter Vögel nisten. Schließlich ist in Hohlköpfen viel Platz. Der Herzwurm nagt am Herzen, und Mitesser sind, so hieß es, schwärzliche Würmer, die als kleine schwarze Haare in der Haut stecken und den Nahrungssaft verzehren (sie wurden daher auch Zehrwürmer oder Dürrmaden genannt).  Der Ohrwurm (auch Ohrputz) wurde für die Ohrenkrankheit verantwortlich gemacht, wie Mumps damals auch genannt wurde.

Auch heute noch hat die Krankheit eine Persönlichkeit. Sie fällt den Menschen an, packt, ergreift ihn, sie wirft ihn nieder, sie schlägt, schüttelt, reißt ihn, sie nagt und zehrt an ihm. Sie überwältigt ihn, der Mensch erliegt oder unterliegt der Krankheit, sie lässt ihn aber, wenn er Glück hat, auch wieder los.

Teil I lesen Sie hier und etwas zu Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen hier

Sonntag, 31. Mai 2009

Der Osterhase bringt die Ostereier, was bringt der Pfingstochse?

Leider nichts. Denn der Osterhase ist kein Pfingstochse. Doch: früher gab es Pfingsten immer neue Kleider. Wochen vorher schon kam die Schneiderin ins Haus und nähte für alle neue Garderobe. Das kann auf den alten Volksglauben zurückzuführen sein, dass zu Pfingsten neue Kleidung anzulegen Glück bringt.

Früher wurden auch die Hauseingänge mit Birkenzweigen geschmückt. In Berlin fuhren Lastwagen durch die Straßen und verkauften sie direkt von der Ladefläche aus. Sie sollten das Böse abhalten und Segen bringen.

Pfingsten ist aber auch das Fest der Hirten und Hirtebuben, die Umzüge und fröhliche Gelage hielten, um das Wachstum der letzten Gräser und Kräuter zu wecken. Es war aber auch das Fest der Hirten, weil zu dieser Zeit das Vieh zum ersten Mal ausgetrieben wurde. Man trieb einen Pfingstochsen, an manchen Orten auch einen Pfingsthammel, durchs Dorf auf die Weide. Er wurde mit Blumen, Stroh und Bändern geschmückt und führte unter lautem Jubel die Herde an (daher auch die Redensart „geschmückt wie ein Pfingstochse“ für Menschen, vor allem Männer, die übertrieben und zugleich geschmacklos gekleidet sind). Bis ins 19. Jahrhundert wurden der Pfingstochse oder der Pfingsthammel für das Pfingstessen geschlachtet. Möglicherweise geht dieser Brauch auf Tieropfer zurück.

Mit „Pfingstochse“ wurde im altbayerischen und österreichischen Raum auch derjenigen bezeichnet, der am Pfingstsonntag am längsten schlief. In manchen Orten wurde er auf einem Bollerwagen durch den Ort gefahren, um aller Welt zu zeigen, wer dieser Langschläfer ist.

Gerade mit Pfingsten waren viele Volksbräuche verknüpft. Ein Brauch war, aus Pfingstmaien Ruten zu schnitzen, da sie in der Kindererziehung besonders wirksam waren …

Samstag, 30. Mai 2009

Über Würmer, die man nicht nur aus der Nase zieht. I.


Neulich wurde ich gefragt, woher die Redewendung kommt »Jemandem die Würmer aus der Nase ziehen« (was bedeutet, dass man jemanden langsam und durch geschickte Fragen aushorchen muss, damit er Geheimnisse preisgibt). Gute Frage, dachte ich.

Der Ursprung dieser Redensart ist uralt, und ich muss dazu weit ausholen, ganz weit, genauer gesagt bis zu den mesopotamischen Klageliedern. Denn darin beklagten die Sumerer die sieben bösen Mächte utukkū lemnūti, die Krankheiten verursachen beziehungsweise Krankheitsbezeichnungen darstellen. Damals schon nahm man an, dass zum Beispiel Pest und Seuche mehr als nur Krankheitsbezeichnungen waren, sondern „Krankheitsdämonen“, das heißt böse, Krankheiten verursachende Wesen. Und da zu der Zeit Menschen noch mehr mit Zahnschmerzen geplagt wurden als heute, war für dieses Leiden ein Extra-Dämon zuständig: Der Zahnwurm. Um ihn auszutreiben, sprach man eine Beschwörung:
Nachdem Anu den Himmel erschaffen hatte, erschuf der Himmel die Erde, die Erde erschuf Flüsse, die Flüsse erschufen Wasserläufe, die Wasserläufe erschufen Marschland, das Marschland erschuf den Wurm.
Der Wurm kam weinend zu Schamasch. Vor Ea flossen seine Tränen.
»Was willst du mir zu essen geben? Was willst du mir zu saugen geben?«
»Ich werde dir eine reife Feige geben und einen Apfel.«
»Was soll ich mit einer reifen Feige oder einem Apfel? Lass mich zwischen Zahn und Kiefer wohnen, damit ich das Blut des Kiefers saugen kann, damit ich auf den im Kiefer festgeklemmten Essensresten kauen kann.«
»... Weil du das sagtest, o Wurm, soll Ea dich mit der Kraft seiner Hand schlagen!«

Dazu gab es natürlich auch eine Rezeptur:
»Mischbier, einen Brocken Malz und Öl mischst du, rezitierst die Beschwörung dreimal darüber und legst die Mischung auf den Zahn.«
(babylonischen Keilschrifttafel um 1800 v. Chr.)
Zu dieser Rezeptur gibt es aber eine weitere Übersetzung:
Du sollst SA-RIM* pulverisieren und mit Mastix zusammenkneten. Die Beschwörung sollst du dreimal darüber sagen, in den Oberteil seines Zahnes sollst du es bringen.
*Pflanze, welche die Glieder lähmt = Bilsenkrautsamen, die zwei betäubende Alkaloide enthalten

– Und das könnte den „Wurm“ erklären. Denn der aufgegangene Bilsenkrautsamen enthält einen wurmartigen Keim gleich dem – Zahnwurm. –

Diesen bösen Wurm kannte man aber nicht nur in Mesopotamien, er bohrte im alten China, in Indien ebenso wie bei den Azteken. Es wird sogar vermutet, dass das Tier, dass sich um den Äskulapstab wickelt, der Zahnwurm ist.

Aber schon der griechische Arzt Hippokrates hatte um 400 v. Chr. erkannt, dass die Karies »nicht durch einen Wurm verursacht (wird), sondern dass … andere Dinge eine Rolle (spielen)«. Und 600 n. Chr. riet der Prophet Mohammed: »Ihr sollt euren Mund reinigen, denn dies ist der Weg für die Lobpreisung Gottes.«

In Europa interessierte das niemanden. Die römische Kirche empfahl: »Derjenige, der zum Gedächtnis der
heiligen Märtyrerin und Jungfrau Apollonia betet, wird an jenem Tag nicht von Zahnschmerz befallen.« Wenn beten nicht half, sollte man bei Zahnschmerzen den Zahn einer Leiche berührten. Aber da das nicht jedermanns Sache war, führte Hildegard von Bingen den Zahnwurm wieder ein.

Und so lebte der Wurm in der Volksmedizin weiter, auch nachdem Forschungen den Zahnwurm längst widerlegt hatten. Um 1830 schrieb ein schlesischer Kreisarzt im Berliner “Magazin für die gesamte Heilkunde”, dass er zwei Patienten von zwanzig Zahnwürmern befreit habe, nachdem er die schmerzenden Zähne mit dem Magensaft eines Schweins bestrichen hätte, und 1944 heilte ein Heiler in der Südsteiermark Zahnschmerzen, indem er die Würmer mithilfe eines Gefäßes, das über einer Wasserschüssel stand, ausräucherte. Sie sollen dann ins Wasser gefallen sein.

Aber es gab nicht nur den Zahnwurm.

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Sonntag, 17. Mai 2009

Link der Woche

So ein Mist. Erzähl, was Dir passiert ist http://www.so-ein-mist.de/

Über das Stichwort "Mist" gibt es hier einen tollen Beitrag

Wahrscheinlich kommt die Redewendung daher, dass es in den Ställen glatt ist. Und wenn man dann hinfällt, fällt man in den – Mist