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Montag, 23. Juli 2012

Liebesbriefe bedeutender Schriftsteller: Heinrich von Kleist an Henriette Vogel

Mein Jettchen, mein Herzchen, m Liebes, mein Täubchen, m Leben, m liebes süßes  Leben, m Lebenslicht, m Alles, m Hab u Gut, meine Schlösser, Aecker, Wiesen u Weinberge, o Sonne meines Lebens, Sonne, Mond u Sterne, Himmel u Erde, m  Vergangenheit u Zukunft, meine Braut, m Medgen, meine liebe Freundin, m  Innerstes, m Hertzblut, meine Eingeweide, m Augenstern, o, liebste wie nen ich  Dich? Mein Goldkind, m Perle, m Edelstein, m Krone, m Königin und Kaiserin. Du  lieber Liebling meines Herzens, m Höchstes u Theuerstes, m Alles u Jedes, m Weib, m Hochzeit, die Taufe meiner Kinder, m Trauerspiel, m Nachruhm. Ach du bist meines zweites bessers Ich, meine Tugenden, m Verdienste, m Hoffnung, die  Vergebung m Sünden, m Zukunft und Seeligkeit, o, Himmelstöchterchen, m Gotteskind, m Fürsprecherin u Fürbitterin, m Schutzengel, m Cherubim u Seraph, wie lieb ich Dich! -- 

Heinrich von Kleist an Henriette Vogel, wahrscheinlich am 9. November 1811 (zwölf Tage vor ihrem gemeinsamen Freitod)

(Zitiert nach World wide reading am 21. November 2011: Heinrich von Kleist – Textauswahl http://deutsch.planet.ee/Kleist/110919_Kleist_wwrd_TEXTKONVOLUT_dt.pdf; siehe auch http://files.luspio.it/docs/NEWS/PROGRAMMA_LETTURA_KLEIST.pdf)

Freitag, 8. Juli 2011

"Also offenherzig, Wilhelmine, immer offenherzig": Liebesbriefe bedeutender Schriftsteller

(Frankfurt a. d. Oder, Anfang 1800)

… Und doch wünsche ich mehr, und doch möchte ich nun gern wissen, was Ihr Herz für mich fühlt. Wilhelmine! Lassen Sie mich einen Blick in Ihr Herz tun. Öffnen Sie mir es einmal mit Vertrauen und Offenherzigkeit. So viel Vertrauen, so viel unbegrenztes Vertrauen von meiner Seite verdient doch wohl einige Erwiderung von der Ihrigen. Ich will nicht sagen, daß Sie mich lieben müßten, weil ich Sie liebe; aber vertrauen müssen Sie sich mir, weil ich mich Ihnen unbegrenzt vertraut habe. – Wilhelmine! Schreiben Sie mir einmal recht innig und herzlich. Führen Sie mich einmal in das Heiligtum Ihres Herzens das ich noch nicht mit Gewißheit kenne. Wenn der Glaube, den ich aus der Innigkeit Ihres Betragens gegen mich schöpfte, zu kühn und noch zu übereilt war, so scheuen Sie sich nicht es mir zu sagen. Ich werde mit den Hoffnungen, die Sie mir gewiß nicht entziehen werden, zufrieden sein. Aber auch dann, Wilhelmine, wenn mein Glaube gegründet wäre, auch dann scheuen Sie sich nicht, sich mir ganz zu vertrauen. Sagen Sie es mir, wenn Sie mich lieben – denn warum wollten Sie sich dessen schämen? Bin ich nicht ein edler Mensch, Wilhelmine?

Zwar eigentlich –– ich will es Ihnen nur offenherzig gestehen, Wilhelmine, was Sie auch immerhin von meiner Eitelkeit denken mögen – eigentlich bin ich es fest überzeugt, daß Sie mich lieben. Aber, Gott weiß, welche seltsame Reihe von Gedanken mich wünschen lehrt, daß Sie es mir sagen möchten. Ich glaube, daß ich entzückt sein werde, und daß Sie mir einen Augenblick, voll der üppigsten und innigsten Freude bereiten werden, wenn Ihre Hand sich entschließen könnte, diese drei Worte niederzuschreiben: ich liebe Dich.

Ja, Wilhelmine, sagen Sie mir diese drei herrlichen Worte; sie sollen für die ganze Dauer meines künftigen Lebens gelten. Sagen Sie sie mir einmal und lassen Sie uns dann bald dahin kommen, daß wir nicht mehr nötig haben, sie uns zu wiederholen. Denn nicht durch Worte aber durch Handlungen zeigt sich wahre Treue und wahre Liebe. Lassen Sie uns bald recht innig vertraut werden, damit wir uns ganz kennen lernen. Ich weiß nichts, Wilhelmine, in meiner Seele regt sich kein Gedanke, kein Gefühl in meinem Busen, das ich mich scheuen dürfte Ihnen mitzuteilen. Und was könnten Sie mir wohl zu verheimlichen haben? Und was könnte Sie wohl bewegen, die erste Bedingung der Liebe, das Vertrauen zu verletzen? – Also offenherzig, Wilhelmine, immer offenherzig. Was wir auch denken und fühlen und wünschen – etwas Unedles kann es nicht sein, und darum wollen wir es uns freimütig mitteilen. Vertrauen und Achtung, das sind die beiden unzertrennlichen Grundpfeiler der Liebe, ohne welche sie nicht bestehen kann; denn ohne Achtung hat die Liebe keinen Wert und ohne Vertrauen keine Freude.

Ja, Wilhelmine, auch die Achtung ist eine unwiderrufliche Bedingung der Liebe. Lassen Sie uns daher unaufhörlich uns bemühen, nicht nur die Achtung, die wir gegenseitig für einander tragen, zu erhalten, sondern auch zu erhöhen. Denn dieser Zweck ist es erst, welcher der Liebe ihren höchsten Wert gibt. Edler und besser sollen wir durch die Liebe werden, und wenn wir diesen Zweck nicht erreichen, Wilhelmine, so mißverstehen wir uns. Lassen Sie uns daher immer mit sanfter menschenfreundlicher Strenge über unser gegenseitiges Betragen wachen. Von Ihnen wenigstens wünsche ich es, daß Sie mir offenherzig alles sagen, was Ihnen vielleicht an mir mißfallen könnte. Ich darf mich getrauen alle Ihre Forderungen zu erfüllen, weil ich nicht fürchte, daß Sie überspannte Forderungen machen werden. Fahren Sie wenigstens fort, sich immer so zu betragen, daß ich mein höchstes Glück in Ihre Liebe und in Ihre Achtung setze; dann werden sich alle die guten Eindrücke, von denen Sie vielleicht nichts ahnden, und die ich Ihnen dennoch innig und herzlich danke, verdoppeln und verdreifachen. – Dafür will ich denn auch an Ihrer Bildung arbeiten, Wilhelmine, und den Wert des Mädchens, das ich liebe, immer noch mehr veredlen und erhöhen. …

Heinrich von Kleist an Wilhelmine von Zenge

(In Heinrich von Kleist: Sämtliche Werke und Briefe, Bd. 1, hrsg. v.  Helmut Sembdner. Hanser,  9. Aufl. 1993, S. 501)

(siehe auch http://juttas-schreibblog.blogspot.com/2011/07/heinrich-von-kleist-uber-das-rollenbild.html)

Montag, 2. Mai 2011

Liebesbriefe bedeutender Schriftsteller: Susette Gontard an Friedrich Hölderlin

[November 1798]

Morgen nach 10 Uhr erwarte ich Dich. Bitte mit mir den Genius unserer Liebe um eine ruhige Stunde. Sollte es nicht möglich seyn, kennst Du das Zeichen; dann nach 3 Uhr. Mit Sehnsucht erwarte ich die Stunde! – Schlafe sanft und laß mein Bild Dich umschweben. Habe Muth, ich bin auf alles vorbereitet, und es wird gewiß alles gut gehn. Morgen bekömmst Du auch einen langen Brief von mir, und Du bringst mir gewiß auch etwas Liebes mit_ wie freue ich mich schon! ––

(In Die Briefe der Diotima [an Hölderlin]. Hrsg. v. Karl Viëtor. Insel 184?, S. 12)

Dienstag, 25. Januar 2011

Eher kein Liebesbrief eines bedeutenden Schriftstellers: Theodor Storm an seine Braut

Husum 1845*

Sonntag Morgen 9 Uhr

(...) Aber Dange, Dange, bist Du doch nicht unverbesserlich? Hast Du mir nicht da, trotz Deiner heiligen Versicherungen, es niemals wiederzuthun, wieder einen Brief geschickt, wo oben der Wochentag fehlt, und wovon die Hälfte mit der Strickschere beschnitten, die andre abgerissen war? Du kennst doch das Sprichwort »unbescheeden Breef schickt man Schelm und Deef«, außerdem weißt Du, daß es mir unangenehm ist. Ich bin dießmal gewiß nicht verdrießlich oder verstimmt darüber; ich kann es nur augenblicklich immer nicht reimen, wie Du mich so lieb haben, und dabei so wenig dafür sorgen kannst, unangenehme Eindrücke von mir fern zu halten, zumal wenn ich Dich speciell um eine Sache wiederholt gebeten und Du es mir wiederholt versprochen hast. Ich in meinem Wesen kann es nicht verstehen, denn meine Liebe zu Dir hat nicht so sehr den Gedanken, wie ich durch Dich beglückt werde, als vielmehr, wie ich Dich beglücken könne, wie ich von Dir alles Unangenehme fern halten, und Dir durch dieß oder jenes, soviel ich kann, eine kleine Freude bereiten könne. Ich kann nicht glücklich sein, wenn ich Dich nicht glücklich weiß; Du willst mich nur glücklich wissen, damit Du selbst es sein kannst; meine Liebe ist fürsorgend; Deine genießend dennoch liebst Du mich und darin soll mich nichts mehr irre machen (…)

Theodor Storm an seine Braut Constanze Esmarch »Husum, Sonnabend, den 3. 1. – Sonntag, den 4. 1. 1846«.


(In Regina Fasold  (Hrsg.): Theodor Storm/Constanze Esmarch: Briefwechsel (1844–1846. Kritische Ausgabe. Schmidt-Verlag 2002,  S. 138)

*die Jahreszahl ist wohl ein Fehler Storms so früh im neuen Jahr

Sonntag, 16. Januar 2011

Liebesbriefe bedeutender Schriftsteller: Annette von Droste-Hülshoff an Levin Schücking

Rüschhaus den 11ten September 1842

Mein altes Kind! mein liebes, liebstes Herz! Ich denke in meiner Einsamkeit, alle Tage wohl zehnmal an Dich und wette, Du Schlingel denkst alle zehn Tage kaum einmal an mich; darum mag ich es Dir auch gar nicht sagen, wie lieb ich Dich habe, denn »Spiegelberg! ich kenne Dir!« Ich bin zwar eine unvergleichliche Person, und Rüschhaus ist ein höchst grandioses Schloß, aber die zuletzt aus dem Nile gestiegenen Kühe Pharaonis fraßen auch die alten auf, so hundsmager und schäbicht sie selbst waren, und so schön fett und gleißend die andern.

Annette von Droste-Hülshoff an Levin Schücking

(Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking http://gutenberg.spiegel.de/buch/2836/18)

Donnerstag, 13. Januar 2011

Liebesbriefe bedeutender Schriftsteller: Henriette Vogel an Heinrich von Kleist

Mein Heinrich, m Süßtönender, m Hyazinthen Beet, m Wonnemeer, m Morgen u  Abendroth, m Aeolsharfe, m Thau, m Friedensbogen, m Schoßkindchen, m liebstes  Hertz, m Freude, im Leid, m Wiedergeburt, m Freiheit, m Fessel, m Sabbath, m  Goldkelch, m Luft, m Wärme, m Gedancke, m theurer Sünder, m Gewünschtes hier u  jenseit, m Augentrost, m süßeste Sorge, m schönste Jugend, m Stoltz, m  Beschützer, m Gewissen, m Wald, m Herlichkeit, m Schwerd u Helm, m Großmuth,  m rechte Hand, m Paradies, m Thräne, m Himmelsleiter, m Johannes, m Tasso, m  Ritter, mein Graf Wetter, m zarter Page, m Erzdichter, m Kristall, m Lebensquell, m  Rast, meine Trauerweide, m Herr Schutz und Schirm, m Hoffen und Harren, m  Träume, m liebstes Sternbild, m Schmeichelkätzchen, meine sichre Burg, m Glück, m  Tod, m Herzensnärchen, m Einsamkeit, m Schiff, m schönes Thal, m Belohnung, m  Werthester! m Lethe, m Wiege, m Weirauch und Myrrhen, m Stimme, m Richter, m  Heiliger, m lieblicher Träumer, m Sehnsucht, m Seele, m Nerven, m goldner Spiegel,  m Rubin, m Syrings Flöte, m Dornenkrone, m tausend Wunderwercke, m Lehrer u m  Schüler, wie über alles gedachte u zu erdenckende lieb ich Dich.

Meine Seele sollst Du haben.

Henriette

Mein Schatten am Mittag, m Quell in der Wüste, m geliebte Mutter, m Religion, m  innre Musik, m armer kranker Heinrich, m zartes weißes Lämchen, m Himmelspforte. H.

Henriette Vogel an Heinrich von Kleist wahrscheinlich am 9. November 1811 (zwölf Tage vor ihrem gemeinsamen Freitod)

(Zitiert nach World wide reading am 21. November 2011: Heinrich von Kleist – Textauswahl http://deutsch.planet.ee/Kleist/110919_Kleist_wwrd_TEXTKONVOLUT_dt.pdf; siehe auch http://files.luspio.it/docs/NEWS/PROGRAMMA_LETTURA_KLEIST.pdf)

siehe dazu auch http://www.textkritik.de/bka/dokumente/dok_steig/steigk_657-667.htm