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Sonntag, 17. Februar 2013

Gedicht der Woche: „Ich wünsch mir nichts als ein hohes Schiff“ (und ein kleiner Ausflug in die unendlichen Weiten des Universums)


„Ich wünsch mir nichts als ein hohes Schiff und die Sterne über mir.
Dann kannst du den Wind in deinem Rücken spüren und das Rauschen der See unter dir.
Und auch wenn du den Wind weglässt und das Wasser, es ist das Gleiche.
Du hast ein Schiff, du fühlst es, und die Sterne sind über dir“,

zitiert Captain* James T. Kirk (William Shatner) in Star Trek: Raumschiff Enterprise, Folge 2.24 (53), Computer M5 (The Ultimate Computer), die ersten Verse eines Gedichts, als ihm sein Freund, der Schiffsarzt Leonard McCoy, einen Drink ins Quartier bringt mit den Worten „Ich bin zwar nur ein Pillendreher, aber McCoys munteren Magentröster kennt man bis zum Orion“, nachdem ihm seine Befähigung als Raumschiffkapitän nach dem erfolgreichen Einsatz des Computers abgesprochen wurde.

Und viele Jahre später, im Jahr 2287, zitiert er in Star Trek 5 – Am Rande des Universums (Star Trek V: The Final Frontier) beim Anblick seines Schiffes in der Raumfähre auf dem Weg zur Enterprise:

„Nichts will ich als ein schlankes Schiff und den weisenden Stern in der Höh’“

im Beisein von McCoy und seinem Wissenschaftsoffizier Mr. [S’chn T’gai] Spock.
.
Auch Joseph „Joe“ Sullivan alias „Sky Captain“ (Jude Law) zitiert den Vers im Flugzeug auf der Suche nach Rana in Sky Captain and the World of Tomorrow.

(Andere Übersetzung lauten: „Nichts will ich als ein schlankes Schiff und die weisenden Sterne in der Höhe. / Kannst du den Wind in deinem Rücken spüren, und die Wellen unter dir?“; „Ich muss mich gen Meer wenden, hin zum einsamen Himmel und weiter See, / und alles, was ich verlange, ist ein großes Schiff und einen Stern, der es lenkt“; und bei Wikipedia „Ich muss wieder hinab zum Meer, zum einsamen Meer und dem Himmel / Und ich brauche nur ein großes Schiff und einen Stern, nach dem ich steuern kann …“)

McCoy meint, dass dieser Vers von Herman Melville sei, aber Spock weiß natürlich, dass John Mansfield  der Autor ist und dass er in den Klassikern wohlbekannt sei. (Dass McCoy ihn daraufhin fragt, warum ihm „Row, Row, Row Your Boat“, das sie am Lagerfeuer im Yosemite-Nationalpark gesungen hatten, nicht bekannt gewesen sei, und Spock als Antwort die berühmte rechte Augenbraue hochzieht, gehört allerdings nicht hierher.)

* Wer sich für die Dienstgrade der Sternenflotte und anderer Völker wie Klingonen oder Romulaner interessiert, findet hier eine Übersicht. Aber nicht nur das erfährt man hier, sondern alles rund um Star Trek, ob Dusche, Transporterunfälle, Zahnmedizin oder die Chronologie sämtlicher Ereignisse rund um Star Trek, beginnend mit 4000 v. Chr.: „Unbekannte Aliens bringen mehrere Menschen zu einem entfernten Planeten, um die Erde daran zu hindern, sich selbst zu zerstören. Gary Seven ist einer ihrer Nachkommen“ in TOS 2.26 [55] Ein Planet genannt Erde (Assignment: Earth). Die Seite Memory Alpha, „ein freies und gemeinschaftliches Projekt zur Erstellung einer umfangreichen Enzyklopädie rund um Star Trek“, bei dem jeder mitmachen kann, ist ein Muss für alle Trekkies.

Nach dem Ausflug in die Weiten des Weltalls nun zurück zu den Weiten des Ozeans. Hier nun das vollständige Gedicht:

Sea-Fever

I must down to the seas again, to the lonely sea and the sky,
And all I ask is a tall ship* and a star to steer her by,
And the wheel’s kick and the wind’s song and the white sail’s shaking,
And a grey mist on the sea’s face, and a grey dawn breaking.

I must down to the seas again, for the call of the running tide
Is a wild call and a clear call that may not be denied;
And all I ask is a windy day with the white clouds flying,
And the flung spray and the blown spume, and the sea-gulls crying.

I must down to the seas again to the vagrant gypsy life.
To the gull’s way and the whale’s way where the wind’s like a whetted knife;
And all I ask is a merry yarn from a laughing fellow-rover,
And quiet sleep and a sweet dream when the long trick’s over.

(In John Masefield: Salt-Water Ballads. London 1902, S. 59f.)

(Mit „tall ship“ bezeichnet man in England die schnellen Tee- und Wollklipper wie die Cutty Sark)

Meer-Sehnsucht

Ich muss zurück, zum Meer hinab,
Zu Himmel und einsamer See,
Und nichts will ich als ein schlankes Schiff
Und den weisenden Stern in der Höh,
Das Knacken des Rads und des Windes Lied
Und der Segel Glanz und Schwung,
Und den grauen Nebel im Antlitz der See
Beim Einbruch der Dämmerung.

Ich muss zurück, zum Meer hinab,
Denn die Tide, die steigend kommt,
Ist wie ein wilder und heller Ruf –
Nicht Zögern noch Weigern frommt.
Und nichts will ich, als den Tag voll Wind
Mit Wolken, die schimmernd fliegen,
Mit wehendem Gischt und sprühendem Schaum
Und der Möwen Kreischen und Wiegen.

Ich muss zurück, zum Meer hinab,
Zu dem rastlosen Wanderleben,
Wo der Wind saust und der Walfisch zieht
Und die wilden Seevögel schweben …
Und nichts will ich als ein lustiges Garn,
Von lachendem Seemann gesponnen,
Und tiefen Schlaf und freundlichen Traum,
Wenn die Reise verronnen.
(Zitiert nach http://www.sailtraining.de/fileadmin/files/intern/Ausbildung/BHBonlext.pdf)

(Womit ich einmal mehr gezeigt habe, wie die Suche nach einem ganz banalen Begriff immer weiter in die unendlichen Tiefen des Netzes führt, dorthin, wo fleißige Menschen ihr Wissen eingestellt haben, um es mit anderen zu teilen.)

Samstag, 12. Januar 2013

Gedicht der Woche

Auto-da-fe

Welke Veilchen, stäub’ge Locken,
Ein verblichen blaues Band,
Halb zerrissene Billette,
Längst vergessner Herzenstand –

In die Flammen des Kamines
Werf’ ich sie verdrossnen Blicks;
Ängstlich knistern diese Trümmer
Meines Glücks und Missgeschicks.

Liebeschwüre, flatterhafte
Falsche Eide, in den Schlot
Fliegen sie hinauf – es kichert
Unsichtbar der kleine Gott.

Bei den Flammen des Kamines
Sitz ich träumend, und ich seh’
Wie die Fünkchen in der Asche
Still verglühn – Gut’ Nacht – Ade!

Heinrich Heine

(In Romanzero, 1851, S. 166; http://www.textlog.de/heine-gedichte-autodafe.html)

Samstag, 17. November 2012

Gedicht der Woche: Sonntagnachmittag

Sonntagnachmittag

Auf faulen Straßen lagern Häuserrudel,
Um deren Buckel graue Sonne hellt.
Ein parfümierter, halbverrückter kleiner Pudel
Wirft wüste Augen in die große Welt.

In einem Fenster fängt ein Junge Fliegen.
Ein arg beschmiertes Baby ärgert sich.
Am Himmel fährt ein Zug, wo windge Wiesen liegen;
Malt langsam einen langen dicken Strich.

Wie Schreibmaschinen klappen* Droschkenhufe.
Und lärmend kommt ein staubger Turnverein.
Aus Kutscherkneipen stürzen sich brutale Rufe.
Doch feine Glocken dringen auf sie ein.

In Rummelplätzen, wo Athleten ringen,
Wird alles dunkler schon und ungenau.
Ein Leierkasten heult und Küchenmädchen singen.
Ein Mann zertrümmert eine morsche Frau.

Alfred Lichtenstein
(In Gedichte und Geschichten. Georg Müller, 1919, S. 53)

* Ob Liechtenstein klappen statt klappern geschrieben hat, konnte ich nicht herausfinden. Klappen könnte ein Druckfehler sein, der später übernommen wurde.

Sonntag, 9. September 2012

Gedicht der Woche: Wer vom Ziel nicht weiss

Wer vom Ziel nicht weiss,
kann den Weg nicht haben,
wird im selben Kreis
all sein Leben traben
Kommt am Ende hin,
wo er hergerückt,
hat der Menge Sinn
nur noch mehr zerstückt.

Wer vom Ziel nichts kennt,
kann's doch heut erfahren,
wenns nur recht ihn brennt*
nach dem Göttlich-Wahren,
wenn in Eitelkeit
er nicht ganz versunken
und vom Wein der Zeit
nicht bis oben trunken.

Denn zu fragen ist
nach den stillen Dingen,
und zu wagen ist,
will man Licht erringen;
wer nicht suchen kann,
wie nur je ein Freier,
bleibt im Trugesbann
siebenfacher Schleier.


*auch "wenn es ihn nur brennt"

Christian Morgenstern (nach dem Faksimile)

Donnerstag, 6. September 2012

Gedicht der Woche: Im Bade von Theobald Tiger

Im Bade

Die Welle bricht sich. Kann mans ihr verdenken?
Es taucht ins Meer ein feister Menschensack:
die Glieder badet dort, die ungelenken,
Frau Zademack.

Im Bademantel tritt mit hastigen, schnellen
Bewegungen Herr Baccer aus der Tür.
Neptun persönlich aus den tieffsten Wellen
sagt: „Ab dafür!“

Es rollt sich an das arme Seegestade
Lu Lora, mit ’nem ganzen kleinen Stich.
Und der Verehrer Chor spricht: „Schade, schade!
Heut filmt se nich!“

Es rudert wie beim Sprechen mit den Händen
Herr Moppelmann am deutschen Ostseekap.
Er denkt beim Wogenspiel an Dividenden:
Mal auf – mal ab!

Und der ist da und die. Von der Regierung
schwimmt dort ein Mann – pomadig, faul und schlapp …
Man bricht sich auch im Bade die Verzierung
nur ungern ab.

Und die ist da und der – in vollen Rudeln – –
O lieber Gott! willst du mal freundlich sein?
Dann laß mich schwimmen in den blauen Strudeln
allein, allein –!

Theobald Tiger (Kurt Tucholsky)

(In Ulk, Wochenbeilage zum Berliner Tageblatt, 48 (1919), S. 114 http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ulk1919/114)

Freitag, 17. August 2012

Gedicht der Woche: Wanderers Gemüthsruhe

Wanderers Gemüthsruhe

Über’s Niederträchtige
Niemand sich beklage;
Denn es ist das Mächtige,
Was man dir auch sage.

In dem Schlechten waltet es
Sich zum Hochgewinne;
Und mit Rechtem schaltet es
Ganz nach seinem Sinne.

Wandrer! – Gegen solche Noth
Wolltest du dich sträuben?
Wirbelwind und trocknen Koth
Laß sie drehn und stäuben.

Johann Wolfgang von Goethe

(In West-östlicher Divan. Cotta'sche Buchhandlung 1820, S. 89)

Freitag, 3. August 2012

Gedicht der Woche: Wer sich der Einsamkeit ergibt, / Ach! der ist bald allein

[Harfenspieler]*

Wer sich der Einsamkeit ergiebt,
Ach! der ist bald allein;
Ein jeder lebt, ein jeder liebt,
Und läßt ihn seiner Pein.

Ja! laßt mich meiner Qual!
Und kann ich nur einmal
Recht einsam seyn,
Dann bin ich nicht allein.

Es schleicht ein Liebender lauschend sacht
Ob seine Freundin allein?
So überschleicht bei Tag und Nacht
Mich Einsamen die Pein,
Mich Einsamen die Qual.
Ach, werd’ ich erst einmal
Einsam im Grabe seyn,
Da läßt sie mich allein!

Johann Wolfgang von Goethe

(Wilhelm Meisters Lehrjahre. Grote’sche 1870, S. 133 f.)

*Der Titel wurde später hinzufügt; siehe J. W. v. Goethe’s sämmtliche Werke, 1837 S. 113

Mittwoch, 1. August 2012

Gedicht der Woche: "Fuchs und Pferd" von Matthias Claudius

Fuchs und Pferd

Einst wurden Fuchs und Pferd,
Warum das weiß ich nicht auch hat es mich verdroßen,
    Denn mir sind beyde Tiere wehrt,
In einen Käficht eingeschloßen.
Das Pferd fieng weidlich an zu treten
    Für Ungeduldt, und trat
    Den armen Reinke Fuchs, der nichts an Füßen hat.
»Das nun hätt’ ich mir wohl verbeten,
    Tret’ er mich nicht, Herr Pferd! ich will ihn auch nicht treten.«

Matthias Claudius

(In Werke. Perthes 1844, S. 81)

Freitag, 25. Mai 2012

Gedicht der Woche: "Ferngruß von Bett zu Bett"

Ferngruß von Bett zu Bett

Wie ich bei dir gelegen
Habe im Bett, weißt du es noch?
Weißt du noch, wie verwegen
Die Lust uns stand? Und wie es roch?

Und all die seidenen Kissen
Gehörten deinem Mann.
Doch uns schlug kein Gewissen.
Gott weiß, wie redlich untreu
Man sein kann.

Weißt du noch, wie wir's trieben,
Was nie geschildert werden darf?
Heiß, frei, besoffen, fromm und scharf.
Weißt du, daß wir uns liebten?
Und noch lieben?

Man liebt nicht oft in solcher Weise.
Wie fühlvoll hat dein spitzer Hund bewacht.
Ja unser Glück war ganz und rasch und leise.
Nun bist du fern.
Gute Nacht.

Joachim Ringelnatz

(In Allerdings: Gedichte, S. 87)

Mittwoch, 4. April 2012

Gedichter der Woche: Joseph von Eichendorff "An meinen Bruder"

Die Heimat

An meinen Bruder

Denkst du des Schlosses noch auf stiller Höh?
Das Horn lockt nächtlich dort, als obs dich riefe,
Am Abgrund grast das Reh,
Es rauscht der Wald verwirrend aus der Tiefe –
O stille, wecke nicht, es war, als schliefe
Da drunten ein unnennbar Weh.

Kennst du den Garten? – Wenn sich Lenz erneut,
Geht dort ein Mädchen auf den kühlen Gängen
Still durch die Einsamkeit,
Und weckt den leisen Strom von Zauberklängen,
Als ob die Blumen und die Bäume sängen
Rings von der alten schönen Zeit.

Ihr Wipfel und ihr Bronnen, rauscht nur zu!
Wohin du auch in wilder Lust magst dringen,
Du findest nirgends Ruh,
Erreichen wird dich das geheime Singen, –
Ach, dieses Bannes zauberischen Ringen
Entfliehn wir nimmer, ich und du!

Joseph von Eichendorff

(In Werke in einem Band. Hanser, 6. Aufl. 2007, S. 391 f.)

Montag, 5. März 2012

Gedicht der Woche: Schiller über Dichter

Der Dichter

In frischem Duft, in ew’gem Lenze,
Wenn Zeiten und Geschlechter flieh’n,
Sieht man des Ruhms verdiente Kränze,
Im Lied des Sängers unvergänglich blüh’n.
An Tugenden der Vorgeschlechter,
Entzündet er die Folgezeit.
Er sitzt, ein unbestochn’ner Wächter,
Im Vorhof der Unsterblichkeit.
Der Kronen schönste reicht der Richter
Der Thaten – durch die Hand der Dichter.

Friedrich Schiller (Eintrag ins Stammbuch von Jens Baggensen am 9. 8. 1790)

(In Friedrich von Schillers sämmtliche Werke. Kienreich 1836, S. 68)

Dienstag, 28. Februar 2012

Gedicht der Woche: Vorfrühling

Vorfrühling

Stürme braus’ten über Nacht,
Und die kahlen Wipfel troffen.
Frühe war mein Herz erwacht,
Schüchtern zwischen Furcht und Hoffen.

Horch, ein trautgeschwätz’ger Ton
Dringt zu mir vom Wald hernieder.
Nisten in den Zweigen schon
Die geliebten Amseln wieder?

Dort am Weg der weiße Streif –
Zweifelnd frag’ ich mein Gemüthe:
Ist’s ein später Winterreif,
Oder erste Schlehenblüte?

Paul Heyse

(In Gedichte. Hertz 1901, S. 18)

Lesenswert ist in dem Zusammenhang ein Brief  von Theodor Storm an Heyse vom 22.  6. 1884, in dem er auf dessen Bitte vom 30. 3. eingeht, „die Gedichte, das Skizzenbuch u. die Verse aus Italien mit Muße und einiger Liebe durchzugehen und zu notiren, was Dir entbehrlich scheint“. Dort fragt Storm unter anderem: „Soll das Unsterblichkeitsgedicht mit?“ (womit der er das Gedicht Vorfrühling meint). Und dann: „Aber Du magst wohl nicht an diesen Liedern rühren.“ Denn Storm wollte nur „liedhafte“ Gedichte gelten lassen; siehe dazu ausführlich Theodor Storm-Gottfried Keller: Briefwechsel. Schmidt 1992, S. 216 f.)

Freitag, 27. Januar 2012

Gedicht der Woche: Über Aufstieg und tiefen Fall

Aufstieg
Ich hatt’ Kassandras Rufe
immer noch im Ohr
doch ich ging Stuf’ für Stufe
unbeirrt empor.

Wer zu hoch steigt wird fallen
hör ich noch den Schrei
Ich dachte, ich zeig’s allen
Troja ist vorbei.

Und als ich lag im Drecke
lachte ich ganz laut:
Auch Sisyphus, der Recke
hat sich getraut.

Jutta Miller-Waldner

Samstag, 21. Januar 2012

Gedicht der Woche: Rilke über einen Esser

Der Esser

… Und gerade mir gegenüber
Saß er und hielt
Einen goldbraunen Rebhuhnflügel
In der protzigen, sommersprossigen,
Breiten Philisterpfote.
Seine winzigen Augen
Grinsten hinter dicken Lidfalten:
Wonne.
So blinzeln Kanonenrohrmündungen
Über Festungswälle. –
Was war das ein Rebhuhn!
Laut schnalzt er.
Dann brandet eine Welle Rheinwein
An den gelben, schiefen Zähnen,
Wälzt sich wie wütend im Wirbel
Her und hin in des Munds
Geräumiger Höhle,
Und stürzt dann zur Tiefe.
Und er gluckste und gurrte,
Steckte den Zahnstocher
Zwischen die triefenden Lippen,
Machte zwei Knöpfe der Weste sich auf
und pfauchte:

„Aber was wollen Sie immer?
Mein Gott, Essen und Trinken
fehlt Ihnen nicht und ein Heim.
Bitt' Sie, die Zeiten sind übel.
Was wollen Sie denn mehr,
Wenn man gesund ist.“

„Aber lieber Herr!
Essen Sie ruhig Ihr Rebhuhn.
Sehen Sie, ich habe so Stunden,
Da möcht' ich
Die Wolken rupfen,
Mit nachtschwarzen Pappelwipfeln
Dem Mond einen Schnurrbart malen
Und Sterne haben
Im Portemonnaie …“

Rainer Maria Rilke 



(In Jugendgedichte. Insel 1987, S. 441 f.)

Donnerstag, 12. Januar 2012

Gedicht der Woche: Goethe über Feste, Gäste, Worte und Manieren

Hanswurst.
Soviel mir eigentlich bekannt
Ward das Stück Hanswursts Hochzeit genannt.
So laß mich denn auch schalten und walten,
Ich will nun hin und Hochzeit halten.

Kilian Brustfleck.
Ich bitt’ Euch, nur Geduld genommen;
Als wenn das so von Hand zu Munde ging!
Wie könnte da ein Stück draus kommen?
Und wär der Schade nicht gering.
Nein, was der Wohlstand will und lehrt,
Es ehre der Mensch, so wird er geehrt.
Die Welt nimmt an euch unendlich Theil,
Nun seyd nicht grob, wie die Genies sonst pflegen.
Und sagt nicht etwa: ah, meintwegen!
Es hat doch nicht so mächtig Eil.
Was sind nicht alles für Leute geladen!
Was ist nicht noch zu sieden und zu braten!
Es ist gar nichts an einem Feste
Ohne wohlgeputzte vornehme Gäste.

Hanswurst.
Mich däucht, das schönste bei einem Fest
Ist, wenn man sich’s wohl schmecken läßt.
Und ich hab’ keinen Appetit
Als ich nähm gern Ursel auf’n Boden mit,
Und auf’m Heu und auf’m Stroh
Jauchzten wir in dulci jubilo.

Kilian Brustfleck.
Ich sag’ euch, was die deutsche Welt
An großen Namen nur enthält,
Kommt alles heut in euer Haus,
Formiert den schönsten Hochzeitschmaus.

Hanswurst.
Ich möcht’ gleich meine Pritsche schmieren
Und sie zur Thür hinaus formieren.
Indeß, was hab’ ich mit den ......
Sie mögen fressen und ich will ......

Kilian Brustfleck.
Ach, an den Worten und Manieren
Muß man den ew’gen Wurstel spüren!
Ich hab’s – dem Himmel sey’s geklagt –
Euch doch so öfter schon gesagt:
Daß ihr euch sittlich stellen sollt,
Und thut dann alles, was Ihr wollt.
Kein leicht unfertig Wort wird von der Welt vertheidigt,
Doch thut das Niedrigste und sie wird nie beleidigt.
Der Weise sagt: – der Weise war nicht klein –
Nichts scheinen, aber alles seyn.
Doch ach, wie viel geht nicht an euch verloren!
Zu wieviel Großem wart ihr nicht geboren!
Was hofft man nicht, was ihr noch leisten sollt!

(Aus Hanswursts Hochzeit. In Goethe's poetische und prosaische Werke, 1836, S. 38)

Mittwoch, 4. Januar 2012

Spruch* der Woche: Paul Heyse über Dilettanten

Dilettant heißt der curiose Mann,
Der findet sein Vergnügen dran,
Etwas zu machen, was er nicht kann.

Paul Heyse

(In Gedichte, 1889, S. 337 f.)

*Inzwischen sind acht Monate vergangen, und ich musste feststellen, dass es gar kein Spruch ist, sondern ein Gedicht, und zwar ein schrecklich langes Gedicht. Deshalb stelle ich hier nur die ersten Verse ein:

An Wilhelm Hertz in Berlin

                Dilettant heißt der curiose Mann,
                Der findet sein Vergnügen dran,
                Etwas zu machen, was er nicht kann.

So hab' ich selbst einmal gesprochen.
Aller Pfuscherei den Stab gebrochen.
Und war doch selber unter der Hand
Ein gottvergnügter Dilettant,
Den’s höchlich auferbaut, zuzeiten
Sein Steckenpferdlein frisch zu reiten.

Wer mag, lese es hier weiter: http://www.zeno.org/Literatur/M/Heyse,+Paul/Gedichte/Gedichte/Reisebriefe/An+Wilhelm+Hertz+in+Berlin

Montag, 2. Januar 2012

Einen guten Rutsch …


… wünscht man sich allenthalben zu Silvester.

Aber … woher kommt eigentlich dieser Wunsch? Sicher nicht vom Rutschen auf Glatteis ins neue Jahr oder wo immer man (aus)rutschen kann.

Die erste These ist, dass er seinen Ursprung in den Wünschen zum jüdischen Neujahrsfest Rosch haSchana (hebr: Kopf des Jahres, Anfang des Jahres) hat, zu dem sich jiddisch sprechende Juden einen „Gut Rosch“ wünschen.

Die zweite These besagt, dass er eine rotwelsche Umbildung des Neujahrswunsches „Rosch haSchana Tov“ (wörtlich „einen guten Kopf [Anfang] des Jahres“) ist.

Nach einer dritten These soll der Ausdruck auf das No’ruz-Fest (auch Newruz, Nouruz, Nowruz; von No = neu, Ruz = Tag) – das persische Frühlings- und Neujahrsfest am 21. März – zurückgehen, zu dem viele Iraner verreisen, um ihre Lieben zu besuchen.

Dazu passt die vierte These. Danach kommt der Wunsch „Guten Rutsch“ von dem früher scherzhaft und umgangssprachlich gemeinten Wort Rutschen für Reise, Fahrt. Wenn jemand verreiste, wünschten ihm die Daheimbleibenden einen „glücklichen Rutsch“ oder auch „Glöckliche Rutsch ön e Paar Parêsken (Bastschuhe) op e Weg“, „Glöckliche Rutsch ön den erschte Grawe, möt den Kopp unde, möt de Fêt bawe“, und, nun ja, auch dieses: „Glücklichen Rutsch und einen Schiefer in den Arsch“ und „Ich wünsche glückliche Rutsche, nur keinen Splitter in'n Arsch“, Redewendungen, die Karl Friedrich Wilhelm Wander Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in sein Deutsches Sprichwörter-Lexikon aufnahm (siehe http://www.zeno.org/Wander-1867/A/Rutsch)

Auch Goethe gebraucht das Wort Rutschen für Reisen oder Fahren. In seiner dramatische Grille in sechs Akten Triumph der Empfindsamkeit, deren erste Fassung 1777 erschien, lässt Goethe das Hoffräulein Sora sagen: „Hernach entstand ein Geräusche; da rutscht’ ich fort“ (http://gutenberg.spiegel.de/buch/5647/6; hier wohl im Sinne von „da machte ich mich unbemerkt davon“), und in seinem 1813 geschriebenen Gedicht Die Lustigen von Weimar schreibt er:
Donnerstag nach Belvedere,
Freitag geht's nach Jena fort;
Denn das ist, bei meiner Ehre,
Doch ein allerliebster Ort!
Samstag ists, worauf wir zielen,
Sonntag rutscht man auf das Land;
Zwätzen, Burgau, Schneidemühlen
Sind uns alle wohlbekannt.
(http://gutenberg.spiegel.de/buch/3670/258)
Aber auch woanders finden sich dafür Belege. So schrieb am 25. Mai 1808 Bettina von Arnim an Goethes Mutter: „Adieu leb Sie recht wohl. Ich werd nächstens bei Ihr angerutscht kommen.“ J. Andreas Schmeller nennt in seinem Bayerischen Wörterbuch von 1836 als Beispiel für „rutschen, im Scherz: fahren“: „An Feyertagen rutscht das lebsüchtige München gerne auf Vering oder ins Heselloh“ (S. 172). Und die Gräfin Ida Hahn-Hahn schrieb im Jahre 1841 in ihren Reisebriefen:
Eine wirkliche Reise so zu machen, find’ ich ganz unanständig für einen Menschen. (…) Die Dampfwagenerfindung, sie nivelliert und centralisiert, und das sind die beiden fixen Ideen derjenigen, welche sich Liberale nennen … (…) Für ein Geringes rutscht Greis und Kind, vornehm und gering, reich und arm, Mensch und Vieh auf dem Dampfwagen umher.“ (Zitiert nach Wolfgang Sachs: Die Liebe zum Automobil, 1990, S. 115)
Ob allerdings das Wort „Rutschen“ in dem Satz „Wer diese Reise unternehmen will, muß sich im Rutschen geübt haben“, der auch als Beispiel gilt, wirklich das Reisen bedeutet, ist unklar, wenn man den vollständigen Satz liest: „Wer diese Reise unternehmen will, muß sich im Rutschen geübt haben, und die übelriechende Luft des Abgrundes gewohnt werden, auch die Gefahr nicht achten, eingeschüttet und unter den Ruinen begraben zu werden.“ (Helfrich Peter Sturz, Schriften, 1785, S. 88f.)

Und nun noch meine fünfte These: Vielleicht bedeutet das Rutschen auch einfach nur – Gleiten, in dem Zusammenhang also ein Hinübergleiten ins neue Jahr, oder kurz und knapp „Komm gut rüber!“.

In dem Sinne – all meinen Leserinnen und Lesern alles Liebe und Gute zum neuen Jahr!

Dienstag, 13. Dezember 2011

Gedicht der Woche: Weltende

Weltende

C’est la crise:*

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei,
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei,
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Jakob van Hoddis

(Zitiert nach Walter Hinck: Stationen der deutschen Lyrik: von Luther bis in die Gegenwart: 100 Gedichte mit Interpretationen. Vandenhoeck und Ruprecht 2001, S. 131)

* Ob dieser Zusatz zum Originalgedicht gehört, konnte ich leider nicht feststellen

Mittwoch, 23. November 2011

Gedicht der Woche: Modernes Liebesgedicht

Ich möchte
der Sonnenstrahl sein
an deinem Fenster
der Cursor auf
deinem Bildschirm
die grüne Ampel
auf deinem Weg nach Haus.

Wenn das nicht geht,

dann lass mich das Lachen sein
in deinem Traum.

Jutta Miller-Waldner 

Mittwoch, 16. November 2011

Gedicht der Woche: Komm, sage mir, was du für Sorgen hast

Ach, es gibt Gedichte, bei denen ich denke, warum nur warum fällt mir nicht so etwas ein

Komm, sage mir, was du für Sorgen hast

Es zwitschert eine Lerche im Kamin,
Wenn du sie hörst.
Ein jeder Schutzmann in Berlin
Verhaftet dich, wenn du ihn störst.

Im Faltenwurfe einer Decke
Klagt ein Gesicht,
Wenn du es siehst.
Der Posten im Gefängnis schießt,
Wenn du als kleiner Sträfling ihm entfliehst.
Ich tät es nicht.

In eines Holzes Duft
Lebt fernes Land.
Gebirge schreiten durch die blaue Luft.
Ein Windhauch streicht wie Mutter deine Hand.
Und eine Speise schmeckt nach Kindersand.
Die Erde hat ein freundliches Gesicht,
So groß, daß man’s von weitem nur erfaßt.
Komm, sage mir, was du für Sorgen hast.
Reich willst du werden? – Warum bist du’s nicht?

Joachim Ringelnatz

(In Allerdings. Gedichte. Aurel 2010,  S. 110)