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Montag, 9. Mai 2011

Zitat des Tages: Seneca über das glückselige Leben

Glückselig zu leben, mein Bruder Gallio, wünschen Alle, aber um zu durchschauen, was es sei, wodurch ein glückseliges Leben bewirkt werde, dazu sind sie zu blödsichtig.  Und zu einem glückseligen Leben zu gelangen ist eine so gar nicht leichte Sache, daß Jeder sich um so weiter davon entfernt, je rascher er darauf losgeht, wenn er einmal den Weg verfehlt hat; denn führt dieser nach der entgegengesetzten Seite, so wird gerade die Eile der Grund einer immer größeren Entfernung.

Viuere, Gallio frater, omnes beate uolunt, sed ad peruidendum quid sit quod beatam uitam efficiat caligant; adeoque non est facile consequi beatam uitam ut eo quisque ab ea longius recedat quo ad illam concitatius fertur, si uia lapsus est; quae ubi in contrarium ducit, ipsa uelocitas maioris interualli causa fit.
(http://www.thelatinlibrary.com/sen/sen.vita.shtml)

To live happily, my brother Gallio, is the desire of all men, but their minds are blinded to a clear vision of just what it is that makes life happy; and so far from its being easy to attain the happy life, the more eagerly a man strives to reach it, the farther he recedes from it if he has made a mistake in the road; for when it leads in the opposite direction, his very speed will increase the distance that separates him.
(http://www.foggytown.org/stoicism/seneca-on-the-happy-life)

Seneca Lucius Annaeus, Vom glückseligen Leben (De vita beata; On the Happy Life) http://www.pinselpark.org/philosophie/s/seneca/glueck/glueck1_1.html

Sonntag, 3. Oktober 2010

Seneca über die Zeit

Bewahre die Zeit! / Carpe diem!*

Seneca grüßt seinen Lucilius

Tue es so, mein Lucilius; rette Dich Dir selbst; sammle und bewahre die Zeit, die Dir jetzt bald geraubt, bald entwendet wurde, bald entschlüpfte. Glaube mir, es ist so, wie ich schreibe: ein Teil der Zeit wird uns entrissen, ein anderer unbemerkt entzogen, ein dritter zerrinnt uns. Doch der schimpflichste Verlust ist der, der aus Nachlässigkeit erwächst; und betrachten wir's genauer, so verfließt den Menschen der größte Teil der Zeit, indem sie Übles tun, ein großer, indem sie nichts tun, das ganze Leben, indem sie andere Dinge tun als sie sollten. 

Wen willst Du mir nennen, der einigen Wert auf die Zeit legte, der den Tag schätzte, der es einsähe, dass er täglich stirbt? Das ist unser Irrtum, dass wir den Tod in der Zukunft schauen: er ist zum großen Teil schon vorüber; was von unserem Leben hinter uns liegt, hat der Tod. Also, mein Lucilius, tue, wie Du schreibst; halte alle Stunden zusammen; ergreife den heutigen Tag, so wirst Du weniger von dem morgigen abhängen.

Indem man das Leben verschiebt, eilt es vorüber. Alles, mein Lucilius, ist fremdes Eigentum, nur die Zeit ist unser. Dieses so flüchtige, so leicht verlierbare Gut, ist der einzige Besitz, in den uns die Natur gesetzt hat; und doch verdrängt uns daraus, wer da will. Und so groß ist die Torheit der Sterblichen, dass sie das Geringste und Armseligste, wenigstens das Ersetzbare, haben sie es empfangen, sich aufrechnen lassen, dagegen niemand sich in Schuld glaubt, wenn er Zeit erhalten, während diese doch das einzige ist, was auch der Dankbare nicht erstatten kann.

Seneca Lucilio suo salutem 

Ita fac, mi Lucili: vindica te tibi, et tempus quod adhuc aut auferebatur aut subripiebatur aut excidebat, collige et serva. Persuade tibi hoc sic esse, ut scribo: quaedam tempora eripiuntur nobis, quaedam subducuntur, quaedam effluunt. Turpissima tamen est iactura, quae per neglegentiam fit. Et si volueris adtendere, magna pars vitae elabitur male agentibus, maxima nihil agentibus, tota vita aliud agentibus. 


Quem mihi dabis, qui aliquod pretium tempori ponat, qui diem aestimet, qui intellegat se cottidie mori? In hoc enim fallimur, quod mortem prospicimus: magna pars eius iam praeteriit; quidquid aetatis retro est, mors tenet. Fac ergo, mi Lucili, quod facere te scribis, omnes horas conplectere; sic fiet, ut minus ex crastino pendeas, si hodierno manum inieceris.

Dum differtur vita, transcurrit. Omnia, Lucili, aliena sunt, tempus tantum nostrum est; in huius rei unius fugacis ac lubricae possessionem natura nos misit, ex qua expellit, quicumque vult. Et tanta stultitia mortalium est, ut, quae minima et vilissima sunt, certe reparabilia, inputari sibi, cum inpetravere, patiantur, nemo se iudicet quicquam debere, qui tempus accepit, cum interim hoc unum est, quod ne gratus quidem potest reddere.


(Lucius Annaeus Seneca (Minor): Epistulae morales ad Lucilium (Briefe über Ethik an Lucilius) http://www.gottwein.de/Lat/sen/epist.001.php

*Da ist mir ein schwerer Fehler unterlaufen. Seneca schreibt zwar auch, dass man den heutigen Tag festhalten solle – si hodierno manum inieceris –, aber er schreibt eben nicht "Carpe diem". Das war Horaz in seiner Ode an Leucone: "Carpe diem quam minimum credula postero" – "Nutze den Tag, und vertraue so wenig wie möglich auf den nächsten!", siehe http://juttas-schreibblog.blogspot.de/2012/08/carpe-diem.html

Samstag, 2. Oktober 2010

Seneca über das Alter

Wohin ich mich auch wende, überall finde ich Beweise meines hohen Alters. Bei einem Besuche meines Landgutes in der Nähe der Stadt beklagte ich mich über die Kosten des baufälligen Gutshauses. Der Verwalter erklärte mir, daran sei nicht etwa seine Nachlässigkeit schuld, er lasse es an nichts fehlen, aber das Landhaus sei alt. Dies Landhaus ist unter meinen Händen ausgebaut worden! Worauf muß ich mich gefaßt machen, wenn Steine, die nicht älter sind als ich, schon mürbe werden?

In gereizter Stimmung ergreife ich den nächsten Anlaß, meinen Ärger kundzugeben. "Es liegt am Tage", sage ich, "diese Platanen ermangeln der sorglichen Pflege: sie haben kein Laub. Wie knotig und dürr sind die Äste, wie verkümmert und ungepflegt die Stämme! Dem wäre nicht so, wenn der Boden ringsum gehörig gelockert und bewässert würde". Er schwört bei meinem Schutzgeist, er tue alles, lasse es in keinem Stücke an der nötigen Sorgfalt fehlen, aber die Platanen seien alt. Unter uns gesagt, ich selbst hatte sie gepflanzt, hatte ihr erstes Laub gesehen.

Ich wende mich nun der Tür zu und frage: "Wer ist dieser stumpfe Gesell, der mit Recht seinen Platz am Eingang erhalten hat? Er blickt schon nach dem Grabe. Wo hast du ihn denn aufgelesen? Was fandest du für ein Vergnügen daran, eine fremde Leiche aufzunehmen?" Da rief jener: "Kennst du mich nicht? Ich bin Felicio, den du mit den Bilderchen zu beglücken pflegtest. Ich bin der Sohn deines Verwalters Philositus, dein Liebling". "Er ist rein verrückt", sage ich. "Ist er schon als Bübchen mein Liebling geworden? Wohl möglich: die Zähne fallen ihm eben jetzt aus."

Ich muß meinem Landgut dankbar sein: es hat mir, wohin ich auch die Blicke richtete, mein hohes Alter zum Bewußtsein gebracht. Nehmen wir es also freudig hin und schenken ihm unsere Liebe. Es bietet eine Fülle von Genuß, wenn man es nur von der richtigen Seite anfaßt. Das Obst schmeckt am besten, wenn seine Zeit zu Ende geht; das Knabenalter zeigt seinen größten Reiz im letzten Abschnitt; dem Zecher schmeckt der lelzle Zug am besten, der zum Untertauchen führt und der Trunkenheit die Krone aufsetzt.

Seneca: Wie man seine Lektüre einrichten soll. Aus Lucius Annaeus Seneca (Minor): Epistulae morales ad Lucilium (Briefe über Ethik an Lucilius)